Mercedes S-Klasse

Weltpremiere Die neue S-Klasse – Daimlers Schicksalswagen

Stand: 02.09.2020, 12:10 Uhr

Die neue S-Klasse scheint ein wenig aus der Zeit gefallen: ein klassischer Verbrenner ohne den Hauch von Elektromobilität. Kann Daimler so der Befreiungsschlag gelingen? Oder ist der Dax-Konzern damit endgültig im Gestern angekommen und überlässt Tesla, Audi & Co. die automobile Zukunft?

Heute nimmt der Autobauer Daimler sein neues Werk in Sindelfingen in Betrieb. In der "Factory 56" soll künftig das Flaggschiff von Mercedes, die S-Klasse, gebaut werden. Das neue Modell feiert am Nachmittag (14:00 Uhr) Weltpremiere. Keine andere Baureihe ist so prestigeträchtig, so wichtig fürs Image und damit so bedeutsam für den Konzern.

Die Factory 56

Mit der neuen Fabrik in Sindelfingen will Daimler neue Maßstäbe für die Automobilproduktion setzen. Die Produktion soll dank Vernetzung, Digitalisierung und Datenaustausch in Echtzeit deutlich effizienter werden.

Mit der S-Klasse zurück in die Gewinnzone?

Mit keinem anderen Pkw-Modell verdienen die Schwaben so viel Geld wie mit der S-Klasse, sie ist die mit Abstand profitabelste Baureihe im Hause Daimler. Analysten schätzen die Gewinnmarge auf 15 bis 20 Prozent. Entsprechend groß sind die Hoffnungen des Dax-Konzerns an die neue S-Klasse.

Sollte die S-Klasse bei den Kunden einschlagen, dann wäre eine Rückkehr in die schwarzen Zahlen für das Gesamtjahr 2020 möglich. Im Pandemie-geprägten ersten Halbjahr schrieb Daimler noch einen Verlust von 1,7 Milliarden Euro.

Prall gefüllt mit Innovationen

Doch sieht so wirklich Daimlers Zukunft aus? Auch in der neuen Generation des größten, mehr als fünf Meter langen Mercedes-Pkw wird in der stärksten Motorisierung ein Zwölfzylindermotor laufen. Angeblich auf Wunsch des Kunden. Kritiker nennen den Verbrenner bereits "600-PS-Monster". Eine vollelektrische Version sucht man bei der neuen S-Klasse jedenfalls vergebens.

Dafür ist das neue Modell der Luxuslimousine prall gefüllt mit Innovationen und Digitaltechnologie, mit Spracherkennung der nächsten Generation und Fahrassistenten, die Schlaglöcher schon von Weitem erkennen. Hinzu kommt ein Tesla-ähnlicher Großmonitor zwischen Fahrer und Beifahrer, ein Fingerabdruck-Sensor zur Personalisierung aller Einstellungen sowie ein virtuelles Display, das beispielsweise die Pfeile des Navigationsgerätes direkt im Blickfeld des Fahrers auf die Straße projiziert.

Mercedes S-Klasse

Mit Anleihen bei Tesla: der Großmonitor zwischen Fahrer und Beifahrer. | Bildquelle: Daimler AG

BMW wirft große Verbrenner aus dem Programm

Dass Elektromobilität im Hause Daimler so gar keine Rolle spiele, kann man den Stuttgartern freilich auch nicht vorwerfen. Zuletzt hatte Daimler einen starken Fokus auf die ersten Elektro-Modelle der EQ-Reihe gelegt. Nur muss eines auch den Managern in Stuttgart klar sein: Eine vollelektrische S-Klasse hätte eine ganz andere Symbolwirkung gehabt.

Die heimische Konkurrenz ist um symbolträchtige Schritte nicht ganz so verlegen und kann folglich den „automobilen Zeitgeist“ ganz anders bedienen. So nimmt BMW laut einem Medienbericht in Europa große Verbrennermotoren aus dem Programm und spart sich so die Kosten für eine Anpassung an die neue EU-Abgasnorm zum Jahreswechsel. Der bisherige V12-Top-Benziner mit 585 PS und der Top-Diesel 50d mit 400 PS und vier Turboladern werden laut "Automobilwoche" noch in diesem Jahr gestrichen.

Audi plant „Tesla Fighter“

Derweil konkretisieren sich bei Audi die Pläne für einen „Tesla Fighter“: eine Elektro-Limousine der Oberklasse, Arbeitstitel „Landjet“. Mit der Stromlimousine will Audi einen Gegenentwurf zur nächsten Generation des Oberklasseautos Model S von Tesla auf den Markt bringen.

Ist die neue S-Klasse mit ihren Verbrennermotoren somit ein rückwärtsgewandter Schritt? Nicht unbedingt. Denn die Dichotomie zwischen Elektromobilität und Verbrenner greift zu kurz. Für Autoexperten wie Daniel Schwarz von der Bank Mainfirst bleiben PS-starke Modelle wie die neue S-Klasse unverzichtbar, denn mit ihnen verdienen die traditionellen Autobauer immer noch kräftig Geld. Geld, das den Umstieg auf Elektroautos finanziell erst ermöglicht.

ag

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Mercedes S-Klasse

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Die neue Version des Flaggschiffs, weiterhin ein reiner Verbrenner, soll die Transformation des Autokonzerns hin zu mehr E-Mobilität erst möglich machen.