Hans-Jörg Naumer

Hans-Jörg Naumer, Allianz GI "Die Jahresendrally ist noch nicht abgesagt"

Stand: 11.10.2018, 09:32 Uhr

An der Wall Street purzeln die Kurse wie seit Monaten nicht. Auch hierzulande geht es bergab. Hans-Jörg Naumer, Anlagestratege bei der Fondsgesellschaft Allianz Global Investors, macht viele Gründe dafür verantwortlich, will aber noch nicht von einer Korrektur sprechen - und richtet eine Empfehlung an Jerome Powell.

boerse.ARD.de: Herr Naumer, was sind aus Ihrer Sicht die Gründe für den Kurssturz am Abend an der Wall Street?

Hans-Jörg Naumer: Ich glaube, dass es den Anlegern derzeit an Orientierung mangelt. Dafür gibt es einen ganzen Cocktail von Gründen. So hat die Aussage von Jerome Powell, dem Chef der amerikanischen Notenbank Fed, zur künftigen Entwicklung der Geldpolitik Unruhe erzeugt, weil Powell sich zu unklar zu seinen Absichten geäußert hat. Die Aussicht auf steigende Zinsen hat zu einem Anstieg der Renditen auf dem Anleihemarkt geführt. Die Zinsen für zehnjähige US-Bonds klettern in Richtung vier Prozent. Das macht dem Aktienmarkt natürlich zu schaffen. Gleichzeitig beobachten wir neue inflationäre Impulse, obwohl sich die Weltkonjunktur, sieht man von den USA ab, auch in Europa - abschwächt. Für sich alleine genommen ein Kontext, in dem die Leitzinsen eigentlich nicht weiter steigen dürften.

boerse.ARD.de: Hat Donald Trump also Recht, wenn er sich über die Geldpolitik der Fed beschwert?

Naumer: Nein. Grundsätzlich liegt Powell mit seiner Politik genau richtig. Die amerikanische Wirtschaft, befeuert von der Trump'schen Steuerreform, droht zu überhitzen. Angesichts der derzeitigen Wachstumsraten muss man sich sogar fragen, wie „great“ Amerika denn noch werden soll. Deshalb sind wir vom Kurs der Fed auch nicht überrascht. Allerdings waren die jüngsten Aussagen von Powell etwas nebulös, wenn er weiter in die Zukunft blickt.

boerse.ARD.de: Tragen auch die Störfeuer aus dem Weißen Haus zur Verunsicherung der Märkte bei?

Naumer: Hilfreich sind die Einlassungen aus dem Weißen Haus nicht. Ich befürchte, dass Powell noch öfter mit Trump ins Gehege kommen wird. Doch die Notenbank muss standhaft bleiben und ihre Glaubwürdigkeit verteidigen, sonst gibt es noch größeres Ungemach an den Märkten. Das bedeutet, dass die Fed ihre Geldpolitik wenn nötig auch gegen den Willen des US-Präsidenten durchsetzen muss. Sie muss auf ihre Unabhängigkeit pochen.

boerse.ARD.de: Wird die Korrektur an den Märkten in den nächsten Wochen weitergehen?

Naumer: Ich glaube nicht, dass man derzeit schon von einer Korrektur sprechen kann. Dafür müssten ja die Kurse um 20 Prozent einbrechen, zumindest wird ab dann erst ab einer Korrektur gesprochen. Ich glaube vielmehr, dass die Anleger im Moment nicht so genau wissen was sie tun sollen, der Markt deshalb sehr volatil bleiben wird. Allerdings dürfte die morgen in den USA startende Bilanzsaison die Lage wieder etwas beruhigen, denn wir erwarten einen weiteren Gewinnanstieg der Unternehmen. In den USA dürfte das Plus im dritten Quartal im Schnitt 20 Prozent betragen, in Europa wo die Konjunktur nicht ganz so sehr brummt – und wo der Impuls der Steuersenkungen fehlt - sind im Schnitt immer noch zehn Prozent mehr Gewinn drin.

boerse.ARD.de: Wo sehen Sie den Dax zum Jahresende?

Naumer: Das Gute ist: Die Jahresendrally ist noch nicht abgesagt. Es wird aber ein sehr kurvenreicher Weg bis zum Jahresende. Sicher ist, dass die Leitzinsen in der Eurozone bis weit in das kommende Jahr hinein unverändert bleiben dürften. Bis Ende 2019 erwarten wir höchstens ein Zinsschrittchen. Ein erhöhtes Risiko geht allerdings von Italien aus, wo die Politik die Ausgaben weiter in die Höhe treibt - gegen den Willen der EU-Kommission. Dabei ist eine Konfrontation mit Brüssel derzeit das Letzte, was wir brauchen können. Es bleibt also unruhig.

Das Gespräch führte Lothar Gries.