Schaufenster mit hohen Rabatten

Schnäppchenjäger lauern Deutsche Industrie vor dem Ausverkauf?

von Notker Blechner

Stand: 08.04.2020, 06:45 Uhr

Im Sog des Corona-Crashs sind die Kurse der meisten Unternehmen regelrecht zusammengeschmolzen. Manche deutsche Traditionsfirmen sind jetzt so billig, dass sie von ausländischen Investoren geschluckt werden könnten. Droht eine Übernahmewelle?

Anfang des Jahres hatte die Lufthansa noch eine Marktkapitalisierung von knapp acht Milliarden Euro. Jetzt ist Europas größte Fluggesellschaft nur noch gut die Hälfte, vier Milliarden Euro wert. Einen ähnlichen heftigen Kursverfall musste Daimler hinnehmen. Der Börsenwert des Stuttgarter Autobauers ist binnen vier Monaten von 53,8 auf 29,4 Milliarden Euro geschrumpft. Zum Vergleich: Der Elektroauto-Pionier Tesla wird fast um das Dreifache höher bewertet an der Börse.

Leichte Beute für Investoren

Schnäppchenjäger reiben sich die Hände. Seit der Finanzkrise waren viele deutsche Traditionskonzerne nicht mehr so günstig wie jetzt. Sie könnten jetzt zur leichten Beute für Investoren aus China, USA oder der arabischen Welt werden. Private-Equity-Gesellschaften, Family Offices, Staatsfonds und Staatsunternehmen stehen in Lauerstellung.

Die ersten Investoren haben zugegriffen: Der 78-jährige Knorr-Bremse-Haupteigner Heinz Hermann Thiele ist bei der Lufthansa eingestiegen und hält jetzt zehn Prozent der Anteile. Was er mit der Beteiligung an der Airline vorhat, hat der Selfmade-Milliardär noch nicht verraten. Ganz übernehmen wird er die Fluggesellschaft wohl kaum. Er könnte aber Partner suchen - oder warten, bis sich die Aktien erholen und Kursgewinne einstreichen. Beim Schienenhersteller Vossloh hat Thiele vor Jahren bereits die Mehrheit erworben.

Angesichts der niedrigen Kurse bei europäischen und deutschen Vorzeigeunternehmen schrillen in Brüssel und Berlin die Alarmglocken. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen warnte Ende März vor einem Ausverkauf der europäischen Wirtschaft in der Corona-Krise. "Einige Sektoren sind für unsere Sicherheit, die Gesundheit der Bevölkerung und die wirtschaftliche Souveränität Europas von zentraler Bedeutung." Sie bat die nationalen Regierungen, Investitionen von außerhalb der EU sehr sorgfältig zu prüfen.

Berlin will deutsche Firmen vor Übernahmen schützen

Die Bundesregierung befürchtet, dass chinesische oder arabische Investoren die Kursschwäche nutzen, um billig einzusteigen und beim einen oder anderen Unternehmen die Mehrheit übernehmen. Deshalb hat Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) eine kleine Brandmauer errichtet. 100 Milliarden Euro des 600 Milliarden Euro schweren Corona-Hilfspakets sind für Bundesbeteiligungen reserviert. Gerät ein wichtiger Transport-Konzern wie die Lufthansa in Schwierigkeiten, könnte der Staat mit Anteilen einspringen. Teilverstaatlichungen nennen die Medien das.

Schon einmal sprang der Bund in die Bresche. In der Finanzkrise stieg er bei der Commerzbank ein, der nach der Übernahme der Dresdner Bank das Geld auszugehen drohte. Bis heute ist der Staat beim Frankfurter Geldinstitut Großaktionär geblieben.

Erobern die Chinesen die Macht bei Daimler?

Daimler: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
57,41
Differenz relativ
-0,93%

Neben dem Airline-Sektor ist auch die Autobranche hart vom Shutdown wegen der Pandemie getroffen. Der europäische Automarkt könnte 2020 um gut ein Fünftel einbrechen. Als besonders verwundbar für eine Übernahmeattacke gilt Daimler. So gab es jüngst Gerüchte, wonach die chinesischen Aktionäre Geely und BAIC versuchen, ihre Anteile am schwäbischen Autobauer aufzustocken. Den Chinesen wird schon seit geraumer Zeit Interesse an einer stärkeren Beteiligung nachgesagt.

An einen Ausverkauf der Dax-Konzerne glauben aber die meisten Finanzexperten nicht. "Im Dax wird jedes Unternehmen vom Staat gestützt werden", ist der Ex-Analyst Peter Seppelfricke, jetzt Professor für Betriebs- und Finanzwirtschaft an der Hochschule Osnabrück, überzeugt. Besonders bei Infrastrukturfirmen werde Berlin eine Übernahme nicht zulassen. Die Lufthansa oder Airbus würden gegebenenfalls mithilfe von Staatsbeteiligungen aufgefangen.

Eher gefährdet sehen Experten wie Seppelfricke kleinere Unternehmen aus der zweiten oder dritten Börsenreihe. "Da wird sich der Bund nicht beteiligen." Vielen Firmen aus dem MDax und SDax drohe deshalb die baldige Insolvenz, prophezeit er. Seppelfricke hat alle Dax-, MDax- und SDax-Firmen auf ihr Insolvenzrisiko untersucht. Dabei sieht er bei sechs Unternehmen hohe operative und finanzielle Risiken: der Lufthansa, Fraport, CTS Eventim, Grenke, Sixt und Borussia Dortmund.

Mehrere Übernahmekandidaten im MDax und SDax

Von diesen wäre am ehesten Sixt ein Übernahme-Kandidat, glaubt Seppelfricke. Der Streubesitz des Autovermieters liegt bei 94 Prozent, die Marktkapitalisierung liegt nur noch bei 1,7 Milliarden Euro. "Die attraktive Positionierung und Bewertung von Sixt dürfte Finanzinvestoren anziehen. Ohne eine Zustimmung der Familie wäre allerdings eine Übernahme, wie bei vielen deutschen Familienunternehmen, nicht möglich." Bei CTS Eventim und Grenke haben die Gründer ebenfalls ein Bollwerk gegen feindliche Übernahmen errichtet. Und bei Borussia Dortmund verhindert laut Seppelfricke die Rechtsform einen Mehrheitserwerb durch einen Investor.

Mehrere deutsche Unternehmen haben bereits Staatshilfe beantragt. Dazu zählen Ceconomy, die Mutter von Media Markt und Saturn, der angeschlagene Autozulieferer Leoni, die Nanotechnik-Firma Nanogate und die Ferienfluggesellschaft Condor. Es ist kein Zufall, dass diese auch schon vor der Corona-Krise Probleme hatten. Firmen wie Leoni gelten schon seit längerer Zeit als potenzieller Übernahmekandidat.

Übernahmewelle kommt erst später

Mit einer großen Übernahmewelle rechnet Finanzexperte Seppelfricke indes nicht. Denn viele Investoren müssten in der Krise erst mal ihr Geld zusammenhalten. In der hart gebeutelten Auto-Industrie zum Beispiel gebe es derzeit keinen großen Konsolidierer, sagen Investmentbanker. Erst nach der Krise dürften die Fusionen wieder an Fahrt gewinnen, glaubt Autoanalyst Frank Schwope von der NordLB.

Auch die Manager der Autokonzerne glauben nicht an den Ausverkauf der deutschen Industrie. "Diese Gefahr halte ich nicht für wirklich hoch", sagte am Wochenende Andreas Renschler, Chef der VW-Nutzfahrzeugtochter Traton. Ähnlich klingen die Äußerungen von Daimler-Boss Ola Källenius. Trotz der dramatischen aktuellen Situation mit der weitgehend stillgelegten Produktion sehe er die Marke mit dem Stern nicht in einem Überlebenskampf, versicherte der Schwede im Interview mit der BBC.

Gehen die deutschen Konzerne selbst auf Schnäppchenjagd?

Es könnte aber auch sein, dass die deutschen Konzerne die Corona-Krise nutzen, um selbst auf Shopping-Tour zu gehen. Wie die Unternehmensberatung Boston Consulting in einer am Montag veröffentlichten Studie zeigt, taten dies ein paar Dax-Firmen erfolgreich in oder kurz nach der Finanzkrise. Damals übernahm BASF Ciba und Cognis für mehrere Milliarden Euro, Merck schluckte Millipore, und die Lufthansa acquerierte Austrian Airlines. Die Zukäufe zahlten sich aus.