Reicht das Wachstum ohne Fusion? Deutsche Börse: Krisengewinner mit Einschränkungen

Stand: 19.05.2020, 15:39 Uhr

Auf seiner ersten virtuellen Hauptversammlung zeigt sich der Frankfurter Börsenbetreiber optimistisch. Die Umsätze und Erträge wachsen auch während der Corona-Pandemie weiter. Die Aktionäre erhalten eine Dividende. Doch etwas fehlt noch zum großen Glück.

Als Vorstandschef Theodor Weimer heute Morgen an den Bildschirmen der Interessenten auftauchte und die wichtigsten Botschaften an die Anteilseigner weitergab, konnte der Manager auf eine bemerkenswerte Geschäftsentwicklung zurückblicken. Und auch die kurz- und mittelfristige Zukunft sieht durchaus ermutigend aus.

Corona-Crash treibt Geschäfte an

Bereits Ende April hatte die Deutsche Börse ihre Krisenresistenz schwarz auf weiß demonstriert: Der Umsatz kletterte in den ersten drei Monaten um mehr als ein Viertel auf 915 Millionen Euro. Operativ verdiente das Unternehmen mit 620 Millionen Euro sogar fast ein Drittel mehr. Die Börsenturbulenzen während und nach dem "Corona-Crash" haben hohe Handelsaktivitäten an den Börsen ausgelöst - gut für einen Börsenbetreiber.

ARD-Börsenstudio: Dieter Reeg

ARD-Börse: Deutsche Börse - Corona-Profiteur

Heute kann auch wegen eines guten vergangenen Geschäftsjahres 2019 eine Dividende von 2,90 Euro je Aktie ausgelobt werden - eine Dividendenrendite von rund zwei Prozent ist für die Aktionäre ein warmer Regen in Zeiten allgemein niedriger Kapitalmarkterträge. Und auch der Aktienkurs des Konzerns ist ein starkes Argument für das Management und seine Strategie. Das Papier der Deutschen Börse hat die vergangenen drei Monate unter dem Strich praktisch ohne Blessuren überstanden. Den Dax hat die Börsen-Aktie dabei klar hinter sich gelassen.

Schiere Größe zählt

ARD-Börsenstudio: Konrad Busen

ARD-Börse: Deutsche Börse - Jetter löst Faber ab - Corona-Gewinner

Analysten loben das organische Wachstum des Unternehmens, sehen aber zum Teil einen letzten wichtigen Schritt noch nicht erledigt: Nämlich den Schritt zur großen Fusion oder Übernahme. Erst dadurch würde die Deutsche Börse im globalen Markt der Handelsplätze in der ersten Liga spielen. Dass man "auf Dauer nicht mit den Großen mithalten" könne, betonte vor wenigen Tagen sogar Joachim Faber, der scheidende Aufsichtsratschef des Unternehmens in einem Interview mit der "Frankfurter Allgemeine Zeitung". "Die Börse hat sich toll entwickelt, aber im Konzert mit den globalen Akteuren mache ich mir Sorgen", so Faber. Unter Carsten Kengeter, dem Vorgänger von Börsenchef Weimer, war der Zusammenschluss mit der Londoner LSE zum wiederholten Mal gescheitert.

Auch manche Aktionäre sind unzufrieden mit der Wachstumsstrategie des Frankfurter Börsenbetreibers, obwohl die Deutsche Börse in den vergangenen Jahren durch mehrere kleine Übernahmen und Marktanteilsgewinne gewachsen ist und die Aktie der Börse nahe dem im Februar Rekordhoch notiert. "Als Aktionär wollen wir vor allem, dass die Aktienkursentwicklung endlich dauerhaft mithalten kann mit den anderen führenden Börsenbetreibern", monierte Fondsmanagerin Alexandra Annecke von Union Investment. 2019 habe die Londoner Börse LSE der Deutschen Börse mit der besseren Kursentwicklung und der Übernahme des Datenanbieters Refinitiv die Show gestohlen. Durch die 27 Milliarden Dollar schwere Refinitiv-Übernahme wächst die LSE nicht nur kräftig, sondern schnappte der Börse auch die Devisenhandelsplattform FXall weg.

Weimer lehnt Mega-Deals ab

Solche Mega-Deals schließt Weimer trotz des erheblichen Konsolidierungsdrucks in der Branche aber weiter aus. "Transformatorische Fusionen stehen nicht auf unserer Tagesordnung", sagte er auf der Hauptversammlung. Gleichwohl setzt der Börsenchef bei der neuen Strategie, die er im vierten Quartal präsentieren will, verstärkt auf Übernahmen. "Zukäufe werden dabei eine wichtige Rolle spielen." In Nischen wie dem Devisengeschäft könnte die Deutsche Börse expandieren.

Theodor Weimer

Theodor Weimer. | Bildquelle: picture alliance / Arne Dedert/dpa

Weimer, dessen Strategie des organischen Wachstums gelobt wird, steht derzeit im Visier von Aktionärsschützern. Obwohl sein Vorstandsmandat gerade um vier Jahre bis 2024 verlängert wurde, will Weimer laut Medienberichten in den Aufsichtsrat der Deutschen Bank einziehen. Dort könnte er den langjährigen Chefkontrolleur, Paul Achleitner in einiger Zeit an der Spitze des Kontrollgremiums beerben. Die Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) sieht dazu "Erklärungsbedarf" auf der Hauptversammlung. Das gilt laut der DSW auch für den Cum-Ex-Skandal. Denn auch die Deutsche Börse war ins Visier von Ermittlungen geraten.

Börsen-Chef will Vertrag erfüllen

Deutsche-Börse-Chef Theodor Weimer erklärte auf der Hauptversammlung, er werde seinen Vertrag erfüllen. Er hält sich aber einen Wechsel an die Spitze des Deutsche-Bank-Aufsichtsrats offen. Solange er Deutsche-Börse-Chef sei, werde er nicht Vorsitzender des Kontrollgremiums der Deutschen Bank, sagte Weimer. "Alles andere ist Spekulation." Ob er bis 2024 weitermache, hänge unter anderem auch von der Unterstützung der Aktionäre und des Aufsichtsrats ab.

Mehr als 99 Prozent der Aktionäre sprachen sich zwar für die Entlastung von Vorstand und Aufsichtsrat aus, dennoch kassierten Weimer und seine Vorstandskollegen auf der Hauptversammlung einen Dämpfer. Für das neue Vergütungssystem für den Vorstand stimmten nur gut 65 Prozent der Anleger. Wichtige Investoren wie die Fondsgesellschaften DWS und Union Investment kritisierten, dass es nicht transparent genug sei.

Zum neuen Aufsichtsratschef der Deutschen Börse wurde der IBM-Manager Martin Jetter gewählt. Der 61-Jährige tritt die Nachfolge von Faber an, der seit 2012 an der Spitze des Kontrollgremiums stand.

AB