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Deutsche Börse will starre Regeln ändern Wirecard: Dax-Rauswurf im August

Stand: 17.07.2020, 18:01 Uhr

Der insolvente Zahlungsabwickler Wirecard muss die erste deutsche Börsenliga wahrscheinlich im August verlassen. Die Deutsche Börse erwägt, Pleitefirmen künftig schneller aus der Dax-Familie zu verbannen.

Nach den geltenden Indexregeln würde Wirecard erst zum 21. September aus dem Index fliegen - nicht nur wegen der Insolvenz, sondern auch wegen des auf nur noch 260 Millionen Euro eingebrochenen Börsenwerts. Doch vielen Marktteilnehmern war das zu langsam, der Druck auf die Deutsche Börse, schneller zu reagieren, wurde zuletzt immer größer.

"Unsere Diskussionen mit den Marktteilnehmern haben uns gezeigt, dass dieses Verfahren nicht den Erwartungen eines großen Teils (von ihnen) entspricht", erklärte die Deutsche Börse am Freitag. Nun sollen die Regeln in den nächsten vier Wochen geändert werden.

Pleite-Firmen sollen künftig sofort aus Indizes ausscheiden

Künftig sollen Unternehmen nach einem Insolvenzantrag binnen zwei Handelstagen aus den Dax-Auswahlindizes (auch MDax, SDax und TecDax) ausscheiden, bisher ist das erst bei der nächsten regulären Überprüfung vorgesehen, die alle drei Monate fällig ist. Sollte ein Unternehmen wieder aus dem Insolvenzverfahren herauskommen und ein zweites Leben anfangen, kann es sich für Dax, MDax, SDax und TecDax neu qualifizieren.

Der Börsenbetreiber lässt nun erstmal die Marktteilnehmer zu Wort kommen. Sie können sich bis zum 7. August unter der Mail-Adresse consultation@stoxx.com zur geplanten Änderung des Regelwerks und dem Sofort-Rausschmiss von insolventen Firmen äußern. Auf der Web-Seite dax-indices.com werden die Vorschläge der Börse erörtert.

Marktteilnehmer sollen ihre Meinung äußern

Wirecard: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
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Spätestens am 13. August möchte die Börse das Ergebnis der Umfrage unter Fondsmanagern, Händlern und anderen Investoren auswerten - und eine Entscheidung treffen. Das Regelwerk könnte dann binnen einer Woche geändert werden. Somit droht Wirecard der Dax-Ausschluss in der zweiten August-Hälfte.

Der Zahlungsabwickler, der 2018 in den Leitindex aufgerückt war, hatte nach einem Bilanzskandal am 25. Juni Insolvenz angemeldet. Als Nachrücker hat der Essens-Lieferdienst Delivery Hero derzeit die Nase vorn - vor dem Aromen-Hersteller Symrise aus dem niedersächsischen Holzminden. Delivery Hero hatte sein Deutschland-Geschäft an den Konkurrenten Just Eat Takeaway ("Lieferando") verkauft. Als Spiegelbild der deutschen Wirtschaft, die der Dax abbilden soll, kann das ehemalige Start-up damit also kaum gelten.

Große Dax-Reform geplant

Anja Kohl
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Wirecard-Skandal zieht Kreise

Darüber hinaus arbeitet die Deutsche Börse an einer Reform des Dax-Regelwerks. Bis Ende September will sie ihre Vorschläge dem Index-Arbeitskreis vorlegen und dann erneut die Marktteilnehmer darüber abstimmen lassen. Über die Inhalte hält sich der Indexanbieter bedeckt. Möglicherweise wird es um eine Loslösung der Dax-Indices vom Prime Standard gehen, heißt es in den Medien. Auch eine Dax-Vergrößerung könnte diskutiert werden. Deutsche-Börse-Chef Theodor Weimer hatte bereits vor zwei Jahren eine Erweiterung des bisher aus 30 Werten bestehenden Dax ins Gespräch gebracht.

Ein Thema könnten auch die Berichtspflichten für die Index-Unternehmen sein, die bisher alle drei Monate recht ausführlich Rechenschaft über den Geschäftsverlauf ablegen müssen. Allianz- Chef Oliver Bäte hatte sich dafür ausgesprochen, die vorgeschriebenen Mitteilungen zum ersten und dritten Quartal zu streichen - und steht mit der Forderung im Dax nicht allein.

Bisher waren alleine der Börsenwert des Streubesitzes (Marktkapitalisierung) und dem Handelsumsatz entscheidend für die Mitgliedschaft in der ersten deutschen Börsenliga. Über die Dax-Zusammensetzung entschied der Arbeitskreis Aktienindizes alle drei Monate.

nb