Handelssaal der deutschen Börse

Verjüngungskurs angemahnt Deutsche Börse will 40 Dax-Konzerne

Stand: 05.10.2020, 14:29 Uhr

Spätestens seit dem Skandal um Wirecard erschien eine Umgestaltung des deutschen Leitindex' Dax unvermeidlich. Jetzt beugt sich die Deutsche Börse offenbar den Forderungen der Großinvestoren.

Tatsächlich schlägt der Frankfurter Börsenbetreiber eine Vergrößerung des Dax von 30 auf 40 Unternehmen vor und plant härtere Auflagen für die Mitgliedschaft im deutschen Leitindex. "Es ist kein Geheimnis, dass ich persönlich die Ausweitung des Dax 30 auf einen Dax 40 begrüßen würde", sagte Vorstandschef Theodor Weimer am Morgen in einer Mitteilung. Gleichzeitig soll die Zahl der im MDax notierten Firmen von 60 auf 50 verringert werden.

Anleger können sich nun bis zum 4. November äußern, ob sie die Vorschläge befürworten. "Ich bin auf das Ergebnis gespannt und bin sicher, dass die Weiterentwicklung der Kriterien dem deutschen Kapitalmarkt zu weiterer Qualität verhilft", sagte Weimer.

Nur nachweislich profitable Unternehmen

Neben der Ausweitung der Mitgliederzahl schlägt die Börse zusätzliche Einstiegsvoraussetzungen vor. So sollen nur noch "nachweislich profitable" Unternehmen in die erste deutsche Börsenliga aufsteigen können. Damit wäre dem jüngsten Dax-Mitglied, dem Essenszulieferer Delivery Hero, die Aufnahme in den Index verwehrt worden.

Zudem schlägt die Börse vor, dass nicht fristgerechte Vorlage von Quartalsberichten zum Indexausschluss führen kann. So hatte der inzwischen insolvente Finanzdienstleister Wirecard die Veröffentlichung seiner Quartalszahlen immer wieder verschoben.

Hinzu kommt: Auch ein Prüfungsausschuss des Aufsichtsrats, der etwa die Rechnungslegung überwacht, soll für die Mitgliedschaft in den Dax-Auswahlindizes (Dax, MDax, TecDax, SDax) verpflichtend sein. Zudem will die Deutsche Börse Firmen aus der Dax-Familie ausschließen, die mehr als zehn Prozent ihrer Umsätze mit kontroversen Waffen erzielen.

Dax 30 als Industriemuseum verspottet

Anja Kohl
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Der Dax soll größer werden

Die Indexzusammensetzung will die Börse künftig alle sechs Monate statt einmal jährlich regulär überprüfen. Damit wolle man Veränderungen in der Kapitalmarktlandschaft schneller auch im Dax umsetzen können, hieß es zur Begründung. Die Ergebnisse der Konsultation will die Deutsche Börse vor dem 23. November veröffentlichen. Regeländerungen sollen frühestens für die Überprüfung ab März 2021 wirksam werden.

Die Änderungen dürften bei den Fondsgesellschaften und Beteiligungsunternehmen auf große Zustimmung stoßen. Einige Investoren sollen über die derzeitige Zusammensetzung des Dax schon als "Industriemuseum der deutschen Wirtschaft" gespottet haben. Tatsächlich wird der Dax von meist über 100-jährigen Industrieunternehmen aus der Chemie- und Pharmabranche (BASF, Bayer) und dem Automobilsektor dominiert.

Verjüngungskur angemahnt

ARD-Börsenstudio: Konrad Busen

Börse 9.20 Uhr: Dax bald größer?

Junge, aufstrebende Firmen oder Überflieger wie der Aromahersteller Symrise, der Göttinger Medizinzulieferer Sartorius, der Onlinehändler Zalando oder das Biotechunternehmen Qiagen sind dagegen in der ersten Börsenliga nicht zu finden. Startups wie das Biotechunternehmen Curevac gehen gleich an die New Yorker Börse, weil sie befürchten müssen, dass sie in Frankfurt nicht genug Investoren finden.

Den Großanlegern zufolge ist es also höchste Zeit, dass der Dax eine Verjüngungskur erhält, auch wenn Deutschland das Problem hat, dass viele potenzielle Dax-Kandidaten (Dr. Oetker, Bosch, Würth, Bertelsmann) gar nicht börsennotiert sind - und ein Silicon Valley gibt es hierzulande schon gar nicht.

Dennoch dürfte für viele ausländische Investoren eine Ausweitung der Dax-Mitgliederzahl ein nachvollziehbarer und wünschenswerter Schritt sein, denn Deutschland steht in dieser Hinsicht schon lange weitgehend alleine da. In Frankreich mit dem Cac 40 und in Italien mit dem FTSE MIB umfassen die Top-Indizes schon lange 40 Werte, der FTSE in London zählt sogar 100 Titel.

Experten begrüßen den Vorschlag

In ersten Reaktionen äußerten sich Experten positiv. "Wir würden eine Vergrößerung des Dax begrüßen", sagte Fondsmanager Jürgen Hackenberg von Union Investment. "Damit würden sich die Indexgewichte der bisherigen Dax-Mitglieder verringern."

Auch Uwe Streich, Indexexperte der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW), sprach sich für mehr Werte im deutschen Leitindex aus. "Im Dax besteht das Problem, dass einige große Titel ein zu hohes Gewicht haben können." Nach Berechnungen der Deutschen Börse würde die Marktkapitalisierung des Dax durch eine Vergrößerung um acht Prozent steigen, auf Risiko und Rendite des Leitindex hätte der Schritt dagegen so gut wie keine Auswirkungen. Zugleich würde der MDax durch seine Verkleinerung und den Dax-Aufstieg seiner größten Mitglieder fast ein Drittel seiner Marktkapitalisierung verlieren.

lg

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Das sind die heißesten Dax-Kandidaten Wer hat Chancen auf den Dax 40-Aufstieg

<strong>Airbus</strong><br/>Als einer der heißesten Kandidaten für einen Aufstieg in den Dax gilt der Flugzeugbauer Airbus. Er ist bereits im französischen Leitindex Cac 40 enthalten und bringt derzeit 52 Milliarden Euro auf die Waage. Da sich die Deutsche Börse nicht zu einer Ächtung von Waffenherstellern durchringen konnte (Airbus baut auch Trägerraketen) steht einem Aufstieg wohl nichts im Wege.: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum 6 Monate

Airbus
Als einer der heißesten Kandidaten für einen Aufstieg in den Dax gilt der Flugzeugbauer Airbus. Er ist bereits im französischen Leitindex Cac 40 enthalten und bringt derzeit 52 Milliarden Euro auf die Waage. Da sich die Deutsche Börse nicht zu einer Ächtung von Waffenherstellern durchringen konnte (Airbus baut auch Trägerraketen) steht einem Aufstieg wohl nichts im Wege.