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Neuer Tiefpunkt Deutsche Bank: Welch ein Verfall!

von von Lothar Gries

Stand: 04.09.2018, 10:08 Uhr

Neue Hiobsbotschaft für Deutschlands größte Bank: Sie muss aus Europas erster Börsenliga, dem EuroStoxx 50, absteigen. Denn im europäischen Vergleich ist die Deutsche Bank nur noch ein kleiner Fisch, der Börsenwert ist in den letzten Monaten weggeschmolzen. Wie konnte es nur so weit kommen?

Um das Ausmaß des Niedergangs zu verstehen, empfiehlt sich zunächst ein Blick auf den Aktienkurs: Er offenbart einen verheerenden Schrumpfungsprozess. Allein seit Jahresbeginn haben die Papiere der Deutschen Bank fast 40 Prozent an Wert eingebüßt. Selbst die Marke von 10,00 Euro pro Aktie wurde gerissen. Damit wird die Bank an der Börse nur noch mit 20 Milliarden Euro bewertet.

Noch schlimmer sieht es im langfristigen Vergleich aus: Seit dem Hoch im Frühjahr 2007, also kurz vor Ausbruch der Finanzkrise, ist die Deutsche Bank-Aktie um gut 90 Prozent abgeschmolzen. Eine gigantische Wertvernichtung, die in der europäischen Bankenbranche nur ganz wenige, vergleichbare Häuser erlitten haben.

Lange Geschichte des Verfalls

Die Folge: Die Deutsche Bank wird aus dem EuroStoxx 50 geworfen. Das habe die Quartalsprüfung des Indexanbieters Stoxx ergeben, bestätigte am Dienstagmorgen Uwe Streich, Indexanalyst bei der Landesbank Baden-Württemberg. Es sei zwar nicht ausgeschlossen, dass das Haus eines Tages wieder in die erste Börsenliga aufsteigt, sagte Streich dem "Handelsblatt". Derzeit sehen Experten wie Streich, aber "keine Chance, dass die Deutsche Bank das Index-Re-Balancing überleben wird". Nur wenn die Aktie in naher Zukunft einen riesigen Satz mache, etwa anlässlich einer Fusion oder Übernahme, könne eine Rückkehr in den EuroStoxx 50 gelingen.

Deutsche Bank-Chart

Kursverlauf der Deutsche Bank-Aktie in den vergangenen zwölf Monaten.. | Bildquelle: und Quelle: boerse.ARD.de

Für die Deutsche Bank ist der Rauswurf aus dem Index ein weiterer Tiefpunkt in einer langen Geschichte des Verfalls. Dieser hat sich zuletzt deutlich beschleunigt. Fast neun Milliarden Euro an Verlusten hat die Bank allein in den letzten drei Jahren angehäuft. Eine Folge aus Strafzahlungen, sinkenden Einnahmen und horrenden Bonizahlungen an einige wenige Investmentbanker. Dass letztere es waren, die mit ihren teils kriminellen Geschäften die Bank an den Rand des Abgrunds getrieben haben und dafür auch noch mit millionenschweren Vergütungen belohnt werden, gilt bei Kritikern als die eigentliche Ursache für die Krise der Bank.

Vier Mal die Anleger angezapft

Deutsche Bank-Chef Christian Sewing

Deutsche Bank-Chef Christian Sewing. | Bildquelle: dpa

So musste das Institut allein wegen des Verkaufs fauler Hypothekenpapiere in Amerika, die es einst als werthaltige Papiere anbot, eine Entschädigung von 7,2 Milliarden Dollar berappen, nachdem es zuvor schon über fünf Milliarden Dollar für diverse andere Verfehlungen gezahlt hatte. Vier Mal wurden die Anleger deshalb um frisches Kapital angezapft. Bei der letzten Kapitalerhöhung im April 2017 sammelte die Bank acht Milliarden Euro ein. Ob und wie lange das reicht, weiß niemand. Für Christian Sewing, der im Frühjahr den nur drei Jahre amtierenden Briten John Cryan an der Spitze des Instituts ablöste, ist der Konzern ausreichend kapitalisiert.

Strategisch scheint der noch vor wenigen Jahren von dem damaligen Führungsduo Jürgen Fitschen und Anshu Jain formulierte Anspruch, ein global agierendes Bankhaus zu sein, heute wie ein schlechter Witz. Der Dominanz der amerikanischen Investmentbanken hat die Deutsche Bank nichts mehr entgegenzusetzen. Selbst auf europäischer Ebene musste sie vor der Übermacht der großen französischen und Schweizer Banken zurückweichen. Und im Geschäft mit deutschen Privatkunden dominieren wie eh und je Sparkassen, Volksbanken und die holländische Direktbank Diba.

"Störungen im Betriebsablauf"

Deutsche Bank: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
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Die Begründungen des Managements für die desolate Lage erinnern ein wenig an die der Deutschen Bahn für die Verspätungen ihrer Züge. Während hier von "Störungen im Betriebsablauf" die Rede ist, verweisen die Banker auf das "ungünstige Ertragsumfeld an den Finanzmärkten" oder auf "Sonder- und Einmaleffekte".

EuroStoxx 50: Kursverlauf am Börsenplatz DJ Stoxx für den Zeitraum Intraday
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Dass es die Bank schafft, dieses Tal der Tränen aus eigener Kraft zu verlassen, halten Analysten für unwahrscheinlich. So hat der Experte der Citigroup den fairen Wert der Deutsche Bank-Aktie auf nur noch 7,50 Euro gesenkt. Das Bankhaus verfüge zwar über ausreichend Barmittel, die Gewinndynamik bleibe aber ebenso schwach wie die Kapitalausstattung. Soll heißen: Finger weg von dieser Aktie.

Kommt die Fusion mit der Commerzbank?

Selbst der Analyst der Hamburger Berenberg-Bank hat jüngst sein Kursziel um ein Drittel von 12,00 auf 8,00 Euro gesenkt. Die Deutsche Bank dürfte im Jahr 2020 eine Kapitalrendite von lediglich drei Prozent erwirtschaften und verliere in einer von strukturellem Niedergang geprägten Branche Marktanteile. Fällt die Aktie nun aus dem EuroStoxx 50, sind weitere Kursverluste wahrscheinlich, weil viele Großinvestoren ihre Portfolios an die neue Indexzusammensetzung anpassen müssen.

Marktkapitalisierung von Wirecard, Deutsche Bank und Commerzbank

Marktkapitalisierung von Wirecard, Deutsche Bank und Commerzbank. | Bildquelle: Unternehmen, Grafik: boerse.ARD.de

Für die meisten Experten ist die Bank damit an einem Punkt angelangt, an dem es nur noch einen Ausweg gibt: Der Zusammenschluss mit einem Konkurrenten, vorzugsweise der Commerzbank. Damit könnten erhebliche Kosten eingespart und viele Prozesse optimiert werden. Allerdings wird dies viele Tausend Arbeitsplätze kosten.

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Deutsche Bank und Eon steigen ab Stühlerücken in Europas Top-Liga

<strong>Deutsche Bank</strong><br/>Früher brachte die Deutsche Bank mal über 50 Milliarden Euro auf die Börsenwaage, jetzt sind es gerade mal 20 Milliarden. Zwar ist sie immer noch ein Rückgrat für die deutsche Wirtschaft, wichtiger Finanzierer der Top-Konzerne. Aber an der Börse wurde der deutsche Bankenprimus von Wirecard überholt, ein Finanzdienstleister für Zahlungs- und Kreditkartengeschäfte. Die Quittung: Der Abstieg aus dem EuroStoxx 50. Das entschied nun der Index-Anbieter Stoxx Ltd.: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum 10 Jahre

Deutsche Bank
Früher brachte die Deutsche Bank mal über 50 Milliarden Euro auf die Börsenwaage, jetzt sind es gerade mal 20 Milliarden. Zwar ist sie immer noch ein Rückgrat für die deutsche Wirtschaft, wichtiger Finanzierer der Top-Konzerne. Aber an der Börse wurde der deutsche Bankenprimus von Wirecard überholt, ein Finanzdienstleister für Zahlungs- und Kreditkartengeschäfte. Die Quittung: Der Abstieg aus dem EuroStoxx 50. Das entschied nun der Index-Anbieter Stoxx Ltd.