Deutsche Bank-Zentrale in Frankfurt
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Geht es ohne Kapitalerhöhung? Deutsche Bank: Radikalumbau stößt doch auf Skepsis

Stand: 08.07.2019, 18:05 Uhr

Kehraus bei der Deutschen Bank: Das Geldinstitut streicht 18.000 Stellen, baut sich radikal um und zieht sich aus dem weltweiten Aktiengeschäft zurück. Das kommt am Markt nur anfangs gut an.

Die Aktie der Deutschen Bank zieht zu Handelsbeginn um bis zu 4,4 Prozent an auf 7,49 Euro. Das ist der höchste Stand seit zwei Monaten. Im weiteren Verlauf dreht sie jedoch ins Minus, nachdem erste Analysten Zeifel äußern am Versprechen von Vorstandschef Christian Sewing, den Umbau ohne Kapitalerhöhung durchzuführen.

Zudem kann die Bank nicht ausschließen, dass sie auch im kommenden Jahr noch Verluste schreiben wird. Wir arbeiten daran, 2020 ein ausgeglichenes oder besseres Ergebnis zu erreichen", sagte Finanzchef James von Moltke am Montag in einer Telefonkonferenz mit Journalisten. Allerdings gebe es erhebliche Unsicherheiten, beispielsweise wann genau Umbaukosten verbucht würden.

Wenn die Umsetzung klappt, könnte das Ergebnis je Aktie 2022 bei 2,00 Euro liegen, erklärte Analyst Daniele Brupbacher von der UBS. Der faire Wert könne dann auf 14,70 Euro steigen - ein möglicher Verdoppler für den optimistischen und geduldigen Anleger.

Experten uneins

Eoin Mullany von der Berenberg Bank rät hingegen, in die Kursstärke aufgrund der ausbleibenden Kapitalerhöhung hinein zu verkaufen - eben wegen "enormer Umsetzungsrisiken" und wenig Raum für Fehler mit Blick auf die Kapitaldecke.

Am Sonntagnachmittag hatte der Aufsichtsrat eine umfassende Neuaufstellung der Deutschen Bank beschlossen. Man verabschiedete sich vom Anspruch, eine global führende Investmentbank zu sein. Das Institut kündigte den Rückzug aus dem weltweiten Aktiengeschäft und eine Verkleinerung des Handels, insbesondere bei Zinsprodukten, an.

18.000 Stellen werden gestrichen

Vorstandschef Christian Sewing erklärte, es handle sich um die "umfassendste Transformation der Deutschen Bank seit Jahrzehnten". Dies sei "ein echter Neustart". Die Bank kehre zu ihren Wurzeln zurück und besinne sich voll auf das Kundengeschäft.

Bis Ende 2022 rechnet der Vorstand mit Belastungen von insgesamt 7,4 Milliarden Euro durch den Umbau. Die bereinigten Kosten sollen bis auf 17 Milliarden Euro sinken. Im Zuge der Umstrukturierung fallen rund 18.000 der 91.500 Stellen weg - also fast jeder fünfte Arbeitsplatz.

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Dividende fällt aus

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Wegen der Kosten für die Restrukturierung schreibt die Bank im zweiten Quartal einen Verlust von 2,8 Milliarden Euro nach Steuern. Vor Steuern wird voraussichtlich einen Verlust von 500 Millionen Euro geben. Ohne die außergewöhnlichen Belastungen würde es im zweiten Quartal einen Gewinn von 120 Millionen Euro nach Steuern geben, teilten die Frankfurter mit. Für 2019 und 2020 wird der Vorstand keine Dividende vorschlagen.

Die Deutsche Bank gründet zudem eine interne "Bad Bank", um Bilanzpositionen abzuwickeln, die aus den Geschäftsfeldern stammen, die aufgegeben oder verkleinert werden sollen. Diese Positionen umfassen 74 Milliarden Euro an risikogewichteten Aktiva. Zudem will die Bank ihre Kapitalpolster abschmelzen. Sie setzt sich eine harte Kernkapitalquote (CET 1) von mindestens 12,5 Prozent zum Ziel, nachdem bislang mindestens 13 Prozent angestrebt wurden.

Was bleibt von der Deutschen Bank?

Künftig konzentriert sich das Frankfurter Geldhaus auf das Firmen- und Privatkundengeschäft, das Finanzierungs-, das Fremdwährungs-, das Beratungs- und Emissionsgeschäft sowie das Asset Management. Zum Investmentbanking gehört beispielsweise die Beratung von Firmen bei Börsengängen oder Übernahmen sowie der Handel mit Wertpapieren und Devisen. Im sogenannten Transaction Banking, das Zahlungsverkehr, Handelsfinanzierung und Wertpapierdienstleistungen umfasst, zählt die Deutsche Bank zur Weltspitze.

Darüber hinaus gab der Aufsichtsrat personelle Änderungen im Vorstand bekannt. Compliance-Vorstand Sylvie Matherat und Privatkundenvorstand Frank Strauss verlassen die Bank Ende Juli. Dafür übernimmt Rechtsvorstand Karl von Rohr das Privatkundengeschäft und die Vermögensverwaltung mit der Marke DWS. Risikovorstand Stuart Lewis ist künftig auch für den Bereich Compliance und die Abteilung gegen Finanzkriminalität zuständig. COO Frank Kuhnke wird die Leitung der Bank zusätzlich übernehmen. Bereits am Freitag hatte die Bank bekanntgegeben, dass Investmentbankchef Garth Ritchie das Institut zum 31. Juli verlassen wird.

Katar-Vertrauensmann rückt in den Vorstand

Der Großaktionär Katar will die Neuausrichtung der Deutschen Bank offenbar aktiv mitgestalten und hat seinen Vertrauensmann im Vorstand installiert. Stefan Simon, der bislang die Interessen der Scheichs im Aufsichtsrat vertrat, wird im Führungsgremium der Bank nun Chief Administrative Officer (CAO) und ist damit für die Beziehungen zu den Aufsichtsbehörden und die Rechtsabteilung verantwortlich. Neu in den Vorstand ziehen außerdem Christiana Riley (regionale Verantwortung für das Geschäft in Nord- und Südamerika) und Bernd Leukert (Digitalisierung, Daten und Innovation) ein.

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Ist die Deutsche Bank noch zu retten?

Konzernchef Christian Sewing hatte bei der Hauptversammlung im Mai "harte Einschnitte" angekündigt. Schon damals war klar, dass das seit zwei Quartalen verlustreiche Kapitalmarktgeschäft dabei im Fokus stehen würde. Sewing hatte im Mai gesagt, die Bank werde "konsequent auf die profitablen und wachsenden Bereiche" ausgerichtet, die für die Kunden besonders wichtig seien. "Wir haben immer noch zu hohe Kosten, die wir nicht direkt einer Leistung für unsere Kunden zuordnen können."

nb/ag

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Was sagen Experten zu den Umbauplänen? Deutsche Bank reloaded

Michael Hünseler, Assenagon Asset Management

Michael Hünseler, Assenagon Asset Management
"Die angekündigten Maßnahmen folgen klar dem Ziel, sich auf erfolgreiche Kerngeschäftsfelder zu fokussieren, dort weitere Marktanteile hinzuzugewinnen und damit sowohl Profitabilität als auch Kapitaleffizienz zu stärken. Diese Vorgehensweise ist uneingeschränkt positiv zu werten. Gleichzeitig ist die neue Strategie nicht ohne Risiko. Alles in allem ein konsequenter, mutiger und überfälliger Schritt für die Deutsche Bank, der - wenn erfolgreich - dem Institut zu einer zukunftsfähigeren Existenz mit Daseinsberechtigung verhelfen wird."