Christian Sewing

Turbulente Hauptversammlung steht bevor Deutsche Bank: Neuer Chef, alte Probleme?

von Notker Blechner

Stand: 24.05.2018, 06:50 Uhr

Der knapp zwei Monate amtierende neue Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing steht vor seiner ersten Bewährungsprobe: Heute auf der Hauptversammlung muss er den Aktionären erklären, wie er das Geldhaus wieder auf Gewinn trimmen will. Viel Kritik dürfte es für einen anderen Manager geben.

Für Aufsichtsratschef Paul Achleitner könnte der Donnerstag zum Tag der Abrechnung werden. Mehrere Aktionäre werden den 61-jährigen Österreicher fragen, warum sich seit dessen Amtsantritt vor sechs Jahren die Deutsche Bank kaum vorankommt und die letzten drei Jahre nur Verluste geschrieben hat. Und wie es nun weitergehen soll nach dem neuerlichen abrupten Chefwechsel.

Einige Anteilseigner werfen Achleitner vor, den Wechsel an der Spitze des größten deutschen Geldhauses schlecht orchestriert zu haben. Mit Sewing habe er den am einfachsten verfügbaren internen Kandidaten genommen. Und in der Vergangenheit habe der Chefkontrolleur der Bank kein gutes Händchen bei der Auswahl des Spitzenpersonals bewiesen.

Achleitner im Kreuzfeuer der Kritik

Deutsche Bank: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
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Auch einflussreiche Stimmrechtsberater werden Achleitner in den Schwitzkasten nehmen. Der Aufsichtsratschef trage eine Mitschuld an den diversen strategischen Kehrtwenden, moniert der Aktionärsberater Hermes. Dessen Vertreter Hans-Christoph Hirt kündigte daher "einige Fragen an Herrn Achleitner" an.

Die Kritiker werden auf der Hauptversammlung versuchen, Achleitner die Entlastung zu verweigern. So hat mit Glass Lewis bereits ein großer US-Aktionärsberater seine Kunden aufgefordert, Achleitner nicht zu entlasten. Viel bewegen werden sie damit freilich nicht. Die Nicht-Entlastung Achleitners wäre nur ein Signal, aber rechtlich nicht bindend, da der Aufsichtsratschef 2017 für weitere fünf Jahre wieder gewählt wurde.

Großaktionäre wollen Ruhe

Eine Aktionärsrevolte, die den obersten Chefkontrolleur der Bank zum Rücktritt zwingen würde, ist ohnehin unwahrscheinlich. Die Großaktionäre - der Vermögensverwalter Blackrock, die Herrscherfamilie aus Katar und die chinesische HNA-Gruppe - werden Achleitner Rückendeckung geben. Denn nach den Negativ-Schlagzeilen der letzten Wochen und dem Chefwechsel wollen sie erst mal Ruhe haben. Zudem hat ein wichtiger Stimmrechtsberater - ISS - den Anlegern empfohlen, an Achleitner vorerst festzuhalten. Mehrere institutionelle Anleger, zum Beispiel die Pensionskassen, folgen meist dem Rat von ISS.

Deutsche Bank Aufsichtsratschef Paul Achleitner

Paul Achleitner. | Bildquelle: picture alliance / SvenSimon

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Börse 11.00 Uhr Deutsche Bank HV: Achleitner kämpferisch

So dürfte es spannender sein, welche Details zur künftigen Strategie der neue Deutsche-Bank-Chef Sewing präsentiert. Vor einem Monat hatte der 48-jährige Ostwestfale, der vorher das Privatkundengeschäft der Deutschen Bank leitete, die ersten groben Linien der Neuausrichtung umrissen. Demnach soll die Deutsche Bank wieder deutscher werden und sich auf Deutschland und Europa konzentrieren. Außerdem soll das Investmentbanking gestutzt werden, während das klassische Privat- und Firmenkundengeschäft gestärkt werden soll.

10.000 Stellen in Gefahr?

Analysten und Aktionäre wollen wissen, wie stark Sewing die Kosten drücken will. Und wie viele der 98.000 Mitarbeiter gehen müssen. Wie das "Wall Street Journal" am Mittwoch unter Berufung auf Insider berichtete, wird die größte deutsche Bank rund 10.000 Stellen streichen. Diese dürften wahrscheinlich bis ins kommende Jahr hineinreichen.

Gespannt sind Beobachter auch auf Aussagen zum geplanten Rückzug aus Geschäften in den USA. Das Zinsgeschäft und möglicherweise auch der Aktienhandel sollen abgespeckt werden. Damit verabschiedet sich die Deutsche Bank von ihrer lange gepflegten Ausrichtung auf das angelsächsische Investmentbanking-Modell.

Erosion der Einnahmen

Wie Sewing die Deutsche Bank dauerhaft in die schwarzen Zahlen führen will, bleibt fraglich. Noch immer erodieren die Einnahmen. Selbst im Investmentbanking sind die Erträge von 8,6 auf 6,6 Milliarden Euro geschrumpft. 2017 schaffte der Corporate- und Investmentbanking-Sparte nur eine mickrige Rendite von 1,3 Prozent. Und auch im Privatkundengeschäft hat die Bank weniger verdient.

Von wegen "Passion to perform"! Die einstige Bank mit Leidenschaft gilt nun als "die Bank, die Leiden schafft" ("Handelsblatt"). Das lässt sich am Aktienkurs ablesen. Seit der Finanzkrise hat die Deutsche Bank 90 Prozent an Wert verloren. Selbst seit dem Amtsantritt von Sewing vor knapp zwei Monaten ist der Kurs um weitere zehn Prozent gefallen. Manche Analysten prophezeien gar einstellige Aktienkurse in naher Zukunft. Barclays und die französische Großbank Société Générale haben als Kursziel 8,00 Euro ausgegeben. Das wäre ein neues Rekordtief. Im Herbst 2016 war die Aktie auf ihren bisherigen Tiefststand von 8,83 Euro abgesackt.

Die meisten Konkurrenten sind (viel) mehr wert an der Börse

Die amerikanischen und selbst viele europäische Konkurrenten sind inzwischen deutlich höher bewertet. Morgan Stanley und BNP Paribas haben eine drei Mal höhere Marktkapitalisierung als die der Deutschen Bank. JPMorgan Chase ist sogar 14 Mal so viel wert wie das Frankfurter Geldinstitut.

Manche Marktbeobachter unken schon, dass die Deutsche Bank in den nächsten Jahren zur Regionalbank schrumpfen werde. Dann könnte sie sogar zum Übernahmeziel werden. Leidtragende sind die Mitarbeiter, die zutiefst verunsichert sind. Vor allem viele Investmentbanker sollen sich mit Abwanderungsgedanken tragen.

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Das sind die größten Baustellen der Deutschen Bank Der neue Chef muss aufräumen

Gebühren, Kosten - alle wollen Geld

Kosten reduzieren
Die Deutsche Bank hat im Vergleich zu anderen Geldinstituten ein gravierendes Kostenproblem. Die Einnahmen der Bank sind in der jüngsten Vergangenheit stärker gesunken als die bereinigten Kosten. Das Geldinstitut musste 2017 rund 90 Cent ausgeben, um einen Euro zu verdienen - gut 11 Cent mehr als 2015. Um die Kosten zu senken, will sich die Bank von rund 10.000 Mitarbeitern, also einem Zehntel der Belegschaft, trennen und den Aktienhandel massiv eindampfen. Gerüchten zufolge plant die Bank außerdem, weitere 188 der 723 Filialen im Privatkundengeschäft zu schließen.