Kohlekraftwerk Mehrum und Windräder in Niedersachsen

Wie lässt sich der Kohleausstieg kompensieren? Der schwierige Weg zur Energiewende

von Notker Blechner

Stand: 09.04.2019, 10:10 Uhr

Am Dienstag und Mittwoch debattieren in Berlin Politik und Wirtschaft mal wieder über die Energiewende. Nach dem abrupten Kohleausstieg ist unklar, wo künftig der Strom herkommen soll.

2038 ist zwar noch weit weg. Für die Energieversorger ist das Datum aber sehr nah. Denn sie brauchen langfristige Versorgungssicherheit. Die Planung und der Bau neuer Kraftwerke zum Beispiel dauern mehrere Jahre wegen der langen Genehmigungsphase. "Abgeschaltet ist ein Kraftwerk schnell, ein neues ans Netz zu bringen dauert mehrere Jahre", erklärt Rainer Kiechl, Manager beim Anlagenbauer Mitsubishi Hitachi Power Systems Europe.

Verunsicherung nach dem Kohleausstieg

Der Ende Januar beschlossene Kohleausstieg bis 2038 hat die Versorger und die Anlagenbauer verunsichert - ähnlich wie nach dem Kernkraft-Ausstieg als Folge der Fukushima-Katastrophe. "Kohlekraftwerke schnell komplett abschalten klingt populär, aber seriös ist es überhaupt nicht", hadert RWE-Chef Rolf Martin Schmitz. Das Ende der Kohle gefährde die Versorgungssicherheit, belaste Unternehmen und koste Arbeitsplätze, warnt er.

Tatsächlich ist bislang noch offen, wie der Wegfall von Kernkraft und Kohle im Laufe der nächsten 19 Jahre ausgeglichen werden soll. Zwar haben die erneuerbaren Energien deutlich an Bedeutung gewonnen, machen aktuell aber immer noch "nur" 40 Prozent an der gesamten Stromerzeugung aus. Mehr als die Hälfte der Energie stammt momentan noch aus Kohle und Kernkraft.

Die Bundesregierung setzt auf den Ausbau von Gas und Öko-Strom, um die wegfallenden Energieträger zu kompensieren. Doch Experten sind skeptisch. Unklar ist vor allem, wo die Grundlast herkommen soll, der jederzeit verfügbare Strom - besonders an Tagen, an denen die Sonne nicht scheint und kaum Wind weht.

Ausbau der Gaskraftwerke stockt

Als sichere Backup-Lösung für Wind- und Solaranlagen werden zumindest die Gaskraftwerke gebraucht. Doch hier tut sich nichts. Die Branche der Versorger und Anlagenbauer ist beunruhigt. Derzeit gebe es in Deutschland zwar 64 Projekte zum Neubau von Gaskraftwerken, doch davon seien gerade mal zehn im Bau, klagt Stefan Kapferer, Chef des Bundesverbands der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW). "Was in den Markt kommt, ist noch nicht ausreichend, um auszugleichen, was an gesicherter Leistung mit dem schrittweisen Kohle- und dem laufenden Kernenergie-Ausstieg wegfallen wird."

Matthias Zelinger, Geschäftsführer des VDMA-Fachverbands Power Systems, ist ebenfalls beunruhigt. Im Kraftwerksbau sehe es momentan sehr schlecht aus – nicht nur in Deutschland. Die Klima- und Energiepolitik in Deutschland und der EU vergleicht er mit dem, was der Brexit in Großbritannien ist. Schon jetzt brechen den Maschinenbauern in der Energiewirtschaft massiv die Aufträge weg.

Auch der Ausbau der erneuerbaren Energien kommt nicht mehr so schnell voran wie zuletzt. Besonders bei Windkraftanlagen herrscht Flaute. "Der Markt ist im Moment kaputt", klagt Zelinger. Er fordert ein Aktionsprogramm für die Windenergie.

Eon und RWE mischen die Karten neu

Opfer der verkorksten Energiewende waren zuletzt lange Zeit Eon und besonders RWE. Nun stellt sich RWE aber neu auf – und wird dank der Übernahme der Ökostrom-Aktivitäten von Eon und Innogy zu einem Global Player in Sachen erneuerbare Energien. Laut der "Welt" wird die neue RWE künftig der drittgrößte Ökostrom-Produzent Europas und die weltweite Nummer zwei bei Offshore-Windenergie sein.

Eon

Eon: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
9,12
Differenz relativ
-0,53%

Auch Eon sieht sich gut gerüstet für den Kohleausstieg. Der Konzern hat rechtzeitig seine Kohlekraftwerke abgestoßen – und setzt nun auf ein Geschäftsfeld, das mit der Energiewende immer wichtiger wird: den Betrieb der Verteilnetze. Und auch beim Verkauf des von anderen produzierten Stroms an Haushalte will Eon kräftig wachsen.

Der schwarze Peter liegt nun bei Uniper. Eon hat mit Ausnahme der Kernkraftwerke sein gesamtes Kraftwerksgeschäft an Uniper ausgegliedert. Das Unternehmen bezeichnen Kritiker als eine Art Resterampe. Nun versucht der Versorger mit seinem finnischen Großaktionär Fortum einen Neuanfang.

Stahlbranche schwenkt Richtung Wasserstoff um

Ob die Energiewende klappt oder nicht, hängt maßgeblich auch von der Industrie ab. Sie muss nun auf eine CO2-arme oder -freie Produktion umstellen. So setzt zum Beispiel die Stahlbranche zunehmend auf Wasserstoff bei der Produktion. Salzgitter kündigte auf der Hannover Messe eine Anlage zur umweltschonenden Stahlproduktion ein, in der als Alternative zum üblichen Kohlenstoff bei der Reduktion von Stahl Wasserstoff eingesetzt werden soll. Die daraus gewonnenen Eisenpellets werden in einem zweiten Schritt in einem Elektrolichtbogenofen geschmolzen. Dabei entsteht sehr viel weniger klimaschädliches Kohlendioxid als in bisher üblichen Hochöfen. Durch das 1,2 Milliarden Euro teure Projekt soll der CO2-Ausstoß bis 2025 um ein Viertel gesenkt werden.

Großes Energieeffizienz-Potenzial bei Heizungen

Neben der Energiewirtschaft und der produzierenden Industrie liegen die Hoffnungen auch auf der Immobilien-Branche. Immer noch verschwenden die Häuser und Gebäude hierzulande viel Energie. Zwölf Millionen veraltete fossil befeuerte Heizungen sorgen für hohe CO2-Emissionen. Um die Wärmewende zu schaffen, sollten sie mit energieeffizienten Wärmepumpen ersetzt werden. Diese arbeiten mit Öko-Strom. Doch bisher liegt der Marktanteil der Wärmepumpen gerade mal bei 11,5 Prozent. Eine noch geringere Bedeutung spielt die Brennstoffzellen-Heizung. Sie kann nicht nur Wärme, sondern auch Strom erzeugen. Es gibt nur wenige Firmen, die diese Technik anbieten, unter ihnen Viessmann.

Anteil der Sektoren an den Treibhausgas-Emissionen 2017

Anteil der Sektoren an den Treibhausgas-Emissionen 2017. | Bildquelle: Umweltbundesamt, Grafik: boerse.ARD.de

E-Auto-Welle rollt an

Und dann ist da noch der Verkehr, der eine große Rolle bei den CO2-Emissionen spielt. Gut 20 Prozent der Treibhausgas-Emissionen kommen aus dem Straßenverkehr. Deshalb forciert die EU und die Bundesregierung den Ausbau der Elektromobilität. Noch freilich sind die E-Autos eine kleine Nische. Im vergangenen Jahr wurden über 36.000 reine Akku-Fahrzeuge zugelassen – vier Mal mehr als 2014. Der Anteil der Stromer an den Neuzulassungen stieg auf ein Prozent hierzulande. Nimmt man die Plug-in-Hybride noch hinzu, liegt der Marktanteil bei zwei Prozent. Damit hinkt Deutschland anderen Ländern hinterher. In China zum Beispiel wurden 2018 gut 1,26 Millionen E-Fahrzeuge abgesetzt. Selbst Norwegen zählt mehr Stromer als Deutschland. Dank üppiger Subventionen ist dort jedes zweite neue Auto ein E-Auto.

1/7

Profiteure der Energiewende Von RWE bis Vestas

<strong>RWE</strong><br/>Der Essener Versorger litt jahrelang unter der Energiewende. Der Gewinn brach ein. Vor gut einem Jahr wagte RWE den Befreiungsschlag. Am 11. März 2018 überraschten die beiden Stromriesen Eon und RWE mit einem spektakulären Deal. Eon will die RWE-Netz- und Vertriebstochter Innogy kaufen. Im Gegenzug soll RWE die Ökostromproduktion von Eon und Innogy erhalten und mit knapp 16,7 Prozent an Eon beteiligt werden. Damit wird RWE künftig zum weltweit zweitgrößten Offshore-Windanlagenbetreiber und zum drittgrößte Ökostrom-Produzent Europas. Ab 2020 steckt der Versorger jährlich 1,5 Milliarden Euro in erneuerbare Energien. In Schweden baut RWE einen der größten Onshore-Windparks mit einer Leistung von 475 Megawatt. Die Aktien von RWE haben seit Jahresbeginn gut 25 Prozent gewonnen. Im Herbst 2018 waren sie wegen des Streits um den Hambacher Forst unter Druck geraten.: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum 1 Jahr

RWE
Der Essener Versorger litt jahrelang unter der Energiewende. Der Gewinn brach ein. Vor gut einem Jahr wagte RWE den Befreiungsschlag. Am 11. März 2018 überraschten die beiden Stromriesen Eon und RWE mit einem spektakulären Deal. Eon will die RWE-Netz- und Vertriebstochter Innogy kaufen. Im Gegenzug soll RWE die Ökostromproduktion von Eon und Innogy erhalten und mit knapp 16,7 Prozent an Eon beteiligt werden. Damit wird RWE künftig zum weltweit zweitgrößten Offshore-Windanlagenbetreiber und zum drittgrößte Ökostrom-Produzent Europas. Ab 2020 steckt der Versorger jährlich 1,5 Milliarden Euro in erneuerbare Energien. In Schweden baut RWE einen der größten Onshore-Windparks mit einer Leistung von 475 Megawatt. Die Aktien von RWE haben seit Jahresbeginn gut 25 Prozent gewonnen. Im Herbst 2018 waren sie wegen des Streits um den Hambacher Forst unter Druck geraten.