Bundeskanzlerin Angela Merkel auf der Sitzung des Bundesvorstands der CDU nach der Hessenwahl 2018
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Die Börse reagiert sofort Der Merkel-Faktor

Stand: 29.10.2018, 14:49 Uhr

Kaum hat Bundeskanzlerin Angela Merkel ihren Rückzug auf Raten aus der Politik angekündigt, schon geht es an der Börse aufwärts. Was steckt hinter der Reaktion der Investoren?

"Die Anleger hoffen auf frischen Wind aus Berlin", erklärte ein Händler in einer ersten Reaktion auf die Pläne der Bundeskanzlerin, sich sukzessive aus der Politik zurückzuziehen. Entscheidend sei dabei weniger, was passiere, sondern dass überhaupt etwas passiere. Fast genau zu dem Zeitpunkt, als erste Berichte über ihre Entscheidungen kamen, legte der Dax zu. Am Nachmittag sind es über zwei Prozent auf über 11.400 Punkte.

Der Euro reagierte nur kurz auf die Pläne der Kanzlerin. Er schwächte sich kurz ab, erholte sich danach wieder und steht aktuell bei 1,1379 Dollar wenig verändert. Am Rentenmarkt ging es abwärts mit den Kursen. Der Bund-Future, der vorher leicht im Plus notiert hatte, sackte ab und verliert aktuell knapp 0,3 Prozent.

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Politik adé ab 2021

Angela Merkel

Angela Merkel. | Bildquelle: picture alliance / dpa

Merkel erklärte, sie wolle im Dezember den Parteivorsitz der CDU abgeben, bis zum Jahr 2021, dem Ende der Wahlperiode, aber Kanzlerin bleiben. Danach ziehe sie sich ganz aus der Politik zurück. Merkel reagiert auf die hohen Stimmenverluste ihrer Partei bei den jüngsten Landtagswahlen in Hessen (zuvor in Bayern die CSU) sowie dem schlechten Erscheinungsbild der von ihr geführten Koalition mit der SPD.

Ein Paukenschlag, gerade auch für die Börse. Die Aussicht auf Bewegung im zuletzt arg verkrusteten und von gegenseitigen Anfeindungen gekennzeichneten Berliner Regierungsbetrieb erscheint den Anlegern offensichtlich als eine Aufbruchschance.

Es gibt auch Risiken

Aber nicht alle Beobachter sind begeistert. Die Aussicht auf ein neues Politikvakuum in Deutschland, der größten Volkswirtschaft in der EU, birgt nämlich auch ihre Risiken. Aktuell weiß nämlich niemand, ob die geschwächte Kanzlerin wirklich bis 2021 noch kraftvoll durchregieren kann. Wie dann wohl die Reaktion der Börse ausfällt?

Vor allem in Frankreich kam der lange Stillstand nach der letzten Bundestagswahl nicht gut an. Während Präsident Macron schon mit den Hufen scharrte, war Berlin lange mit sich selbst beschäftigt. Konkret sorgt sich das britische Analysehaus Capital Economics: "In dem derzeitigen Klima der Unsicherheit braucht die Eurozone mehr denn je eine ruhige Hand, und Frau Merkel war in der Vergangenheit der Schlüssel zur Vermittlung von Kompromissen", schreibt Europa-Chefvolkswirtin Jennifer McKeown.

Angesichts ihrer geschwächten Position könne es länger dauern, bis eine Einigung über den italienischen Haushalt erzielt werde. Dadurch erhöhten sich die Ansteckungsgefahr für andere Märkte und die Risiken für italienische Banken.

Der Chef des Berliner Forschungsinstituts DIW, Marcel Fratzscher, wertet Merkels Verzicht auf eine erneute Kandidatur um den CDU-Vorsitz als Warnsignal: "Die Entscheidung ist ein Schock für Deutschland und Europa, der große Unsicherheit schafft." Der Stabilitätsanker Deutschland existiere so nicht mehr. "Im Gegenteil: Die Bundesrepublik wird immer mehr zu einem Risikofaktor."

rm