Vor einem Dax-Schriftzug sind Hände und Daumen in positiver Gestik zu sehen

Gute Aussichten für den deutschen Aktienmarkt Dax 14.000?

von Notker Blechner

Stand: 29.12.2019, 16:16 Uhr

Nach dem Super-Börsenjahr 2019 rechnen die meisten Experten 2020 mit neuen Rekorden an den Aktienmärkten. An zweistellige Kursgewinne glauben jedoch die wenigsten.

Was der Dax im abgelaufenen Jahr nicht geschafft hat, könnte er 2020 schaffen: ein neues Allzeithoch. Die meisten Aktienstrategen trauen dem deutschen Leitindex einen Sprung auf bis 14.000 Punkte zu. Die bisherige Bestmarke liegt bei 13.596 Zählern aus dem Januar 2018.

Deutsche Bank sieht noch Luft nach oben

Dax

Dax: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
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Die Deutsche Bank sieht den Dax bis Ende des Jahres 2020 bei rund 14.000 Punkten. Als Treiber sieht Chef-Anlagestratege Ulrich Stephan die historisch niedrigen Kapitalmarktzinsen. "Im Vergleich zu Staats- und Unternehmensanleihen erscheint das Chance-Risiko-Profil von Aktien nach wie vor interessant", behauptet er. Der deutsche Markt könne besonders profitieren, wenn die Nachrichtenlage insgesamt positiver werde. Deutschlands Firmen sind stark vom Welthandel abhängig. Zieht die Wirtschaft global an, treibt das den Dax nach oben.

Noch optimistischer ist Martin Stürner, Chef des Fondsanbieters PEH Wertpapier AG. Er hält bis zum Ende 2020 einen Dax-Stand von 15.000 Punkten für möglich. Das wäre ein Plus von ungefähr zwölf Prozent. Wichtige Impulse könnten vom zuletzt besseren Geschäftsklima kommen.

Weniger Bremsklötze als 2019

Die globalen Konjunktursorgen haben zuletzt abgenommen. Die für 2020 befürchtete Rezession ist nicht in Sicht. Auch beim größten Stolperstein an den Börsen, dem Handelsstreit zwischen China und den USA, zeichnet sich eine Entspannung ab. Washington und Peking haben sich auf ein erstes Teilabkommen verständigt. Freilich: Ganz ausgeräumt ist der Zollkonflikt zwischen den beiden Wirtschaftsmächten noch lange nicht.

Selbst der Brexit hat an Schrecken verloren. Nach dem klaren Sieg der Konservativen bei den britischen Parlamentswahlen kann sich die Regierung nun genug Zeit lassen, um einen Deal mit der EU auszuhandeln. Nach dem offiziellen Brexit zum 31. Januar soll es eine Übergangsphase bis Ende des Jahres geben, in der ein Abkommen zwischen Großbritannien und der EU geschlossen werden soll.

Trotzdem bleiben einige geopolitische Unwägbarkeiten. Ein  No-Brexit-Deal ist weiterhin nicht ausgeschlossen, der Handelsstreit zwischen China und den USA könnte wieder aufflammen, US-Präsident Donald Trump könnte wieder neue Konflikte in der Welt anzetteln, und auch in Europa drohen Gefahren. In Italien könnte es zu Neuwahlen kommen, sollte die fragile europafreundliche Koalition in Rom auseinanderbrechen. 2020 stehen acht Regionalwahlen in Italien an. Das birgt viel Zündstoff.

Unsicherheitsfaktor US-Wahlen

Als großer Unsicherheitsfaktor gelten die US-Präsidentschaftswahlen. Nach Einschätzung von JP Morgan dürfte der monatelange Wahlkampf, der im Februar mit den ersten Vorwahlen startet, Unternehmen und Investoren in die Passivität zwingen- nach dem Motto: erst mal abwarten, wer das Rennen im November macht.

Dementsprechend vorsichtig sind einige Anlagestrategen. Die meisten von ihnen rechnen für 2020 nicht mit zweistelligen, sondern eher mit mageren einstelligen Kurszuwächsen. Wegen der vielen politischen und wirtschaftlichen Unsicherheiten könnte es stärkere Kursausschläge in beide Richtungen geben, meinen sie. Auf eine gute erste Jahreshälfte könnte eine schwächere zweite folgen, glaubt Marktstratege Mislav Matejka von JP Morgan.

DZ Bank warnt vor "Murmeltiermarkt"

Die Commerzbank traut dem Dax lediglich ein Potenzial bis 13.700 Punkte zu. Nach Ansicht von Stratege Andreas Hürkamp dürfte der Index zwischen 11.800 und 14.400 Zählern schwanken. Noch skeptischer ist Christian Kahler von der DZ Bank. Er rechnet mit einem Dax-Niveau von 13.200 Punkten zum Jahresende. Kahler prophezeit für 2020 einen "Murmeltiermarkt". Deutschland mit seiner starken Exportausrichtung sei vom Zollstreit besonders betroffen und werde im nächsten Jahr erneut der weltweiten Wirtschaftsentwicklung hinterherhinken.

Trotz aller handels- und geopolitischen Unsicherheiten weisen Aktien langfristig das beste Chance-Risiko-Verhältnis aus, betont Vermögensverwalter Bert Flossbach. Er hält es für wahrscheinlich, dass die nächsten Jahre inklusive 2020 gute Aktien-Jahrgänge werden. Erleben wir also an den Aktienmärkten jetzt die "goldenen 20er" Jahre nach der bereits großen Hausse-Phase im abgelaufenen Jahrzehnt?

Kommt jetzt das Jahrzehnt für europäische Aktien?

Ob die US-Aktien auch im neuen Jahrzehnt gegenüber europäischen Aktien die Nase vorn haben, ist umstritten. Die Experten der Vermögensverwaltung Lyxor gehen davon aus, dass der Rückstand der europäischen Indizes zur Wall Street sinken wird. "Europas Aktienmärkte könnten 2020 nach mehr als zehn Jahren der Underperformance gegenüber den US-Aktienmärkten aufholen", prognostizieren sie. Dabei spiele eine Rolle, dass die Papiere auf dem Kontinent niedriger bewertet sind als auf der anderen Seite des Atlantiks. Eine Kenngröße dafür ist das Kurs-Gewinn-Verhältnis, das den Aktienkurs in Relation zum Gewinn je Aktie misst. Im Dax liegt es derzeit im Schnitt bei 17,8 - im S&P dagegen bei 22,9.

Doch auch für die USA zeigen sich die Fachleute zuversichtlich. Bereits jetzt wirke sich fast jede Äußerung Trumps unmittelbar auf die Kurse aus, sagt Carsten Mumm, Chefvolkswirt der Privatbank Donner & Reuschel. "Deutlich fallende Aktienkurse würden die Chancen für seine Wiederwahl wohl erheblich senken." Trump werde daher mit allen Mitteln versuchen, für gute Stimmung an der Börse zu sorgen.