Sterne und Sternchen leuchten auf der Dax-Kurstafel

Prognose für 2023 Techno-Schub für den Dax

Stand: 22.06.2020, 10:16 Uhr

Auch nach dem Lufthansa-Abstieg dürfte der Dax für viele Investoren unattraktiv bleiben. Denn immer noch ähnelt er mehr einem Industriemuseum als einem Innovations-Marktplatz. Das könnte sich bald ändern. Während Wirecard absteigen dürfte, stehen mehrere Tech-Werte vor dem Sprung in die deutsche Börsenelite.

Martin Stürner, PEH

Martin Stürner. | Bildquelle: Unternehmen, Montage: boerse.ARD.de

Ausgerechnet die Corona-Pandemie könnte Bewegung in den "Klub der alten Herren" bringen. Davon sind mehrere Anlagestrategen und Index-Experten überzeugt. "Die Corona-Krise wird zu einer nachhaltigen Veränderung in der Zusammensetzung des Dax führen", prophezeit Martin Stürner, Geschäftsführer der Anlagegesellschaft PEH. Strukturschwache Unternehmen aus der Industrie würden aus dem Leitindex fliegen und dann durch innovative Technologie- und Gesundheitsfirmen ersetzt.

Dax

Dax: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
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Ähnlich sieht dies Christoph Berger, Leiter deutsche Aktien bei der Fondsgesellschaft Allianz Global Investors. Auch er rechnet mittelfristig mit einer Verjüngungskur im Dax. Vom Digitalisierungs- und Demographietrend würden einige Unternehmen profitieren, die in den nächsten fünf Jahren in die erste deutsche Börsenliga aufsteigen könnten, sagte er der "Welt".

Zalando, Delivery Hero und Sartorius bald im Dax?

Aktienstratege Stürner hat ein Zukunftsszenario für den Dax im Jahr 2023 erstellt. Demnach hält er Tech-Werte wie Zalando, Delivery Hero und Teamviewer für die Dax-Aufsteiger von morgen. Auch drei Gesundheits-Werten - Sartorius, Qiagen und Carl Zeiss Meditec - traut er den Sprung in den deutschen Leitindex zu.

Schon jetzt gehören Delivery Hero, Zalando und Sartorius zu den Top 40 bei der Marktkapitalisierung. Beim Börsenumsatz hinken sie noch etwas hinterher.

Deutsche Bank, Covestro und MTU in Abstiegsgefahr

Als potenzielle Abstiegs-Kandidaten sieht Stürner den Autozulieferer Conti, den Triebwerksbauer MTU, den Baustoffproduzenten HeidelbergCement, den Spezialchemiekonzern Covestro und die Deutsche Bank. "Die Fehlbesetzung im Dax wird sich in den kommenden Jahren automatisch korrigieren, da die Old-Economy-Firmen ausscheiden", glaubt er. "Die potenziellen Absteiger weisen schon jetzt eine Marktkapitalisierung von unter 15 Milliarden Euro auf und werden in Zukunft einen sinkenden Börsenwert verzeichnen, was die mangelnde Zuversicht der Investoren ausdrückt."

Deutsche Bank: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
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Covestro: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
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MTU

MTU: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
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Dax-Gewichtung nach Branchen

Dax-Gewichtung nach Branchen.

Tatsächlich sind Industriewerte derzeit stark übergewichtet im Dax. Unter Mitberücksichtigung der Grundstoffe und der zyklischen Konsumgüter macht die klassische Industrie aktuell fast 40 Prozent Anteil bei der Branchengewichtung im Dax aus. Die alte verstaubte Deutschland AG ist also immer noch am Leben. "Die Liste der 30 Dax-Mitglieder klingt teilweise mehr nach einem Industriemuseum als nach einem Innovationszentrum der deutschen Wirtschaft", moniert Marc Decker, Leiter Asset Management bei der Privatbank Merck Finck. "Wer in den deutschen Leitindex investiert, investiert nicht unbedingt in die Zukunft der deutschen Wirtschaft."

S&P 500 viel innovativer als der Dax

S&P 500 (Indikation): Kursverlauf am Börsenplatz Citigroup für den Zeitraum Intraday
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Während der Dax weiterhin stark von der "Old Economy" geprägt ist, dominieren in den USA Tech-Schwergewichte wie Apple, Amazon, Alphabet, Facebook und Microsoft den S&P 500. IT- und Internet-Aktien machen rund ein Viertel der Branchengewichtung aus. Gesundheitstitel kommen auf einen Anteil von 15 Prozent. Industriewerte dagegen sind im S&P 500 mit deutlich weniger als zehn Prozent unterrepräsentiert.

Freilich: Langsam bewegt sich auch im "Industriemuseum" Dax etwas. Der Anteil der Autobranche ist seit der Dax-Gründung 1988 von 19 Prozent auf inzwischen rund zehn Prozent geschrumpft. Zum größten Dax-Schwergewicht hat sich inzwischen ein Tech-Konzern entwickelt: SAP: Das Software-Unternehmen aus Walldorf bringt es auf eine Marktkapitalisierung von 150 Milliarden Euro.

SAP und Infineon sind die einzigen Tech-Speerspitzen

SAP und Infineon sind allerdings die einzigen beiden Tech-Riesen, die im Dax vertreten sind. Die Index-Reform der Deutschen Börse 2018 hat zwar die strikte Trennung zwischen Tech- und Industrieunternehmen aufgehoben, doch dadurch ist der Dax nicht tech-lastiger geworden.

Wirecard: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
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Für frischen Wind sorgte vor knapp zwei Jahren Wirecard. Das Fintech ersetzte im September 2018 die Commerzbank in der ersten deutschen Börsenliga. Viele sprachen damals von einer Zeitenwende. Wirecard wurde lange Zeit als deutsches Tech-Wunder im Dax gefeiert. Nach dem steilen Aufstieg folgte der harte Absturz. Wegen des sich ausweitenden Bilanzskandals droht nun Wirecard zum "deutschen Enron" zu werden und dürfte eher früher als später aus dem Leitindex fliegen.

Deutsche Tech-Aktien im Aufwind

TecDax: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
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Doch auch der Fall Wirecard dürfte nichts am Trend ändern, dass zunehmend Tech-Aktien in den Dax drängen werden. Zuletzt - in der Corona-Krise - sind deutsche Technologie-Aktien schon besser gelaufen als deutsche Standardwerte. Der TecDax hat die Verluste seit Jahresbeginn wieder aufgeholt, der Dax dagegen hat fast 1.000 Punkte verloren. Deutschland steckt voller Zukunftspotenzial. Das zeigt der neueste Bloomberg Innovation Index. 2020 landete Deutschland auf Platz eins und überholte den langjährigen Spitzenreiter Südkorea.

Ein Grund für die altmodische Zusammensetzung des Dax könnte auch die Struktur des Index sein. Mit nur 30 Mitgliedern ist er zu eingeengt und deckt nicht die gesamte Bandbreite der deutschen Wirtschaft wie der MDax oder der SDax ab, Seit langem fordern daher manche Investoren und Index-Experten eine Aufstockung des Dax von 30 auf 50 Mitglieder. Noch lehnt die Deutsche Börse das ab.

nb

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Die Dax-Aufsteiger von morgen Von Carl Zeiss Meditec bis Zalando

<strong>Delivery Hero</strong><br/>Corona war für Delivery Hero ein gefundenes Fressen. Während des Lockdowns, als die meisten Restaurants geschlossen waren, boomten Online-Essenslieferdienste. Viele Menschen, die zuhause waren und nicht (mehr) kochen wollten, bestellten online ihre Pizza, ihren Burger oder Döner. An diesem Trend dürfte sich auch Corona nicht viel ändern. Zumal sich viele kleine Restaurants und Pizzerien keinen eigenen teuren Bringdienst leisten können und die Plattform von Anbietern wie Delivery Hero nutzen. Die Aktien von Delivery Hero zogen seit Jahresbeginn um gut 28 Prozent an und erklommen ein Rekordhoch. Bei der jüngsten Marktkapitalisierungs-Rangliste hat sich Delivery Hero schon auf Platz 33 vorgearbeitet.: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum 6 Monate

Delivery Hero
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