Angela Merkel nach der Wahl
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Die Märkte und der Wahlausgang Jetzt bloß keine Zitterpartie

Stand: 25.09.2017, 14:12 Uhr

In Deutschland steht eine schwierige Regierungsbildung bevor. Was die Finanzmärkte üblicherweise gar nicht schätzen, ist eine Hängepartie. Bislang bleiben Märkte und Experten aber recht gelassen.

Deutschland hat gewählt: Bundeskanzlerin Angela Merkel kann zwar voraussichtlich vier weitere Jahre regieren - aber nur mit dem größten Verlust in der Geschichte ihrer Union und möglicherweise dem Wagnis einer Jamaika-Koalition mit FDP und Grünen. Die Akteure an den Finanzmärkten mögen vor allem Klarheit. Ungewissheit und Verunsicherung ist dagegen eher Gift für die Investoren. Und eine Jamaika-Koalition klingt nicht unbedingt nach Eintracht.  

"Frische Kräfte, neue Themen"

Skeptischer Blick von Angela Merkel in Richtung Christian Lindner und Martin Schulz

Merkel nach der Wahl. | Bildquelle: picture alliance / Photosho

"Die Sondierungen zwischen CDU, FDP und Grünen werden zäh, so viel steht fest", sagte der Chef-Anlagestratege der Deutschen Bank, Ulrich Stephan. "Vor allem bei Themen wie Digitalisierung und Bildung oder bei der künftigen Steuer-, Energie- und Europapolitik." Die Börse hätte eine vierte Amtszeit Merkels längst eingepreist, die Investoren sehen in ihr den Stabilitätsanker für Europa. Eine Hängepartie oder gar ein Scheitern von Jamaika und damit Neuwahlen würden die Märkte sicher nicht kalt lassen, meint Stephan.

Dekabank-Chefvolkswirt Ulrich Kater meint, ein "Jamaika"-Bündnis  wäre "auf den ersten Blick nicht das beste Szenario für Wirtschaft und Finanzmärkte, denn es bringt Unsicherheit - von der Wirtschaftspolitik bis hin zur Europapolitik". Doch Kater betont zugleich: "Auf den zweiten Blick bietet es jedoch auch Chancen, mit frischen Kräften Themen neu anzupacken."

Euro unter Druck

Euro in US-Dollar: Kursverlauf am Börsenplatz Forex vwd für den Zeitraum Intraday
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Der Euro regierte zunächst nur mit leichten Verlusten auf den Wahlausgang. Im Verlauf weitete sich sein Tagesverlust aber immer weiter unter Kurse von 1,19 Dollar aus. Für die Fachleute der Commerzbank ist die Schwäche mit dem Erfolg der FDP zu erklären. Mit der FDP werde in der nächsten Regierung voraussichtlich eine Partei vertreten sein, deren politisches Programm vom Markt als Euro-negativ interpretiert wird, schreiben die Analysten.

"Die FDP dürfte sich gegen die Vorschläge von Frankreichs Präsident Emmanuel Macron in Richtung einer stärkeren fiskalischen Integration des Euroraumes stemmen. Nun beurteilt der Markt aber eine weitergehende fiskalische Union als einen Weg, weiterhin bestehende langfristige systemische Risiken des gemeinsamen Währungsraumes zu mildern", kommentiert die Coba.

Dax: Anleger agieren vorsichtig

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Auch am Aktienmarkt herrscht zumindest eine gewisse Vorsicht, heftige Reaktionen gibt es im Dax erwartungsgemäß aber nicht. "Angesichts des klaren proeuropäischen Momentums an den Märkten erwarten wir keine nachhaltig negativen Auswirkungen des Wahlergebnisses", sagt David Folkerts-Landau, Chefvolkswirt der Deutschen Bank.

Ein Mikrofon und ein Mann mit weißem Hemd und weiß-blau gestreifter Krawatte
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ARD-Börse: Reaktionen der Börsenakteure zur Bundestagswahl

Der Dax werde aufgrund dieses Wahlergebnisses sicher keine Freudensprünge machen, kommentiert Otmar Lang, Chefvolkswirt bei der Targobank. "Aber er wird auch nicht in die Knie gehen", so Lang. "Die Märkte werden derzeit von anderen Faktoren getrieben als von der deutschen Innenpolitik."    

 ts

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"Blockadepolitik ist ein Risiko" Expertenstimmen zur Wahl

Björn Jesch, Union Investment

Björn Jesch, Leiter Portfoliomanagement Union Investment
"Für die Börsen ist das Ergebnis der Bundestagswahl eine faustdicke Überraschung. Stand heute wird Deutschland künftig weder von einer Großen Koalition noch einem schwarz-gelben Bündnis regiert. Stattdessen läuft alles auf eine Jamaika-Koalition hinaus. An den Kapitalmärkten hat damit kaum jemand gerechnet. Politiker und Investoren müssen sich nun gleichermaßen neu sortieren.

Für den Moment ist Unsicherheit das wichtigste Ergebnis dieser Wahl aus Kapitalmarktsicht: Kommt die angestrebte Regierung zustande? Wie wird der Koalitionsvertrag aussehen? Wie stabil wird ein Jamaika-Bündnis sein? Die politischen Vorgaben für die Börsen bestehen dieser Tage vor allem aus Fragezeichen.

Immerhin: Nach Lage der Dinge wird die alte Bundeskanzlerin auch die neue sein. Das dürfte viele, vor allem ausländische Investoren beruhigen. Die Äußerungen der Entscheidungsträger bei CDU/CSU, FDP und Grünen lassen zudem darauf schließen, dass die etablierten Parteien aus staatsbürgerlicher Verantwortung konstruktiv und mit dem Willen zum Erfolg an einer Regierungsbildung arbeiten werden. Je mehr das Bemühen um eine neue Bundesregierung glaubhaft sichtbar wird, umso kleiner werden die Fragezeichen der Investoren. Das werden die Märkte honorieren."