Börsencrash Frankfurter Börse 1989

Heute vor 30 Jahren Dax: Der erste und der größte Crash

von Bettina Seidl

Stand: 16.10.2019, 11:32 Uhr

Die 80er Jahre waren eine Zeit der zügellosen Jagd nach Unternehmen: kaufen, fremdfinanzieren, abstoßen. Mitten in der Euphorie platzt ein großer Deal - die Börsen fallen in den Panik-Modus. Die Verkaufswelle beginnt, der Dax erlebt am 16. Oktober 1989 seinen größten Kurssturz.

Anfang Oktober 1989, vor 30 Jahren, scheint die Börsenwelt noch in Ordnung. Die Anleger haben sich von dem großen Crash 1987 erholt, der als Schwarzer Montag in die Geschichtsbücher eingegangen war. Jetzt herrscht wieder Partystimmung an den Börsen. Das Fusionsfieber grassiert. Firmen kaufen andere Firmen, zu immer größeren Summen, immer auf Pump. Viele amerikanische Unternehmen sind haushoch verschuldet.

Ende des Fusionsfiebers?

Dann, am Abend des 13. Oktober, kommt die Nachricht herein, dass die Übernahme der UAL Corporation, der Mutter der Fluggesellschaft United Airlines, durch ihre Mitarbeiter vermutlich geplatzt ist. Schlagartig macht sich Angst breit: Angst, dass auch andere Übernahmen scheitern könnten, weil die Banken nicht mehr bereit sind, die kostspieligen Deals weiter zu finanzieren. Angst, dass für fremdfinanzierte Firmenkäufe künftig das Geld fehlt.

Black Monday 1987, New York

Black Monday 1987, New York. | Bildquelle: picture-alliance/dpa

Erst brechen die Aktienkurse von möglichen Übernahmekandidaten wie Walt Disney, Coca-Cola und Philip Morris ein. Dann stoßen Börsianer auch andere Aktien ab, um an Liquidität zu kommen. Die Nachricht vom geplatzten Airline-Deal erreicht erst eine halbe Stunde vor Börsenschluss die Wall Street, aber das reicht für einen heftigen Rutsch. Der Dow Jones beendet den Handel mit sieben Prozent Kursverlust.

Nur ein kurzer Spuk

Rund um den Globus schließen sich die Börsen am auf das Wochenende folgenden Börsentag an. An der Börse in Tel Aviv, der einzigen, die sonntags geöffnet ist, rauschen die Kurse acht Prozent in die Tiefe. Die anderen können wegen der Zeitverschiebung und der noch kurzen Handelszeiten erst am Montag, dem 16. Oktober reagieren. In Japan fällt der Nikkei-Index um zwei Prozent, die Börse in London um drei Prozent. Den Vogel aber schießt die Frankfurter Börse ab mit einem Minus von 12,8 Prozent. Anleger haben Verkaufsorders waschkörbeweise abgegeben.

Der ganze Spuk dauert aber nicht lang. Schon am Montag trauten sich in Amerika die Anleger wieder in den Markt. Einen Tag später geben in Frankfurt Anleger wieder waschkörbeweise Kauforders ab. Wer war schuld an diesem Mini-Crash? War es wirklich der geplatzte Deal von United Airlines – immerhin fast sieben Milliarden Dollar schwer?

Dax-Chart des Jahres 1989

Dax-Chart 1989. | Bildquelle: boerse.ARD.de, Grafik: boerse.ARD.de

Die Hexen, UAL und viele nervöse Hände

Gut möglich, dass die hochnervösen Anleger nur einen Vorwand brauchten, um ihre Aktien zu verkaufen. Das allgemeine Börsenfieber war bereits extrem hoch. Noch am Montag zuvor, am 9. Oktober, hatten die wichtigsten Indizes in den USA neue Rekordhochs erklommen. Warum nicht Gewinne einstreichen? Wer weiß, was morgen ist?

Fest steht: Es war mehr Psychologie als Faktenlage im Spiel. Der UAL-Deal war nicht etwa geplatzt, weil die Banken die Finanzierung verweigerten. Vielmehr hatten die Käufer überzogene Vorstellungen. Noch dazu war großer Verfallstag an den Börsen, dreifacher Hexensabbat. An solchen Tagen sind Investoren nervöser als sonst, weil ihre Kontrakte auslaufen und sie in letzter Minute die Kurse in eine für sie günstige Richtung zu lenken versuchen.

Für die Annahme, dass der geplatzte UAL-Deal mehr Vorwand als wirklicher Grund für den Crash war, spricht eine Umfrage unter Marktprofis. Sie wurde initiiert unter anderen von dem berühmten Wissenschaftler Robert Shiller, dem Autor der "Irrationalen Übertreibung". In den Tagen nach dem Crash wurden rund 100 Profi-Investoren befragt, ob sie die UAL-Nachricht vor oder nach dem Crash erreicht hat. 36 Prozent der Befragten haben in der Tat vor den Kursverlusten davon gehört – aber 53 Prozent erst danach. Die UAL-Story diente nur als Vorwand zu verkaufen, sagten 50 Prozent. Nur 30 Prozent glaubten, die Nachricht würde künftig zu weniger Übernahmen führen.

Zeitliche Effekte

In Deutschland geht ein Teil der Kursverluste auch auf das Konto der Zeit. Nicht nur wegen der Zeitverschiebung diesseits und jenseits des Atlantiks. Auch das damals noch übliche zeitliche Prozedere an den Börsen könnte die Panik verstärkt haben: Aufträge für Aktienkäufe und -verkäufe mussten damals spätestens am Vormittag abgegeben werden, um am gleichen Tag durchgeführt zu werden.

Börsensaal der Frankfurter Börse 1988

Börsensaal Frankfurter Börse im Jahr 1988: Heute haben die Computer übernommen. | Quelle: picture-alliance/dpa

Beim freitäglichen Crash an der Wall Street gaben deutsche Anleger bei den Banken ihre Orders durch, doch sie wurden erst am Montag abgearbeitet. Am Wochenende konnte das Kursdesaster psychologisch so richtig in den Köpfen der Anleger wirken. Als zu Wochenbeginn die Verluste auf den Frankfurter Anzeigetafeln auftauchten, folgten panisch weitere Verkäufe.

Der "Spiegel" beschrieb seinerzeit das turbulente Geschehen auf dem Parkett: "Wolfgang Röller, der Chef der Dresdner Bank, eilte in die Frankfurter Börse, um private Anleger vor schweren Fehlern zu bewahren. 'Wer heute verkauft', warnte Röller vor laufenden Fernsehkameras, werde 'eines Tages sicher Lehrgeld dafür zahlen'." Das Hamburger Magazin zitiert im Oktober 1989 die "Börsen-Zeitung": Die Aktionäre hätten ein Vermögen von gut 70 Milliarden Mark verloren. Viele private Investoren könnten "nach dem neuerlichen Schock endgültig die Nase voll haben von Aktien". Als die Gegenbewegung an der Wall Street am Montagnachmittag einsetzte, war es zu spät für einen Wiedereinstieg.

Der Dax und sein erster großer Crash

Der Dax genießt den Segen seiner späten Geburt. Geboren am 1. Juli 1988, war der Schwarze Montag im Oktober 1987 schon Geschichte. Der "kleine schwarze Freitag" zwei Jahre danach, im Oktober 1989, war sein erster großer Crash. 12,8 Prozent verlor der Dax an diesem 16. Oktober 1989, das ist bis heute sein größter Tagesverlust. Die Nerven der Anleger lagen blank. Doch rückblickend betrachtet, verglichen mit der letzten Finanzkrise etwa, war der Mini-Crash nur ein kleiner Haken in der Geschichte.

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