Drei Anzugträger-Figuren durch eine Lupe auf Zahlen

Im Wirecard-Skandal Das Versagen der Aufseher und Prüfer

Stand: 29.06.2020, 14:37 Uhr

Dass Wirecard über Jahre hinweg gigantische Umsatz- und Gewinnzahlen frei erfinden konnte, um sich so den Aufstieg in den Dax zu erschleichen, wirft ein schlechtes Licht auf Wirtschaftsprüfer und die deutsche "Bilanzpolizei".

Für Wolfgang Gerke, langjähriger Bankenexperte und Präsident des Bayerischen Finanz Zentrums ist die Sache klar: Im Fall Wirecard haben die Aufsichtsbehörden versagt. "Für die Wirtschaftsprüfer und die Aufsichtsbehörde BaFin ist das ein Armutszeugnis", so Gehrke in der "Passauer Neuen Presse".

Er vermutet ein korruptes Netz hinter dem Skandal. "Dass zwei Vorstände in der Lage gewesen sein sollen, dieses gewaltige Betrugsmodell alleine aufzubauen, ist schwer vorstellbar. Da gibt es sicher Hintermänner, aber vielleicht auch woanders", sagte der emeritierte Professor für Bank- und Börsenwesen der Zeitung.

Derweil fordert der FDP-Politiker Frank Schäffler einen Untersuchungsausschuss des Bundestages. "Die Vorgänge um Wirecard sind skandalös", sagte Schäffler der Nachrichtenagentur Reuters. Offenbar habe die dem Bundesfinanzministerium unterstellte Aufsichtsbehörde BaFin immer wieder Probleme, wenn es um komplexe Themen des Finanzstandortes geht.

Misstrauensvotum gegen die DPR

Besonders ins Visier der Kritiker ist auch die Deutsche Prüfstelle für Rechnungslegung (DPR) geraten, ein privatwirtschaftlich organisierter Verein, der auch als "Bilanzpolizei" bezeichnet wird, der breiten Öffentlichkeit aber weitgehend unbekannt ist. Das Bundesjustizministerium hat am Wochenende die Zusammenarbeit mit der DPR aufgekündigt - ein Misstrauensvotum, das faktisch das Ende des Vereins bedeutet. Die Bundesregierung wirft der DPR Versagen bei der gut 15 Monate dauernden Bilanzprüfung von Wirecard vor.

Markus Gürne
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So habe die BaFin der DPR bereits im Februar 2019 Hinweise auf Ungereimtheiten in der 2018er-Bilanz von Wirecard gegeben. Doch die daraufhin eingeleitete Untersuchung ist bis heute zu keinem Ergebnis gekommen. Gestern wurde bekannt, dass die DPR monatelang nur einen einzigen Mitarbeiter zur Überprüfung der Wirecard-Bilanzen eingesetzt habe.

Klagewelle gegen EY

DPR-Präsident Edgar Ernst spricht dagegen von einer normalen Vorgehensweise. Zumal die BaFin den Fall selbst nicht so hoch gehängt habe, sei sie doch gegen die Leerverkäufer und gegen die "Financial Times" vorgegangen. Die BaFin selbst hat bereits zugegeben, große Fehler begangen zu haben. Finanzminister Olaf Scholz will die Behörde reformieren.

Wirecard: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
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Neben den staatlichen Aufsehern gerät auch der langjährige Abschlussprüfer des Konzerns immer stärker ins Visier. Die Aktionärsschützer der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK) haben bereits Strafanzeige gegen zwei amtierende und einen ehemaligen Abschlussprüfer von Ernst & Young (EY) gestellt.

Zweifel an der Eignung

Die SdK hat große Zweifel, dass EY als Abschlussprüfer geeignet ist. Die Aktionärsvereinigung werde daher zunächst für die von der Vereinigung vertretenen Anleger auf künftigen Hauptversammlungen gegen eine Bestellung von EY zum Abschlussprüfer und/oder Konzernabschlussprüfer stimmen.

Auch der japanische Technologie-Investor Softbank will die Wirtschaftsprüfer wegen ihrer Rolle in dem Skandal verklagen, berichtet "Der Spiegel". Die Kanzlei Schirp & Partner hat bereits Anfang Juni Klage gegen EY eingereicht und verzeichnet nach eigenen Angaben aktuell "reges Interesse von Aktionären", die sich der Klage anschließen wollen.

EY sieht sich als Opfer

Im Kern fragen sich die Kläger, wie EY übersehen konnte, dass die von Wirecard angegebenen Konten bei zwei philippinischen Banken nicht existieren. Diese Frage gilt umso mehr, als EY seit elf Jahren als Abschlussprüfer von Wirecard tätig ist und Jahr für Jahr trotz aller kritischen Hinweise die Bilanzen testiert hatte, bis 2019.

EY Deutschlandzentrale, Stuttgart

EY Deutschlandzentrale. | Bildquelle: imago images / Arnulf Hettrich

Die EY-Prüfer sehen sich selbst als Opfer eines "ausgeklügelten Betrugssystems", mit dem sie selbst und Anleger getäuscht worden seien. "Auch mit umfangreich erweiterten Prüfungshandlungen ist es unter Umständen nicht möglich, diese Art von konspirativem Betrug aufzudecken", betonte EY.

"Wohl nicht genau hingeschaut"

Michael Gschrei, Vorstandssprecher des Verbands wp.net, in dem sich mittelständische Wirtschaftsprüfer organisiert haben, glaubt eher, dass die Prüfer bei Wirecard "nicht genau hingeschaut" haben. Man habe offenbar die von Wirecard vorgelegten Belege einfach akzeptiert und nicht weiter nachgefragt.

Die Prüfer von EY hätten gut daran getan, nach Manila zu fahren und mit den zwei Banken zu reden. Offenbar seien die Institute jedoch nicht mal angeschrieben worden. Er glaube, so Gschrei im Gespräch mit dem "Handelsblatt", dass Aktionäre mit Erfolg gegen EY klagen könnten: "Das alles war für mich grob fahrlässig. Es liegt für mich eine große Fehlerkette vor."

lg