Katzenberger-Aufsteller in einem Poco-Laden
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Zoff in der Poco-Zentrale Das Steinhoff-Drama

von Bettina Seidl

Stand: 20.04.2018, 14:53 Uhr

Einst galt Möbelhändler Steinhoff als Ikea Südafrikas. Doch das Mutterhaus der Möbelkette Poco mutierte zum Skandalkonzern, der das Zeug hat für einen erstklassigen Mafia-Thriller. Bilanzfälschungen, Pleite-Alarm, gierige Manager, fragwürdige Geschäfte - für Zündstoff auf der heutigen Hauptversammlung ist gesorgt.

Die Hoffnungen waren groß, als Steinhoff 2015 an die Börse ging. Dabei ging es anno 1965 ganz klein los. Bruno Steinhoff gründete die Firma in Westerstede bei Bremen, ließ Möbel billig in Osteuropa fertigen und verkaufte sie im Westen. Anfangs operierte er aus einer Garage heraus. 40 Jahre später ist es ein Weltkonzern. Die Nummer 2 der Welt hinter der schwedischen Ikea-Gruppe. Steinhoff galt sogar als Kandidat für den Dax.

"Die haben alles" - auch einen Skandal

Die Wachstumsstory war verlockend: Der damalige Vorstandschef Markus Jooste hatte ausgiebig zugekauft, Firmen quer über den Globus verteilt: den französischen Möbelhändler Conforama, die britische Billigkette Poundland, den Matratzenhersteller Mattress Firm aus den USA. Über 40 verschiedene Handelsketten mit weltweit über 10.000 Läden vereint Steinhoff unter seinem Dach. In Deutschland kennt man den Namen weniger, eher schon die zum Imperium gehörende Möbelkette Poco, für die das Sternchen Daniela Katzenberger mit vollem Körpereinsatz warb.

"Die haben aber auch alles", flötete die Blondine. Ja, sie hatten wirklich alles. Auch einen Bilanzskandal. Und eine Prüfung wegen Insiderhandel.

Investoren fragten sich: Geht da alles mit rechten Dingen zu? Schon zum Börsenstart in Frankfurt stattete die Steuerfahndung den Büros der europäischen Hauptniederlassung in Westerstede einen Besuch ab.

Steinhoff Möbel Lager

Steinhoff total international: Hauptsitz in Südafrika, Wurzeln in Deutschland - und die Aktionäre müssen in die Niederlande, um Dampf abzulassen. | Bildquelle: dpa

Bilanzfälschung lautete der Verdacht. Der Konzern wies immer alles von sich. Doch Ende 2017 wollten die Wirtschaftsprüfer die Jahresergebnisse nicht mehr testieren. Manager mussten gehen, darunter Unternehmenschef Markus Jooste und Chefaufseher Christo Wiese.

Die ganze Gesellschaft ist so verschachtelt, dass die Bilanzen schwer zu durchschauen sind. Nur ein paar harmlose Eckdaten: operatives Hauptquartier im südafrikanischen Johannesburg, Rechtssitz in Amsterdam, Europazentrale in Deutschland. 700 Tochterfirmen in 32 Ländern. Börsennotierungen in Johannesburg und Frankfurt.

Hitziges Aktionärstreffen

Da der Konzern zugleich auf Milliardenschulden sitzt, wurden die Kreditgeber nervös. Die Verhandlungen mit den Banken gerieten für den neuen Konzernchef Danie van der Merwe zur Belastungsprobe. Um die Investorennerven zu beruhigen, schlug die Steinhoff-Führung Beteiligungen los, um Geld in die klamme Kasse zu spülen.

Gerade erst hat Steinhoff für noch mehr Cash gesorgt und Anteile an der Afrika-Tochter Star verkauft. Das brachte gut eine viertel Milliarde Euro ein. Eine Vorsichtsmaßnahme kurz vor der Hauptversammlung am 20. April, um allzu erhitzte Gemüter zu besänftigen? Oder gar ein Notverkauf? Das Management muss sich einer Reihe ungemütlicher Fragen seitens der Aktionäre stellen.

Wofür eigentlich Bonus?

Während die Untersuchungen weiter andauern, liefert der Steinhoff-Thriller laufend neue Kapitel. Immer neue, fragwürdige Finanzierungen kommen ans Licht. So soll nun Wiese in seiner Zeit bei Steinhoff versucht haben, eigene Verbindlichkeiten durch die Firma decken zu lassen. Wiese bestreitet das.

Wenig Verständnis dürften die Aktionäre Steinhoffs ursprünglichem Vorhaben entgegenbringen, Manager und Aufseher mit großzügigen Bonuszahlungen zu bedenken. Angesicht einer Vernichtung von über 90 Prozent des Börsenwertes ein fragwürdiges Unterfangen, fanden Südafrikas Parlamentarier und schoben dem einen Riegel vor. Der Punkt wurde daher nicht auf die Tagesordnung genommen.

Verlustreiche Steinhoff-Aktie

Gute Nachrichten gab es auf der heutigen Hauptversammlung nicht. "Die finanzielle Lage der Gruppe bleibt sehr herausfordernd", sagt der Konzern über sich selbst. Aber man bemüht sich um Schadensbegrenzung. Finanzielle Stabilität und eine Senkung der Schulden nannte Steinhoff als Hauptprioritäten. Ende März beliefen sich die Schulden in der Gruppe auf 10,4 Milliarden Euro.

Die Steinhoff-Aktie ist nur noch ein Schatten ihrer selbst, ein so genannter Penny Stock. Nach dem Börsenstart knapp unterhalb fünf Euro kletterte der Kurs zunächst noch, in der Spitze bis auf 6,16 Euro. Danach ging's bergab, erdrutschartig im Dezember vergangenen Jahres.

Zeitweise kostete die Aktie nur noch 0,14 Euro. Auch die Steinhoff-Anleihen wurden gebeutelt. Analysten der Bank- und Finanzhäuser warnen schon seit langem vor einem Steinhoff-Investment und halten es weiterhin für hoch spekulativ. Der Ausgang des Bilanzskandals und das Ausmaß der ausstehenden Verbindlichkeiten sind nämlich noch völlig unklar. Von Unbeständigkeit zeugt auch das überraschende Ausscheiden von Johan van Zyl aus dem Aufsichtsrat - zwei Tage vor der Hauptversammlung. Eigentlich hatte er auf dem Aktionärstreffen zur Wiederwahl antreten wollen.

Klarheit bis zum Jahresende?

Steinhoff gibt sich bemüht, den Bilanzskandal bis zum Jahresende zumindest intern aufzuarbeiten, so das Versprechen auf der heutigen Hauptversammlung. Die Unternehmensberatung PwC, die mit der Untersuchung beauftragt wurde, werde ihre Überprüfung voraussichtlich bis Ende 2018 abgeschlossen haben.

Dann soll auch die bislang noch ausstehende und testierte Bilanz für das Ende September abgelaufene Geschäftsjahr 2017 vorgelegt werden.

Bis heute hätten die Experten mehr als 320.000 Dokumente überprüft und unzählige Gespräche mit den Beteiligten geführt. Steinhoff zufolge sind dabei bestimmte Muster bei Transaktionen festgestellt worden, die über einen Zeitraum von mehreren Jahren dazu geführt hätten, dass Unternehmenswerte und Gewinne deutlich überhöht dargestellt wurden.

Ärger für die Commerzbank

In den Steinhoff-Strudel droht auch die Commerzbank gezogen zu werden, die beim Börsengang des Möbelhändlers beteiligt war und bei der Erstellung des Börsenprospektes mitgewirkt hat. Die niederländische Investorenvereinigung VEB will das Institut wegen "irreführender" Angaben verklagen.

Zwei Treffen, eine Abstimmung

Hauptversammlung in Amsterdam und Kapstadt

Steinhoff lädt am Freitag zur Hauptversammlung nach Amsterdam. Denn der Rechtsform nach ist der Möbelhändler niederländisch. Parallel dazu gibt es auch eine Veranstaltung in Kapstadt/Südafrika. Von dort können die Aktionäre aber nur Fragen stellen. Abstimmungsberechtigt sind nur die Aktionäre bei dem Treffen in Amsterdam.