Frauen und Männer im Gespräch

Von Auto1 bis Zalando Das schwierige Geschäft der Startups

von Lothar Gries

Stand: 02.07.2019, 06:45 Uhr

Heute geht der Online-Modehändler Global Fashion Group an die Börse, eine Beteiligung der Berliner Firma Rocket Internet. Die gilt als Beweis dafür, dass die Deutschen auch Startups können. Tatsächlich erweist sich das Geschäft als schwierig und ein Großteil der Finanzierungen kommt aus dem Ausland. Die Szene blüht dennoch.

Dass junge, internetbasierte Unternehmen nicht nur im Silicon Valley gegründet werden, sondern auch in Deutschland, zeigt das Beispiel Berlin. Die Hauptstadt gilt als ein Top-Standort für Startups - auch wenn sich die politische Stimmung unter dem rot-rot-grünen Senat zuletzt verschlechtert hat und Berlin 2018 den ersten Platz in der Gründerszene, gemessen am eingesammelten Kapital, an Nordrhein-Westfalen abgeben musste.

Die bekanntesten und erfolgreichsten Startups des Landes haben aber nach wie vor ihren Sitz in der Hauptstadt. Jüngstes Beispiel ist das Reise-Startup Getyourguide. Die Firma hat frisches Kapital in Höhe von 484 Millionen Dollar (etwa 430 Millionen Euro) eingesammelt - eine der größten Finanzierungsrunden aller Zeiten für deutsche Startups: Nur Auto1 erhielt bisher mehr Geld von Investoren: Im Januar 2018 investierten sie rund 460 Millionen Euro in den Berliner Autohändler.

Neues Einhorn

Getyourguide dürfte damit jetzt ein "Einhorn" sein – also ein Unternehmen, das mehr als eine Milliarde Dollar wert ist. Das Startup vermittelt geführte Touren oder Tickets für Museen und andere Sehenswürdigkeiten an Urlauber.

Florian Nöll, Vorsitzender des Bundesverbands Deutscher Startups, freute sich über die Finanzierungsrunde. Dem "Handelsblatt" sagte er, sie werde international Beachtung finden und zeige, dass deutsche Gründer denen in den USA und China in nichts nachstehen.

Gelder kommen aus dem Ausland

Einen Wermutstropfen gibt es allerdings: Finanzierungsrunden dieser Größe bleiben hierzulande eine Seltenheit. Und ein Großteil der eingesammelten Gelder kommt aus dem Ausland. Hauptinvestoren bei Getyourguide waren der Softbank Vision Fund aus Japan und der singapurische Staatsfonds Temasek. Auch bei Auto1 kam das Geld aus dem Ausland.

Verbandschef Nöll macht die restriktive Gesetzgebung dafür verantwortlich, dass junge deutsche Unternehmen auf ausländische Investoren angewiesen sind und nicht so viel Geld einsammeln könnten wie in China oder in den USA.

Erfolgsmodell Rocket Internet

Rocket Internet-Chef Oliver Samwer

Oliver Samwer. | Bildquelle: Imago

Dass die Deutschen dennoch schlagkräftige Startup-Schmieden aufbauen können, zeigt das Beispiel Rocket Internet. Das Berliner Unternehmen ist an mehr als 200 Startups beteiligt mit einem Gesamtwert von 1,2 Milliarden Euro. Inzwischen habe Rocket "mehr Geld als Ideen", prahlte Firmenchef Oliver Samwer auf der jüngsten Hauptversammlung. 3,1 Milliarden Euro könne Rocket in neue Unternehmen investieren. Es sei aber schwieriger geworden, Gründer und Ideen für den Aufbau neuer Firmen zu finden.

Zehn neue Geschäftsmodelle hat Rocket seit Anfang 2018 angeblich entwickelt – Einzelheiten gibt's noch nicht. Nur soviel: Das Geschäftsmodell funktioniere, sagte Samwer. "Aber es funktioniert nicht wie am Fließband."

Rockets Beteiligungen sind überwiegend in vier Bereichen tätig: Essen (Delivery Hero), Mode (Global Fashion Group), Handel (Jumia) und Möbel (Home24). Die Einnahmen dieser Unternehmen summierten sich im Jahr 2018 auf fast 2,3 Milliarden Euro. Gewinne aber machte keine dieser Firmen.

Zalando unter Druck

Bekanntestes Aushängeschild von Rocket Internet ist das vor gut zehn Jahren gegründete Online-Versandhaus Zalando. Das in Berlin ansässige Unternehmen hat im ersten Quartal einen Umsatz von 1,4 Milliarden Euro erzielt. Das operative Ergebnis verbesserte sich auf 6,4 Millionen Euro. Netto verblieb jedoch wie im Vorjahr ein Verlust: Der stieg unter anderem wegen höherer Investitionen leicht von 15,1 Millionen auf 17,6 Millionen Euro.

An der Börse hält sich der Erfolg von Zalando in Grenzen. Nach einem dramatischen Einbruch im vergangenen Jahr hat sich der Kurs zwar wieder erholt, verharrt jedoch auf dem gleichen Niveau wie vor drei Jahren. Dagegen ist die Aktie des großen US-Konkurrenten Amazon heute dreimal soviel wert wie noch im Juni 2016.

Börsengänge waren Wertvernichter

Als Wertvernichter haben sich bisher die anderen Beteiligungen erwiesen, die Rocket an die Börse gebracht hat: das "afrikanische Amazon" Jumia, der Berliner Kochboxen-Versender HelloFresh sowie die Onlinemöbelhändler Home24 und Westwing. Seit dem Börsengang sind deren Aktien teils dramatisch eingebrochen.

Auch der nun anstehende Börsengang des Online-Modehändlers Global Fashion Group (GFG) steht unter keinem guten Stern. Das Unternehmen konnte seinen Gang aufs Parkett nur mit viel Mühe und großen Abstrichen über die Bühne bringen. Statt der erwarteten 390 Millionen Euro bringt die Erstnotierung nur knapp 200 Millionen Euro ein. Und auch dieser Kraftakt dürfte nur mit kräftiger Unterstützung der beiden Großaktionäre, dem schwedischen Investor Kinnevik und Rocket Internet gelingen.

Fazit: Deutschlands Startup-Szene blüht und gedeiht, doch die meisten Jungunternehmen bleiben eine Wette auf die Zukunft. Gewinne machen sie vorerst noch keine und Geldgeber müssen sie zuvorderst im Ausland suchen.

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Was wurde eigentlich aus den Rocket-Beteiligungen? Chartserie

<strong>HelloFresh</strong><br/>Die Aktie des Kochboxenzulieferers ist heute weniger wert als am Tag ihrer Erstnotierung im November 2017.: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum 2 Jahre

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Die Aktie des Kochboxenzulieferers ist heute weniger wert als am Tag ihrer Erstnotierung im November 2017.