Kellogg's Werbung  für Rice Krispies von 1948

125 Jahre Frühstücksflocken Das Kellogg’s-Urprinzip: Detox dank Cornflakes

von Thomas Spinnler

Stand: 31.05.2019, 06:55 Uhr

John Harvey Kellogg warnte vor Zucker und fleischlicher Kost und erfand deshalb die berühmten Cornflakes. Aber ausgerechnet dank Flocken mit zugefügtem Zucker wurde Kellogg’s zu einem Milliardenkonzern. Jetzt geht es wieder rückwärts, Zuckerverzicht soll nun dafür sorgen, dass die Kassen weiter klingeln.

Immer mit Geschäften beladen, das Leben eilt: Das moderne Tempo war so rasend geworden, dass man kaum noch mithielt. Vor allem in den Städten hetzte man ständig gestresst durch die Massen. Wer nahm sich noch die Zeit für eine vernünftige Mahlzeit? Meist verschlang man irgendetwas Klebriges am Straßenrand. Zeit für anständiges Kauen? Kaum!

Das ganze Unglück der anonymen Massengesellschaft begann bereits mit dem Frühstück, der wichtigsten Mahlzeit des Tages. Sehen wir uns einmal ein typisches „American Breakfast“ an. Würstchen, Speck, Ei, Sausage Gravy, eine Soße aus gehacktem Schweinefleisch, dazu Pfannkuchen mit Ahornsirup und Bratkartoffeln - Fett, Fleisch, Zucker. Das Resultat: Erschöpfung, Angstzustände, Depression, Verdauungsstörungen, die sogenannte Americanitis. Das Gegenmittel: Entgiften mit Cornflakes.

John Harvey Kellogg

John Harvey Kellogg: Der Gesundheitsapostel und sein Kampf gegen die Americanitis. | Bildquelle: Public Domain

Ausgedacht hat sich das Antidot der Arzt John Harvey Kellogg, mitgewirkt hatte sein jüngerer Bruder Will Keith. Patentiert wurden Cornflakes vor genau 125 Jahren am 31. Mai 1894. Damit legte er den Grundstein für den heutigen Milliardenkonzern, die Kellogg Company (Kellogg’s).  

Ein Mann mit einer Mission

Natürlich war Doktor Kellogg nicht so naiv zu glauben, allein Frühstücksflocken aus Getreide würden aus grauen, unglücklichen Menschen wieder fröhliche Amerikaner machen. Kellogg verfolgte Ende des 19. Jahrhunderts einen ganzheitlichen Ansatz, wie wir heute sagen würden: Er empfahl, vollständig auf fleischliche Kost und Zucker zu verzichten, genauso wie auf Alkohol, Tabak, Tee, Kaffee und Sex. Dazu gründliches Kauen, Leibesübungen und täglich jeden Morgen nach dem Frühstück eine Darmspülung – das würde den Körper entgiften.

Das Thema beschäftigte den Autor von zahlreichen Büchern nicht nur theoretisch. Natürlich praktizierte er selbst, was er predigte. Und er war sendungsbewusst genug, um auch andere an seinen Weisheiten teilhaben zu lassen. Kellogg leitete ein Sanatorium in seiner Heimatstadt Battle Creek in Michigan. Zu seinen Gästen zählten Schriftsteller wie Scott Fitzgerald und George Bernard Shaw, Unternehmer wie Henry Ford und Schauspieler wie Sarah Bernhardt, denen er zum Frühstück seine Cornflakes servierte.

Battle Creek Sanatorium

Battle Creek Sanatorium: Leibesübungen, Fleischverzicht und gründliches Kauen. | Bildquelle: Public Domain

Sie bestanden damals aus gekochtem, dann gepresstem und wärmegetrocknetem Weizen, serviert mit etwas Salz, die beide Brüder zusammen mit anderen pfiffigen Nahrungsmittelprodukten und Kelloggs Büchern über einen Versandhandel verkauften – mit mehr oder weniger großem Erfolg.      

Ein Imperium dank Zuckerzusatz 

Bis der jüngere Bruder Will Keith, der sich nicht nur als besserer Geschäftsmann, sondern auch als cleverer Marketingstratege erwies, auf eine bestechende Idee kam. Er fügte der Flockenmasse, die mittlerweile auch aus Mais bestehen konnte, Rohrzucker bei. Das widersprach zwar vollkommen der Wellness-Philosophie seines Bruders, machte das Produkt aber zu einem beispiellosen Verkaufserfolg – allerdings mit Nebenwirkungen.

Kelloggs-Unternehmensgründer Will Keith Kellogg

Will Keith Kellogg: Besserer Geschäfts- und Marketingmann. | Quelle: Unternehmen

Für John Harvey war die Süße nicht akzeptabel. Der Streit um den Zucker in den Frühstücksflocken brachte die Brüder auseinander. Will Keith gründete eine eigene Firma, die Battle Creek Toasted Corn Flake Company, aus der schließlich die Kellogg Company entstand. Zucker machte aus einem einfachen Unternehmen einen Milliardenkonzern, der mittlerweile mehr als 13 Milliarden Dollar Umsatz jährlich erwirtschaftet. Heute soll der Verzicht auf Zucker dafür sorgen, dass Kellogg ein Milliardenkonzern bleibt.

Entgiften und entschleunigen

Denn gemütlicher wurde das Leben seit der Erfindung der Cornflakes nicht. Auch wir hetzen von Termin zu Termin, essen im Laufschritt auf der Straße, drücken uns noch schnell einen Kaffee to go in den Magen. Dank Smartphone glotzen wir alle paar Minuten auf die neuesten Headlines, das Erregungsniveau ist jederzeit hoch, zwischendrin wird getwittert, geliked und gepostet - und abends mit Alkohol sediert.

Kellogg's Cornflakes-Produktion

Kellogg's Cornflakes-Produktion: Direkt von der Fabrik auf den Tisch. | Bildquelle: picture alliance / dpa

In Zeiten wie diesen kann es hilfreich sein, sich daran zu erinnern, dass es immer schon Zeiten wie diese gegeben hat. Wieder möchten die Menschen das Leben entschleunigen, den Körper entgiften und Leibesübungen betreiben. Aus Sanatorien wurden die modernen Anti-Burnout-Reservate, es gibt Wellness-Kliniken, es gibt Detox-Programme, Heilfasten, Diätberater. Zucker ist nicht mehr gefragt.  

Das zwingt den Kellogg‘s-Konzern dazu, sich an seine Wurzeln zu erinnern. Viele Produkte die der Nahrungsmittelgigant heute im Programm hat, werden von den Kunden abgelehnt. Der moderne Konsument bevorzugt bis auf weiteres frische, zuckerarme Lebensmittel – eine Erfahrung, die auch andere uramerikanische Konzerne wie Coca-Cola oder McDonald’s machen.

Kellogg's Produkte im Regal

Kellogg's-Produkte: Hauptsache bunt war gestern - jetzt soll es auch gesund werden. | Bildquelle: Imago

Simples Essen, simples Leben

Unter der Marke W.K. Kellogg bietet der Konzern deshalb zuckerfreie, Bio- und Superfood-Produkte an. Der Markt für zuckerfreie Ernährung wird Experten zufolge bis 2021 um jährlich mehr als zehn Prozent wachsen, und Kellogg's möchte mitverdienen. Und erst vor wenigen Wochen teilte Kellogg’s mit, die Keks- und Snacksparte an den italienischen Süßwarenhersteller Ferrero zu verkaufen.  

Für John Harvey Kellogg, der nebenbei noch die Erdnussbutter und eine Lichtdusche sowie Kaffee- und Fleisch-Ersatzprodukte erfand, wären das vermutlich gute Nachrichten. Er starb mit 91 Jahren - neun Jahre, bevor er sein Ziel erreicht hatte, hundert Jahre alt zu werden, wie die „New York Times“ (NYT) in einem Nachruf am 16. Dezember 1943 schrieb – als „entschlossener Praktiker der Regeln des simplen Essens und Lebens“.