Senvion-Windturbine

Vom Winde verschmäht Das Ende von Senvion

Stand: 10.04.2019, 16:06 Uhr

Der harte Wettbewerb in der Windindustrie fordert ein weiteres Opfer: Die Hamburger Senvion, die zu den zehn größten Windanlagenbauern der Welt gehört, hat Insolvenz angemeldet. Die Aktien sacken auf Pennystock-Niveau. Was ist los in der einstigen Boombranche?

Nordex: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
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Da dachte man, das Schlimmste in der Windbranche schon überstanden. Denn zuletzt hatten sich die Aussichten wieder aufgehellt, große Windanlagenhersteller wie Nordex waren mit einem kräftigen Auftragsschub ins neue Jahr gestartet. Der Aktienkurs machte einen Riesen-Satz nach oben.

Doch nun wird die Branche von einer neuen Pleite erschüttert: Der Hamburger Windanlagenbauer Senvion hat am Dienstagnachmittag Antrag auf Insolvenz in Eigenregie eingereicht. Dabei waren zuletzt die Auftragsbücher von Senvion gut gefüllt.

Senvion-Drama mit Ansage

Das Drama bei Senvion hatte sich jedoch bereits in den letzten Monaten angedeutet. Wegen Lieferschwierigkeiten hatten die Hamburger die Prognose gesenkt und die Veröffentlichung des Jahresabschlusses verschoben. Auch ein Sanierungsgutachten wurde damals bereits in Auftrag gegeben.

Die Probleme mit Investoren und Kreditgebern über die weitere Finanzierung brachen Senvion das Genick. Zu Wochenbeginn warnte der Windanlagenbauer, dass es noch keine Einigung zwischen Hauptaktionär und Kreditgebern über die weitere Finanzierung des Unternehmens gebe und weiter verhandelt würde. Offenbar ohne Erfolg. Am Dienstag erklärte sich Senvion für zahlungsunfähig. Seit Ende Februar laufen die Gespräche.

Ein Schlupfloch ließ sich der Konzern: Sollte es doch noch eine Einigung über die Finanzierung geben, wird der Prozess gestoppt.

Senvion-Aktien auf Pennystock-Niveau

Tatsächlich sind die Probleme bei Senvion weitgehend hausgemacht. Das Unternehmen schreibt seit Jahren Verluste, verfügt zudem über eine schwache Kapitalbasis. Im Management knirsche es gewaltig. Im Mai 2018 trat Vorstandschef Jürgen Geißinger zurück. Ende Januar 2019 gab Finanzchef Kumar Manav Sharma auf.

Die Aktien von Senvion sacken am Mittwoch erneut um gut 25 Prozent ab. Mit knapp 49 Cent notieren die Titel inzwischen nahe ihrem Jahrestief. Sie sind zur Pennystock-Aktie geworden.

Senvion hieß früher Repower und war unter diesem Namen bereits bis 2011 an der Börse. Der indische Suzlon-Konzern hatte Repower 2007 nach einem aufsehenerregenden Übernahmekampf gegen die französische Areva-Gruppe für 1,3 Milliarden Euro übernommen und später die verbliebenen Aktionäre herausgekauft.

Deutscher Windmarkt bricht ein

Natürlich litt Senvion auch unter der Flaute in Deutschland. 2017 stoppte Deutschland sein bisheriges Subventionsmodell mit festen Einspeisevergütungen und stellte auf ein Auktionsmodell um, andere europäische Staaten folgten. Damit brach der Bau neuer Windkraftanlagen in Deutschland nahezu komplett ein.

Der Bruttozubau von Windrädern an Land brach 2018 um 55 Prozent auf 2.400 Megawatt ein. Zuletzt seien 2013 so wenige Anlagen neu gebaut worden. Für das laufende Jahr erwarten der Bundesverband Windenergie und der Verband der Anlagenbauer VDMA Power Systems nur noch einen Zuwachs von 2.000 Megawatt.

Jobkürzungen auch bei Enercon und Nordex

Auch die Senvion-Rivalen wurden von dem schwachen Windgeschäft in Deutschland hart getroffen. Marktführer Enercon kündigte den Abbau von hunderten Stellen an. Auch Nordex kündigte harte Restrukturierungsmaßnahmen an.

Auf die schwierigeren Marktbedingungen hatten einige Unternehmen reagiert und eine Konsolidierung in der Industrie angestoßen. Siemens fusionierte sein Windkraftgeschäft mit der spanischen Gamesa, die Hamburger Nordex tat sich mit dem ebenfalls spanischen Hersteller Acciona zusammen. Die Windkrafthersteller suchten sich neue Märkte außerhalb des schwierigen deutschen Geschäfts, etwa in Nordamerika oder in Lateinamerika oder in Indien.

Nach einer zweijährigen Durststrecke schien sich zuletzt die Branche wieder zu berappeln. Nordex verkündete nach einem Jahresauftakt einen positiven Ausblick und wieder einen deutlichen Anstieg beim Umsatz.

nb