Probleme bei Daimler
Audio

Aktie zieht kräftig an Daimler wird gefeiert trotz Milliardenverlusts

von Notker Blechner

Stand: 23.07.2020, 10:56 Uhr

Wegen des wochenlangen Stillstands in vielen Werken und Autohäusern ist Daimler im zweiten Quartal tief in die roten Zahlen gefahren. Nun sieht der Autobauer erste Erholungszeichen. Um profitabel zu bleiben, soll noch mehr gespart werden.

Auf den ersten Blick wirken die Zahlen erschreckend: Der Stuttgarter Autobauer hat im Zeitraum von April bis Ende Juni unterm Strich einen Verlust von rund zwei Milliarden Euro gemacht. Das Defizit war deutlich größer als noch vor einem Jahr, als Daimler wegen milliardenschwerer Rückstellungen für die Dieselaffäre und Airbag-Rückrufen vorübergehend in die Miesen rutschte.

Ein Drittel weniger Autos verkauft

Daimler: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
Kurs
45,48
Differenz relativ
-1,98%

Auch der Umsatz ging deutlich um 29 Prozent auf 30,2 Milliarden Euro zurück. Der Absatz schrumpfte um über ein Drittel auf rund 542.000 Fahrzeuge. Wegen der Corona-Krise standen die Produktionsbänder in den Werken wochenlang still. Zudem waren die Autohäuser vorübergehend geschlossen. Die Nachfrage nach Autos brach ein. "Aufgrund der beispiellosen Covid-19-Pandemie mussten wir ein herausforderndes Quartal durchstehen", sagte Vorstandschef Ola Källenius.

Doch inzwischen gebe es erste Anzeichen einer Absatzerholung, vor allem bei Mercedes, erklärte der oberste Konzernlenker. Die Marke mit dem Stern verzeichne aktuell eine starke Nachfrage nach seinen Spitzenmodellen und den E-Autos.

Positives Ergebnis im Gesamtjahr angepeilt

Für das gesamte Jahr 2020 rechnet der Konzern trotz des Corona-Einbruchs mit einem positiven Ergebnis im operativen Geschäft - vorausgesetzt, dass sich die wirtschaftliche Erholung fortsetze und es keine weiteren größeren Corona-Infektionswellen in den wichtigen Absatzmärkten gebe. An den ohnehin schon schwachen Vorjahreswert von 4,3 Milliarden Euro wird das Ergebnis vor Zinsen und Steuern aber dennoch nicht heranreichen.

Bei den Verkäufen dürfte es 2020 ein Minus geben. Der Pkw-Absatz werde unter dem Vorjahreszeitraum liegen, der Lkw-Absatz deutlich darunter, erklärte Finanzchef Harald Wilhelm. Der Absatzrückgang könne im weiteren Jahresverlauf nicht mehr aufgeholt werden, sagte auch Daimler-Chef Källenius. Deshalb müsse mehr gespart und Kapazitäten angepasst werden. "Mit Blick auf die Zukunft sind wir fest entschlossen, die Kostenbasis unseres Unternehmens weiter zu verbessern."

Ausdehnung des Sparprogramms

Der Autobauer will mehr sparen als bisher angekündigt, ohne Details zu nennen. "Es macht beim derzeitigen Stand keinen Sinn, eine Zahl dazu herauszugeben", sagte Källenius am Donnerstag in Stuttgart in einer Telefonkonferenz mit Analysten und Investoren. Das ursprüngliche Ziel aus dem vergangenen November, bei den Personalkosten 1,4 Milliarden Euro bis Ende 2022 einsparen zu wollen, wolle Daimler erhöhen - und auch zeitlich ausdehnen bis 2025. Källenius kündigte an, das solle bei Daimler auf "sozial verantwortungsvolle" Weise geschehen.

Derzeit laufen Gespräche mit den Arbeitnehmervertretern über Umfang und Ausmaß von Stellenstreichungen. Personalchef Wilfried Porth hatte bereits angekündigt, dass es mehr als zuletzt kolportierte 15.000 Stellen sein dürften, die von den konzernweit 300.000 Arbeitsplätzen wegfallen. Aus Konzernkreisen war zuletzt verlautet, es könnte um bis zu 20.000 Jobs gehen, das "Manager-Magazin" hatte am Mittwoch unter Berufung auf eigene Informationen über bis zu 30.000 Stellenstreichungen gesprochen.

Aktie zurück auf dem Niveau von Ende Februar

Die Ausdehnung des Sparprogramms bringt die Daimler-Aktie in Schwung. Sie steigt am Vormittag um über sechs Prozent und ist größter Dax-Gewinner. Mit 41,50 Euro notiert sie inzwischen wieder auf dem Niveau von Ende Februar. Sie hat also die Verluste aus dem Corona-Crash fast wieder wett gemacht. Mitte März war das Papier auf bis 21 Euro abgestürzt.

Vorläufige Zahlen zum Betriebsergebnis hatte der Dax-Konzern bereits am vergangenen Freitag veröffentlicht. Die Pflichtmitteilung war notwendig, weil die Zahlen nicht so schlecht ausfielen wie von Analysten prognostiziert. Am größten war die Kluft bei den liquiden Mitteln im Industriegeschäft. Hier erreichte der Konzern dank Einsparungen einen Zufluss von 685 Millionen Euro, während Experten einen Abfluss von gut zwei Milliarden Euro befürchtet hatten. Das hatte der Aktie weiter auf die Beine geholfen.

Goldman-Sachs-Analyst George Galliers lobte in seiner aktuellen Studie die starken Kosteneinsparungen des Autobauers. Der Ausblick stimme zuversichtlich. Allerdings erschienen die Papiere noch immer teuer bewertet, weshalb Galliers weiter zum Verkauf der Anteilsscheine riet. Dagegen strich die US-Bank Citigroup ihre Verkaufsempfehlung für die Daimler-Papiere.

nb