Mercedes-Fahrzeuge auf dem ehemaligen Flugplatz Ahorn, Niedersachsen

Krise noch nicht überwunden Daimler: Kommt es noch viel schlimmer?

Stand: 02.09.2019, 09:33 Uhr

Der Abwärtstrend im Autogeschäft hat tiefe Löcher in die Bilanzen der Hersteller gerissen. Daimler rutschte im zweiten Quartal gar in die roten Zahlen, die Aktie ist im Keller. Verpassen die Stuttgarter den Anschluss?

Auf dem Flugplatz Ahlhorn im Kreis Oldenburg in Niedersachsen warten derzeit Tausende Neuwagen von Mercedes-Benz auf ihre Auslieferung. Ordentlich aufgereiht stehen sie auf der Start- und Landebahn des nicht mehr genutzten Flugplatzes, wie auf Luftbildern zu erkennen ist. Verschiedene Medien berichteten in den vergangenen Tagen, dass die Autos wegen diverser Mängel nicht an die Kunden ausgeliefert werden könnten.

Hersteller Daimler betonte, dass die Zwischenlagerung von Fahrzeugen ein ganz normaler Vorgang sei. Grund könnten kleinere Nacharbeiten sein, aber auch die Vorbereitung auf die Markteinführung neuer Modelle, hieß es. Wie viele Fahrzeuge und welche Modelle derzeit in Ahlhorn stehen, wollte Daimler nicht sagen. Der Bestand ändere sich jeden Tag.

Absatz- und Gewinnkrise

Dennoch passt die Meldung zur Krise, die die Autobauer, allen voran Daimler, mit voller Wucht erfasst hat. Im zweiten Quartal schrumpfte der weltweite Neuwagen-Absatz um fünf Prozent. Nur vier der 16 größten Hersteller weltweit, darunter als einziger deutscher BMW, konnten mehr Autos verkaufen als vor einem Jahr.

Daimler: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
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43,94
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"Die weltweite Autoindustrie befindet sich in einer Absatz- und Gewinnkrise, die derzeit noch in erster Linie konjunkturell bedingt ist", sagte Constantin Gall, Autoexperte des Beratungsunternehmens EY bei der Vorlage einer Analyse. Schrumpfende Absatzmärkte bedeuteten stärkeren Preisdruck und sinkende Margen - und dazu kämen dann noch die hohen Investitionen in Autonomes Fahren und Elektromobilität.

Weniger Ausstellungsfläche auf der IAA

Daimler ist im zweiten Quartal gar in die roten Zahlen gerutscht. In den ersten sieben Monaten ist der Pkw-Absatz von Mercedes-Benz inklusive der Kleinwagenmarke Smart um 2,8 Prozent auf 1,39 Millionen Autos gesunken. Daimler reagiert darauf mit einem Sparprogramm. Wie andere Hersteller auch werden die Stuttgarter auf der für die heimischen Hersteller eigentlich so wichtigen Autoshow, der IAA in Frankfurt, die kommende Woche beginnt, deutlich bescheidener auftreten als in den Vorjahren.

Die Ausstellungsfläche sinke im Vergleich zur Vorgänger-IAA um 30 Prozent auf noch 8800 Quadratmeter, sagte Marketing-Chefin Bettina Fetzer. Auch finanziell werde "signifikant weniger" Aufwand betrieben.

"Wir denken Automesse neu", erklärte Fetzer. Mit der IAA als Marketing-Plattform könne man aber immer noch eine konkurrenzlos hohe Zahl an Autointeressierten erreichen. In der einstmals vollbespielten Frankfurter Festhalle werden auf einer Teilfläche nur noch 18 Autos zu sehen sein. An ihrer Stelle will Daimler verschiedene Erlebniswelten etwa zur Digitalisierung und Mobilitätskonzepten der Zukunft zeigen.

Källenius erwartet Trendwende

Durch die zunehmende Digitalisierung und dem Bau elektrisch angetriebenen Fahrzeuge werden künftig auch weniger Mitarbeiter benötigt. Bei Daimler dürften nach dem Willen des neuen Vorstandschefs Ola Källenius mittelfristig bis zu 10.000 Stellen wegfallen. Einen Zeitraum dafür nannte Källenius allerdings nicht.

Ola Källeenius

Ola Källenius. | Bildquelle: picture alliance/Sebastian Gollnow/dpa

Geht Daimler also einer düsteren Zukunft entgegen? Mitnichten. Ola Källenius erwartet im zweiten Halbjahr 2019 wieder höhere Absätze der Marken Mercedes-Benz und Smart. Er sieht gar eine "Trendwende" kommen, wie er im Gespräch mit der "Automobilwoche" (Montag) sagte. Daimler musste seine Jahresziele seit dem Antritt von Källenius im Mai schon zweimal senken.

Der Daimler-Chef zeigte sich jedoch zuversichtlich. "Wir sehen den globalen Automobilmarkt nicht in einem lang anhaltenden Abschwung", sagte Källenius. "Es stimmt, die weltweite Pkw-Nachfrage hat sich 2019 abgeschwächt. Nach den starken Vorjahren und angesichts der schwächeren wirtschaftlichen Wachstumsdynamik kommt das aber nicht völlig überraschend."

Anleger bleiben skeptisch

Auch die Experten von EY sehen für Daimler gute Perspektiven. So sei das Absatzminus bisher vergleichsweise klein ausgefallen und für die roten Zahlen seien vor allem Einmaleffekte verantwortlich. "Die deutschen Konzerne haben zuletzt in großem Stil Altlasten aus der Bilanz geräumt", sagte EY-Experte Peter Fuß. Operativ laufe es hingegen nicht schlecht.

Die Anleger bleiben dagegen skeptisch. Seit der Gewinnwarnung im April ist die Daimler-Aktie um gut ein Drittel eingebrochen, zeigt allerdings seit ein paar Tagen deutliche Erholungstendenzen.

lg