Blick über die Motorhaube auf einen Mercedesstern auf die Straße während der Fahrt

Investoren erleichtert über Quartalszahlen Daimler will Sparkurs verschärfen

Stand: 17.07.2020, 18:10 Uhr

Im zweiten Quartal hat Daimler operativ zwar einen Milliardenverlust eingefahren. Aber es gibt auch einen Hoffnungsschimmer: Der Sparkurs des Autobauers beginnt Früchte zu tragen. Die Aktie machte einen Sprung nach vorn. Nun gibt es Spekulationen über weitere Stellenstreichungen.

Mit einem Plus von mehr als vier Prozent auf mehr als 39 Euro rauschten die Daimler-Titel zum Wochenschluss an die Dax-Spitze. Im Schlepptau waren auch andere Autowerte gefragt. "Die Mercedes-Verkäufe in China erreichten einen neuen Rekordwert", kommentierte die Landesbank Baden-Württemberg (LBBW). Dank der Erholung der Nachfrage im Juni sei der Verlust von Daimler im zweiten Quartal spürbar geringer ausgefallen als befürchtet.

Analyst Daniel Schwarz von Mainfirst zeigte sich ebenfalls erfreut: Operatives Ergebnis und der industrielle freie Mittelzufluss des Autobauers hätten positiv überrascht, schrieb er. Die Sorgen der Investoren bezüglich der Bilanz der Schwaben sollten nun nachlassen, meint Schwarz.

Es hätte schlimmer kommen können

Im Ergebnis ist der Stuttgarter Autobauer dank Kurzarbeit und Sparmaßnahmen bisher jedenfalls besser durch die Corona-Krise gekommen als ihm Analysten das zugetraut haben. Allerdings stand nach vorläufigen Zahlen gleichwohl ein Verlust vor Steuern und Zinsen (Ebit) von 1,68 Milliarden Euro zu Buche. Im Vorjahr hatte das Minus selbst ohne Corona-Krise 1,56 Milliarden Euro betragen.

Experten hatten im Schnitt aber mit mehr als zwei Milliarden Euro Verlust gerechnet. Vor allem die Pkw-Sparte schnitt im Quartal besser ab als befürchtet. Die Kosten des vom neuen Vorstandschef Ola Källenius angeschobenen verschärften Konzernumbaus und andere Sondereffekte summierten sich auf fast eine Milliarde Euro. Das bereinigte Ebit lag bei minus 708 Millionen Euro.

Durch Kurzarbeit, die Senkung von Reise- und Marketingkosten und der Gehaltsverzicht der Manager hatte Daimler versucht, die Kosten im Griff zu behalten. So stand am Ende sogar ein positiver Mittelzufluss (Free Cash-flow) im Industriegeschäft von 685 Millionen Euro zu Buche - ein Jahr zuvor hatte Daimler noch 1,3 Milliarden Euro abfließen lassen müssen. Die befragten Analysten hatten diesmal sogar einen Abfluss von 2,1 Milliarden erwartet.

Ola Källenius

Ola Källenius. | Bildquelle: picture alliance / Christoph Soeder / dpa

RBC-Analyst Tom Narayan zeigte sich von dieser Kennziffer beeindruckt. Er habe mit einer schwungvollen Entwicklung gerechnet, aber derart dynamisch habe er sie sich nicht vorstellen können.

Vorsichiger Optimismus - Daimler bleibt auf der Kostenbremse

Källenius unterstreicht den anziehenden Fahrzeugabsatz im Juni: "Mit unserem überzeugenden Produktportfolio konnten wir die Chancen der Markterholung nutzen. Aber es bleibt viel zu tun." Kosten müssten weiter gesenkt, die Kapazitäten angepasst werden, damit Daimler auch mit weniger Umsatz schwarze Zahlen schreiben könne.

Erste Schritte hatte der Vorstandschef bereits eingeleitet: Das Smart-Werk im lothringischen Hambach soll verkauft werden, der Kleinwagen wird stattdessen in China gebaut. Nun verkündete Daimler auch Einschnitte für das Werk in Tuscaloosa in den USA und das gemeinsam mit Nissan betriebene im mexikanischen Aguascalientes, die sich auf SUVs konzentrieren sollen. Die C-Klasse soll aus Tuscaloosa abgezogen werden, wie ein Sprecher sagte. In Aguascalientes soll der Geländewagen GLB gebaut werden.

Daimler-Werk in Untertürkheim

Daimler-Werk in Untertürkheim. | Bildquelle: picture alliance/Fabian Sommer/dpa

Für den Umbau der Werke hat Daimler im zweiten Quartal allein 687 Millionen Euro Aufwand gebucht. 105 Millionen Euro schreibt der Autobauer auf seine Beteiligung an "Your Now" ab, dem Mobilitäts-Joint Venture mit BMW. Vor allem das Carsharing von "Share Now" (vorher Car2Go) hat in der Corona-Krise an Attraktivität verloren. Zudem zeigen sich die ersten Effekte des im Herbst beschlossenen Effizienzprogramms: 129 Millionen Euro buchte der Autobauer dafür ein.

Wie viele Stellen werden gestrichen?

Unterdessen berichtet die Nachrichtenagentur dpa, dass Daimler in den kommenden Jahren bis zu 20.000 Stellen abbauen wolle. Das "Handelsblatt" hatte zuvor geschrieben, dass statt 1,4 Milliarden nun mehr als zwei Milliarden Euro bei den Personalkosten gespart werden sollen und beruft sich dabei auf Unternehmenskreise. Ein Sprecher des Gesamtbetriebsrats sagte der dpa, die Gespräche mit dem Konzern gingen weiter und sie seien durchaus kontrovers. Wichtig sei, das bald Klarheit herrsche, damit die Mitarbeiter wüssten, woran sie seien.

Aus der Konzernzentrale hieß es, spekulative Medienberichte wolle man nicht kommentieren. Allerdings hatte Personalvorstand Wilfried Porth bereits vergangenes Wochenende angekündigt, dass die bisher in der Öffentlichkeit diskutierten 10.000 oder gar 15.000 abzubauenden Stellen nicht genug seien: "Die neue Zahl ist auf jeden Fall größer als die beiden."

Überraschend ist das nicht. Im Gespräch mit boerse.ARD.de hatte der Autoexperte Stefan Bratzel, Direktor des Center of Automotive Management (CAM), gesagt: "Man wird langfristig weniger Beschäftigte benötigen, denn der Sektor E-Mobilität ist weniger komplex". Daimler werde insgesamt Kapazitäten runterfahren müssen.

Daimler-Chef Källenius will Mercedes wieder mehr in Richtung Luxus trimmen. Im Interview mit dem "Handelsblatt" nannte er den französischen Luxusgüterkonzern LVMH als Vorbild, der mit einer Verknappung seines Angebots die Preise hoch hält., "Auch bei uns geht Preis vor Menge", sagte Källenius. Die vollständigen Quartalszahlen will Daimler am 23. Juli veröffentlichen.

ts/rtr/rm