Stefan Müller

Kritiker der Deutschen Bank "Cryan ist nicht der Richtige"

Stand: 09.01.2018, 14:50 Uhr

Stefan Müller, ehemaliger Investmentbanker und Geschäftsführer der Researchfirma DGWA, spricht sich im Gespräch mit boerse.ARD.de für einen radikalen Schnitt bei der Deutschen Bank aus. Wie der aussehen könnte, lesen Sie hier.

boerse.ARD.de: Die Deutsche Bank wird 2017 das dritte Jahr in Folge einen Verlust ausweisen, hauptsächlich wegen der Steuerreform in Amerika. Aber auch das Kapitalmarktgeschäft läuft nicht rund. Was ist da los?

Stefan Müller: Mich macht die neueste Hiobsbotschaft aus der Deutschen Bank einfach nur wütend, aber auch traurig. Wütend deshalb, weil man die vielen Ausreden, warum es auch diesmal mit der Rückkehr in die Gewinnzone nicht geklappt hat, einfach nicht mehr hören kann. Mir ist es völlig unverständlich, wie man in einer so gut laufenden Wirtschaft wie Deutschland kein Geld verdienen kann. Gleichzeitig finde ich es sehr schade, dass eine Bank, die gegründet wurde, um die deutsche Industrie zu finanzieren, heute dermaßen an Bedeutung verloren hat.

boerse.ARD.de: Wollen Sie damit sagen, dass die Führungsspitze die Bank nicht im Griff hat?

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Müller: Tatsächlich halte ich Vorstandschef John Cryan für den falschen Mann an der Spitze der Bank. Er wirkt wie der nette Onkel von nebenan, ist aber nicht der, den die Bank im Moment braucht. Schlimmer noch: Ich glaube, dass er mit seiner Aufgabe, die Bank auf Vordermann zu bringen, völlig überfordert ist. Er verfügt nicht über den nötigen Background und das für den Chef der Deutschen Bank notwendige Netzwerk in der deutschen Industrie. Anders kann ich es mir nicht erklären, dass es die Bank auch im neunten Jahr des Aufschwungs in Deutschland nicht schafft, einen ordentlichen Gewinn zu erwirtschaften.

boerse.ARD.de: Liegen die Probleme der privaten Banken hierzulande nicht auch daran, dass der Markt von staatlichen und genossenschaftlichen Banken dominiert wird?

Müller: Die Dominanz von Sparkassen und Volksbanken ist nicht neu. Auch haben die meisten Mittelständler in diesem Land mindestens zwei Bankverbindungen: eine bei der örtlichen Sparkasse und eine bei der Deutschen Bank oder der Commerzbank für die größeren Geschäfte.

boerse.ARD.de: Also ist die Deutsche Bank doch nicht so schlecht vernetzt?

Müller: Vernetzt ist sie schon, aber kein anderes Unternehmen in Deutschland hat in den letzten Jahren dermaßen an Ansehen verloren wie die Deutsche Bank. Und dieser Imageverlust wirkt sich natürlich aufs Geschäft aus. Und ich sage es noch einmal: In dieser Situation ist John Cryan einfach nicht der Richtige.

boerse.ARD.de: Was ist also zu tun?

Müller: Die Deutsche Bank braucht einen Schnitt, eine neue Führungsmannschaft und eine neue Struktur. Sie muss sich entsprechend ihrer früheren Bedeutung im Geschäft mit Unternehmen positionieren, sollte aber vom Investmentbanking die Finger lassen, zumindest in Amerika. Ich bin der Meinung, die Deutschen können das Investmentbanking nicht. Es ist ein Geschäft, das uns nicht liegt. Das kann man bei der Deutschen Bank sehr gut beobachten: Das Geschäft wurde seit den 90er Jahren zugekauft und hat unter dem Strich, einschließlich all der Gerichtsverfahren der letzten Jahre, mit Sicherheit nur Verluste eingefahren. Vielleicht sollte sich die Deutsche Bank in dieser Sparte einen Partner suchen, aber das Geschäft allein zu betreiben, bringt nichts.

boerse.ARD.de: Sieht die Zukunft von John Cryan an der Spitze der Bank also düster aus?

Müller: Ich glaube, der Deutschen Bank steht ein turbulentes Jahr bevor, an dessen Ende John Cryan womöglich nicht mehr Vorstandschef sein wird.

boerse.ARD.de: Was macht Sie da so sicher?

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Müller: Es sind die Aktionäre, die den Niedergang nicht mehr lange hinnehmen werden. Denn Cerberus und andere Großaktionäre haben Anteile an der Bank erworben, um damit Geld zu verdienen. Wenn das nicht klappt, werden sie nicht länger die Füße still halten. Sollte es den kritischen Aktionären gelingen auf der Hauptversammlung 25 Prozent der Stimmen zu vereinen, werden sich John Cryan und seine Mannschaft dick anziehen müssen.

Das Gespräch führte Lothar Gries.

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