Remdesivir

Kleiner Rückschlag für Gilead Covid-19: Remdesivir laut WHO wirkungslos?!

Stand: 16.10.2020, 10:18 Uhr

Wirkt das Mittel Remdesivir gegen Corona? Darüber streiten sich seit Wochen Wissenschaftler. Zu den Skeptikern zählt die Weltgesundheitsorganisation WHO. Sie hat in einer Studie keinen Einfluss auf die Genesung von Covid-19-Patienten festgestellt.

Nicht nur US-Präsident Donald Trump wurde mit dem Medikament behandelt. Auch zahlreiche andere an Covid-19 erkrankte Menschen erhielten das Mittel des US-Biotechkonzerns Gilead - und sind überzeugt, dass ihnen Remdesivir bei der Heilung geholfen hat. Mehrere Ärzte, darunter auch in Deutschland, glauben an die Wirkung von Remdesivir im Kampf gegen das Coronavirus.

Rückenwind gab ihnen eine US-Studie mit 1.062 Patienten, die Anfang des Monats im renommierten New England Journal of Medicine veröffentlicht wurde. Demnach verkürzte Remdesivir die Genesungszeit von Covid-19-Patienten um fünf Tage im Vergleich zu Erkrankten, die die Arznei nicht bekamen.

Kein substanzieller Einfluss auf die Genesung von Covid-19-Patienten

Nun aber stellt ausgerechnet die Weltgesundheitsorganisation WHO die Wirkung des Anti-Corona-Wundermittels in Frage. Das Medikament von Gilead habe keinen substanziellen Einfluss auf die Genesung von Covid-19-Patienten, meint sie in einer breit angelegten Studie. Darin wurde an mehr als 11.200 Patienten in über 30 Ländern die Wirkung von vier unterschiedlichen Medikamenten - neben Remdesivir die Malaria-Arznei Hydroxychloroquin, das HIV-Medikament Lopinavir/Ritonavir sowie der Wirkstoff Interferon - getestet. Das Ergebnis: Die Medikamente hätten allesamt nur einen geringen oder keinen Einfluss auf die Sterblichkeit oder die Länge des Krankenhausaufenthalts der Patienten gezeigt, teilte die WHO mit.

Die Ergebnisse der WHO stünden im Widerspruch zu Studien, die den klinischen Nutzen von Remdesivir belegten, erklärte Gilead. "Wir sind besorgt, dass die Daten dieser globalen Studie nicht der strengen Überprüfung unterzogen wurden, die erforderlich ist, um eine konstruktive wissenschaftliche Diskussion zu ermöglichen, insbesondere angesichts der Einschränkungen des Studiendesigns."

RKI rät zum Einsatz in der Frühphase der Erkrankung

Mehrere Wissenschaftler haben stets darauf hingewiesen, dass es auf den richtigen Zeitpunkt bei der Verabreichung des Gilead-Mittels ankommt. Laut dem Robert-Koch-Institut (RKI) führe Remdesivir vor allem bei Patienten, denen Sauerstoff zugeführt wird, zu einer statistisch signifikanten Verkürzung der Genesungszeit. Nach Angaben von RKI sollte Remdesivir maximal zehn Tage lang verabreicht werden und erstmals in der Frühphase der Corona-Erkrankung eingesetzt werden. Ein späterer Behandlungsbeginn könnte möglicherweise nachteilig sein.

Bei den anderen zum Einsatz gekommenen Anti-Corona-Medikamenten ist die WHO schon seit einiger Zeit skeptisch. Die Chef-Wissenschaftlerin der WHO, Soumya Swaminathan, hatte in dieser Woche erklärt, dass bereits im Juni die Versuche mit Hydroxychloroquin und Lopinavir/Ritonavir gestoppt wurden, da sie wirkungslos waren. Die US-Pharmaaufsicht FDA warnte Mitte Juni vor der Einnahme des Malariamittels Hydroxychloroquin oder des verwandten Medikaments Chloroquin in Kombination mit dem Covid-19-Mittel Remdesivir. Die gleichzeitige Verabreichung könnte die Wirksamkeit von Remdesivir vermindern, erklärte die FDA.

Mittel in den USA und Europa schon bedingt zugelassen

Remdesivir hatte im Mai von der US-Gesundheitsbehörde FDA eine Notfallgenehmigung erhalten und wurde seitdem auch in anderen Ländern zur Behandlung von Covid-19-Patienten erlaubt. Auch in Europa hatte es eine bedingte Zulassung erhalten. Gilead hat das Medikament ursprünglich zur Behandlung von Erkrankungen durch die Viren Ebola, Marburg, Mers und Sars entwickelt. Remdesivir ist eines der ersten Medikamente, das zur Behandlung von Corona-Patienten eingesetzt wurde.

Die enttäuschende WHO-Studie setzt der Gilead-Aktie heute kaum zu. Der Kurs der Biotech-Firma verliert am Morgen 0,3 Prozent im Frankfurter Handel. Kann es sein, dass Anleger die WHO nicht mehr ernst nehmen?

nb