Corona Virus

Virus hält Anleger und Wirtschaft in Atem Der Corona-Schock an den Märkten geht weiter

Stand: 27.02.2020, 15:16 Uhr

Gewinnwarnungen, abgesagte Reisen, gesprengte Lieferketten, Sparmaßnahmen: Die zunehmende Ausbreitung des Coronavirus außerhalb Chinas steckt immer mehr Unternehmen an. An den Börsen geht die Pandemie-Angst um, die Kurse sacken weiter ab. Wird es noch schlimmer?

Dax

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Die Talfahrt am deutschen Aktienmarkt beschleunigte sich am Donnerstag wieder. Nachdem sich gestern der Dax aufgerappelt und fast vollständig die anfänglichen Verluste abgeschüttelt hatte, bricht er heute bis zum frühen Nachmittag um 3,5 Prozent ein. Auch an den anderen Börsen Europas geht es steil abwärts. Es droht einr der schlimmsten Börsenwochen seit langem. Seit Montag ist der Dax um rund zehn Prozent - über 1.400 Punkte - abgesackt. "Die Stimmung ist trübe und ein Ende des Tunnels ist nicht in Sicht", sagte Analyst Tamas Varga vom Brokerhaus PVM. Es scheine nur eine Frage der Zeit, wann die Weltgesundheitsorganisation WHO die Coronavirus-Epidemie zu einer Pandemie erklären wird.

Ist das der "schwarze Schwan"?

Nach Einschätzung mancher Aktienstrategen und Fondsmanager könnte das Coronavirus der befürchtete "Schwarze Schwan" sein, ein unerwartetes Ereignis, das die Börsen zum Absturz bringt. Die frühere Widerstandsfähigkeit der Märkte scheine jetzt gebrochen, schreiben die Analysten der französischen Bank Natixis.

Michael Bissinger, Aktienstratege der DZ Bank, schließt einen Kurseinbruch von 30 Prozent nicht aus, der Dax könne unter die 10.000-Punkte-Marke rauschen. Die Aktienmärkte hätten die Corona-Risiken zuletzt ausgepreist, dies könnte sich als verfrüht herausstellen. Auch Felix Herrmann, Kapitalmarktstratege von Blackrock, erklärt den jüngsten Kursrutsch damit, dass der ökonomische Schaden und die Gefahr einer weltweiten Pandemie an den Märkten bislang unterschätzt worden seien.

Noch vor kurzem hatten sich die meisten Marktexperten entspannt gezeigt. Sie hatten ein Abflauen des Coronavirus nach ein bis zwei Monaten und eine V-förmige Erholung der Börsen vorausgesagt - nach dem ähnlichen Muster wie 2003 die SARS-Epidemie.

BDI sieht Stresstest für deutsche Wirtschaft

Unternehmen und Verbände befürchten, dass das grassierende Virus zu einem echten Wachstumshemmer im ersten Halbjahr wird. Die deutsche Industrie sieht das Coronavirus als "Stresstest"ft. China sei der größte deutsche Handelspartner. "Die Unsicherheit über die Auswirkungen des Virus ist groß. Der Konjunktur drohen spürbare negative Effekte", sagte BDI-Hauptgeschäftsführer Joachim Lang. Einige Lieferketten mit starkem China-Fokus würden den "Stresstest" derzeit nicht bestehen, meint Lang. Die mehr als 5.000 deutschen Unternehmen in China seien in Beschaffung, Produktion und Absatz stark eingeschränkt, warnte der BDI.

Chinas Automarkt eingebrochen

Laut einer Umfrage der der Industrie- und Handelskammern beklagt mehr als die Hälfte der deutschen Firmen einen Einbruch der Nachfrage in China. "Der Markt kam zu einem Stillstand", sagt der Vorsitzende der deutschen Handelskammer in Nordchina, Stephan Wöllenstein. So ist etwa der Automarkt in China im Januar verglichen mit dem Vorjahresmonat um 20 Prozent geschrumpft, gab der Verband der Automobilindustrie (VDA) bekannt. Das liege aber auch daran, dass es wegen des Neujahrsfestes weniger Verkaufstage gegeben habe, sagte VDA-Präsidentin Hildegard Müller.

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Viele Unternehmen haben bereits Gegenmaßnahmen ergriffen. Der Zulieferer Conti erhöhte seine Vorsichtsmaßnahmen. "Wir haben Geschäftsreisen von und nach China sowie Südkorea und in Teile Italiens eingeschränkt", teilte der Dax-Konzern am Donnerstag mit. Außerdem sollen die Mitarbeiter persönliche Schutzausrüstung erhalten.

Fraport gibt Mitarbeitern frei

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Nach der Lufthansa leitet auch der Flughafenbetreiber Fraport Sparmaßnahmen ein. Die Verwaltungs- und Betriebskosten würden gesenkt, neue Mitarbeiter nur noch in Einzelfällen eingestellt, kündigte Fraport am Donnerstag an, ohne die Pläne genau zu beziffern. Den Beschäftigten werde angeboten, unbezahlten Urlaub zu nehmen oder ihre Arbeitszeit vorübergehend zu reduzieren. Die Ergebnisbelastungen seien derzeit noch nicht absehbar.

Fluglinien rund um den Globus haben Flüge von und nach China gestrichen. Das Passagier- und Frachtgeschäft mit China und Asien sei massiv eingebrochen, erläuterte Fraport. Das treffe auch das Drehkreuz in Frankfurt - vom Flugbetrieb bis zum Umsatz der Geschäfte am Flughafen, an dem Fraport beteiligt ist.

Tiefe Verunsicherung in der Reisebranche

Die Reisebranche zeigt sich wegen der Ausbreitung des Coronavirus vorsichtig. "Wir sehen uns einem herausfordernden Jahr gegenüber", sagte der Präsident des Deutschen Reiseverbands (DRV), Norbert Fiebig, am Donnerstag. Die Deutschen seien zwar in Urlaubslaune. "Allerdings ist heute nicht abschätzbar, inwieweit sich die Situation rund um das Coronavirus weiter entwickelt und wie sich dies auf das Buchungs- und Reiseverhalten der Deutschen auswirken wird." Zudem seien die Nachwirkungen der Insolvenz des Reiseveranstalters Thomas Cook noch nicht vollständig ausgestanden.

Besonders unsicher sind momentan die Perspektiven für die Messeveranstalter. Die für April geplante Uhrenmesse in Genf wurde nun wegen der Corona-Krise abgesagt. Eigentlich sollte sie in diesem Jahr erstmals zeitgleich zur Basler Uhrenmesse BaselWorld stattfinden. Der Genfer Autosalon, der in der kommenden Woche startet, soll dagegen nach bisherigem Stand wie geplant stattfinden. Es werden etwa 600.000 Besucher erwartet.

Microsoft und Apple warnen

Die Gewinn- und Umsatzwarnungen der Konzerne angesichts der Viruskrise häufen sich. Am Mittwochabend gab der Softwarekonzern Microsoft eine Umsatzwarnung für seine Windows-Sparte aus. Das Unternehmen gehe nicht mehr davon aus, die Prognose für die Sparten-Erlöse im dritten Quartal zu erreichen, teilte der Technologieriese mit.

Das Virus gefährdet auch den Zeitplan für das neue iPhone von Apple. Wegen Reisebeschränkungen nach China könnten Apple-Experten derzeit nicht an der neuen iPhone-Generation arbeiten, sagten ehemalige Mitarbeiter und Supply-Chain-Experten zu Reuters. Vor kurzem hatte Apple die Börsen mit einem pessimistischen Ausblick geschockt. Wegen der Corona-Epidemie in China rechnet der iPhone-Hersteller nicht mehr damit, seine Umsatzziele für das laufende Quartal erreichen zu können.

Senkt die Fed den Leitzins?

Experten rechnen mit Maßnahmen der Notenbanken, falls das Coronavirus zur spürbaren Konjunkturabkühlung oder gar Rezession führt. Die Spekulationen auf eine nahende Leitzinssenkung in den USA haben zugenommen. Anleger sehen die Wahrscheinlichkeit, dass die Fed Mitte März den Leitzins reduziert, inzwischen bei mehr als 50 Prozent.

Erstmals sind außerhalb Chinas mehr Neuinfektionen als im Reich der Mitte gezählt worden. Vor allem in Südkorea und im Iran breitet sich das Virus aus. Die Zahl der gemeldeten Covid-19-Opfer im Iran stieg nach Angaben der staatlichen Nachrichtenagentur IRNA auf 22. In mindestens 15 europäischen Ländern gibt es inzwischen Fälle, 14 Tote wurden gezählt bei etwa 500 Infizierten. In Deutschland wurden in Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg mehrere Neuinfektionen gemeldet.

nb