Mann vor Fernglas

Neue alte Unsicherheit Corona bestimmt das Börsentempo

von Robert Minde

Stand: 27.09.2020, 15:15 Uhr

Am Aktienmarkt braut sich was zusammen. Mit dem Herbst kommen wieder höhere Corona-Fallzahlen auf und das schürt bekanntlich Konjunkturängste. Aber auch von der internationalen Politik droht Ungemach.

Ob es der sich anbahnende "No-Deal-Brexit" ist oder die beginnende heiße Phase des US-Wahlkampfes - die politische Begleitmusik für die Börse ist derzeit eher schwere Kost. So schürt der unberechenbare Präsident Trump schon vor der Wahl Betrugsvorwürfe und stellt sogar eine friedliche Machtübergabe in Frage, sollten die Wähler sich denn am 3.11. dafür entscheiden. Auch eine Einigung auf ein weiteres Konjunkturprogramm ist im total zerstrittenen US-Kongress nicht absehbar, was ebenfalls auf den Märkten lastet.

Einzig auf das weiter ungebrochene Interesse der Anleger für die Technologieaktien in den USA können die Bullen derzeit noch hoffen, nachdem die Notenbank Federal Reserve sehr zu deren Leid zuletzt ihr Pulver trocken gehalten hat - was derzeit als "Nebenwirkung" den Dollar als Weltreservewährung beflügelt. Aber die größte Hausse aller Zeiten scheint auch für diesen Sektor zumindest unmittelbar auszulaufen, Gewinnmitnahmen mehrten sich zuletzt.

Nasdaq 100: Kursverlauf am Börsenplatz NASDAQ Indizes für den Zeitraum Intraday
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Corona steht über allem

Bleibt natürlich das Mega-Thema Nummer eins - die Corona-Pandemie und ihre Folgen für die Wirtschaft. Spätestens seit dem Mini-Crash des Dax vergangenen Montag ist das Thema wieder so aktuell wie sonst nur zu Beginn der Krise im Frühjahr. Erholt hat sich die Börse jedenfalls von diesem Rückschlag noch nicht. Denn die dramatischen Fallzahlen sprechen eine zu deutliche Sprache und schüren Ängste am V-förmigen "Post-Corona-Erholungsszenario" (von dem sich so mancher Experte auch schon verabschiedet hat).

Vor allem unsere europäischen Nachbarstaaten vermelden immer neue Ansteckungsrekorde, in Frankreich zuletzt über 16.000 Neuinfektionen binnen 24 Stunden. Von den USA ganz zu schweigen, wo zuletzt wieder 60.000 Neuinfektionen pro Tag gemeldet wurden - und auch hierzulande steigen die Zahlen stark an, ausgelöst meist durch private Zusammenkünfte.

Noch ist ein zweiter Lockdown, wie aktuell in Israel, zwar hierzulande nicht in Sicht, aber die Tatsache, dass überhaupt wieder so intensiv darüber diskutiert wird zeigt, wie sehr sich die Lage am Beginn der kalten Jahreszeit zugespitzt hat. Immer mehr Reisewarnungen der Bundesregierung belasten nicht nur die Stimmung, sondern unmittelbar auch den ohnehin stark gebeutelten Freizeitsektor.

Entwarnung kann jedenfalls nicht gegeben werden, allen Impfstoffhoffnungen von Biontech & Co. zum Trotz. Apropos Impfstoff: Hier liegt der Schlüssel für eine nachhaltige Erholung, noch aber laufen die klinischen Tests der Anbieter.

Dax

Dax: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
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"Die Optimisten und Schnäppchenjäger, die bislang immer zur Stelle waren, als die Kurse fielen, halten sich angesichts der angespannten politischen Lage in den USA und einer drohenden zweiten Infektionswelle im Herbst zurück", beschreibt Analyst Jochen Stanzl vom Online-Broker CMC Markets die Lage. Börsenbeobachter erwarten daher, dass der Dax zunächst weiter um die charttechnisch wichtige Marke von 12.500 Punkten pendeln wird.

Viele Konjunkturdaten auf dem Kalender

Angesichts der neuen Corona-Unsicherheit stehen Konjunkturdaten besonders im Fokus. Wie wirkt sich die zunehmende Krise auf die Wirtschaftsdaten aus, wie ist die Stimmung der Akteure? Ist womöglich die Lage besser als die Stimmung? Bohrende Fragen, gerade in Corona-Zeiten.

Wirtschaftsdaten die bei deren Beantwortung helfen sollen, gibt es sowohl in Europa als auch in den USA in der kommenden Woche mehr als genug. Hierzulande und für die EU stehen Inflationszahlen für den September auf der Agenda, hinzu kommt am Donnerstag die zweite Veröffentlichung der Markit Einkaufsmangerindizes.

In Amerika steht die Woche unter anderem im Zeichen neuer Arbeitsmarktdaten. Am Freitag gibt es die offiziellen September-Zahlen, zuvor die Zahlen der privaten Arbeitsagentur ADP. Im Mittelpunkt die Frage, ob der Aufbau neuer Stellen weiter so schleppend voran geht wie zuletzt, oder doch noch Fahrt aufnimmt. Für die Notenbank ist der Arbeitsmarkt nach ihrem vielbeachteten Strategieschwenk bekanntlich der derzeit alles entscheidende geldpolitische Parameter.

Er rechne zwar mit einem erneuten Stellenaufbau, allerdings mit dem schwächsten Zuwachs im aktuellen Aufschwung, prognostizierte Commerzbank-Volkswirt Christoph Balz. Experten rechnen im Schnitt für September mit 875.000 neuen Jobs. Das sind etwas mehr als halb so viel wie im Vormonat.

Hinzu kommen Daten zum wichtigen privaten Konsum, den Auftragseingängen der Industrie oder der ISM-Index für das Verarbeitende Gewerbe am Donnerstag. Überraschend gut schlägt sich in den USA der Hausmarkt, trotz der Krise. Neues zu den Bauinvestitionen im August wird ebenfalls am Donnerstag erwartet. In China, das am 1.10. seinen Nationalfeiertag feiert (die Börsen sind dann geschlossen), werden am Tag zuvor Einkaufsmanagerdaten sowohl für die Dienstleistungen als auch für das Verarbeitende Gewerbe erwartet.

Siemens, VW und Grenke im Fokus

Der Unternehmenskalender ist zwar überschaubar, hat es dafür aber in der kommenden Woche in sich. Am Montag erfolgt die milliardenschwere Abspaltung der Siemens-Kraftwerkssparte, die aus technischen Gründen unter dem Namen Siemens Energy dann zumindest für einen Tag der 31. Dax-Wert sein wird. Auch die VW-Hauptversammlung am Mittwoch birgt Sprengstoff, ist doch Firmenchef Herbert Diess zuletzt in die Kritik geraten. Am Freitag dann die Neun-Monats-Geschäftszahlen von Grenke - angesichts der jüngsten Short-Attacke auf das Baden-Badener Finanzunternehmen ein wichtiges Datum.

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Automesse in China beginnt

Für die Autoindustrie geht der Blick derweil nach China, wo am Montag in Peking die internationale Automesse weitergeht. Im Einbruch des globalen Autogeschäfts wegen der Corona-Krise ist China nach den Worten des Autoexperten Ferdinand Dudenhöffer zum "wesentlichen Stützpfeiler" der deutschen Hersteller geworden. "Ohne China wäre die deutsche Autoindustrie kaum wiederzuerkennen", sagte der Leiter des Center for Automotive Research (CAR) in Duisburg.