Continental-Schriftzug in der Zentrale in Hannover

30.000 Jobs wackeln Conti streicht noch mehr Stellen

Stand: 01.09.2020, 20:13 Uhr

Der kriselnde Autozulieferer aus Hannover verschärft seinen Sparkurs. Weltweit könnten bis zu 30.000 Stellen gekürzt werden - 10.000 mehr als ursprünglich geplant. In Deutschland sind 13.000 Jobs in Gefahr.

Mit dramatischen Worten schwor Conti-Chef die Mitarbeiter am Dienstag auf Einsparungen ein. "Die gesamte Autoindustrie hat derzeit gewaltige Herausforderungen zu bewältigen", erklärte er am Abend per Ad-hoc-Mitteilung. "Keine ihrer Krisen der vergangenen 70 Jahre war größer und schärfer."

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Wegen der Corona-bedingten Autoflaute und der Umstellung auf Elektromobilität stellt Conti 30.000 Arbeitsplätze bis 2023 in Frage. Das sind 13 Prozent der Gesamt-Belegschaft. Die Stellen "werden verändert, verlagert oder aufgegeben", erklärte Conti. 13 000 der fraglichen Jobs seien in Deutschland angesiedelt. In der ersten Stufe des vor einem Jahr gestarteten Programms "Transformation 2019-2029" war zunächst von bis zu 20.000 Jobs insgesamt und 7.000 hierzulande die Rede.

Einsparungen von über einer Milliarde Euro

Die durch Werksschließungen, Produktionsverlagerungen und den Verkauf unrentabler Geschäftsteile ab 2023 angepeilten jährlichen Einsparungen bezifferte der Dax-Konzern auf über eine Milliarde Euro. Damit verdoppelt sich das bisherige Einsparziel.

Die Gewerkschaften reagierten empört und kündigten massiven Widerstand an. Sie warfen Conti Missmanagement vor. "Werke wie Zitronen ausquetschen und dann das Licht ausschalten, wenn die Marge nicht mehr stimmt, ist fantasielos", sagte Christiane Benner, IG Metall-Vize und Conti-Aufsichtsratsmitglied. "Wir finden das Verhalten von Continental verantwortungslos." Benner kritisierte, dass an einigen Standorten bereits Gespräche über eine Perspektive begonnen hätten und der Vorstand aber trotzdem auf Stellenabbau setze. "Wir brauchen jetzt eine Führung, die Krise kann und keine Sonnenkönige."

Heftige Kritik der Gewerkschaften

Unter dem Deckmantel der Corona-Krise solle offenbar "alles zusammengekehrt werden, was den Renditeansprüchen nicht mehr gerecht wird", sagte Francesco Grioli, Mitglied des geschäftsführenden Hauptvorstands der IG BCE und des Conti-Aufsichtsrats. "Einen schlichten Kahlschlag wird es mit uns nicht geben." Die beiden Gewerkschaften wollen die Belegschaft in der kommenden Woche für bundesweite Aktionen mobilisieren.

Über die Pläne soll nun weiter mit den Gewerkschaften verhandelt werden. Um den Personalabbau zu dämpfen, will Conti mit den Gewerkschaften auch über Arbeitszeitverkürzungen bei gleichzeitiger Weiterqualifizierung sprechen. Am Ende entscheidet der Aufsichtsrat. 2025 sollen 90 Prozent der geplanten Anpassungen abgeschlossen sein. In Zukunftsbereichen wie der IT und Software wird indes noch Personal eingestellt.

In den roten Zahlen

Conti ist schon länger von der Erfolgsspur abgekommen und musste seinen Sparkurs mehrfach verschärfen - anfangs wegen der mauen Autokonjunktur, später wegen der Corona-Krise. 2019 türmte sich der Netto-Verlust auf 1,2 Milliarden Euro, weil milliardenschwere Abschreibungen auf Firmenwerte und Restrukturierungen die Bilanz schmälerten. Im zweiten Quartal betrug das Minus 741,1 Millionen Euro. Schon vor Ausbruch der Pandemie hatte der Konzern angekündigt, wegen des Wechsels in die Elektromobilität die Digitalisierung und automatisiertes Fahren zu stärken und die Produktion von Komponenten für Verbrenner binnen eines Jahrzehnts abzubauen.

Die Aktien von Conti schlossen am Dienstag um 2,4 Prozent tiefer bei 89 Euro. Damit rangierten sie am Dax-Ende. Seit Jahresbeginn hat der Kurs des weltweit drittgrößten Autozulieferers gut ein Viertel an Wert verloren.