Commerzbank Zentrale Frankfurt

Nach der Aufsichtsratssitzung Commerzbank: Noch keine neue Führung

Stand: 09.07.2020, 07:50 Uhr

Der Aufsichtsrat der Commerzbank hat auf seiner heutigen Sitzung noch keinen Nachfolger für Vorstandschef Martin Zielke und AR-Chef Stefan Schmittmann benannt. Doch die Zeit drängt.

Tatsächlich will Aufsichtsratschef Stefan Schmittmann sein Mandat bereits zum 3. August 2020 niederlegen, Zielkes Vertrag soll hingegen einvernehmlich spätestens zum Jahresende aufgelöst werden. Dies bestätigte die Bank am Abend in einer knappen Mitteilung nach Börsenschluss. Damit bleibt die Besetzung der Führungsspitze zunächst offen.

Nach Informationen der FAZ erhielt die vom Bund in den Aufsichtsrat entsandte Jutta Dönges den Auftrag, ein neues Aufsichtsratsmitglied zu finden. Dönges, eine frühere Mitarbeiterin der Banken Goldman Sachs und SEB, sei mit der Aufgabe betreut worden, weil sie dem Personalausschuss angehöre. Ein Aufsichtsrat äußerte gegenüber der FAZ die Vermutung, dass es ein bis zwei Wochen dauern könnte, bis ein neuer Aufsichtsratsvorsitzender gefunden sei.

Kein langes Führungsvakuum

Mehrere Großaktionäre erklärten, die Commerzbank könne sich zwar kein langes Führungsvakuum leisten, dürfe die Entscheidung aber auch nicht überstürzen. So müsse sie sich auch nach externen Kandidaten umschauen.

"Das plötzliche Ausscheiden des Aufsichtsrats- und Vorstandsvorsitzenden der Commerzbank erfordert ein geordnetes Nachfolgeverfahren zur Besetzung der vakanten Positionen", erklärte ein Sprecher des Großaktionärs Cerberus. Erst müsse ein neuer Aufsichtsratschef gefunden werden, danach könne dann der Prozess zur Bestimmung des Zielke-Nachfolgers beginnen.

Mögliche Kandidaten

Als mögliche interne Kandidaten für die Zielke-Nachfolge werden Firmenkundenchef Roland Boekhout sowie Finanzchefin Bettina Orlopp gehandelt. Orlopp wechselte 2014 vom Beratungsunternehmen McKinsey zur Commerzbank und sitzt seit 2017 im Vorstand, seit März als Finanzchefin. Boekhout, der von 2010 bis 2017 das erfolgreiche Deutschland-Geschäft der niederländischen Großbank ING führte, stieß Anfang des Jahres zu dem Frankfurter Institut.

Zudem gibt es Berichte, wonach die Bundesregierung als größter Einzelaktionär der Bank den ehemaligen Finanzstaatssekretär Jörg Asmussen als Aufsichtsratschef ins Spiel gebracht hat. Als weiterer Kandidat gilt Tobias Guldimann, der seit 2017 im Aufsichtsrat sitzt und Vorsitzender des Prüfungsausschusses ist.

Zielke verzichtet auf 1,5 Millionen

Am Morgen wurde bekannt, dass Zielke intern angekündigt habe, bei seinem Abschied auf eine variable Vergütung von rund 1,5 Millionen Euro zu verzichten, die ihm vertraglich eigentlich zustehen würde. Entsprechende Informationen des "Handelsblattes" wurden der Deutschen Presse-Agentur in Finanzkreisen bestätigt.

Abhängig von seinem genauen Austrittstermin wird Zielke voraussichtlich dennoch einen mittleren einstelligen Millionenbetrag erhalten: Sein Vertrag sieht vor, dass er sein jährliches Grundgehalt von zuletzt gut 1,67 Millionen Euro bis zum Ende der Laufzeit des Kontraktes weiterhin bezahlt bekommt. Die Commerzbank wollte sich nicht zu den Informationen äußern.

In der Zwickmühle

Die Bank steht wieder einmal vor harten Einschnitten, weil sich mit ihrem Geschäftsmodell in Zeiten von Nullzinsen und einem Heimatmarkt mit zu vielen Wettbewerbern kein Geld verdienen lässt. Dieses Dilemma konnte auch die Übernahme der Dresdner Bank nicht beheben. Im Gegenteil. Der Kauf des einst zweitgrößten Geldhauses Deutschlands erwies sich als Giftpille für die Commerzbank.

Der jüngste, von Zielke angestoßene Versuch, sich in die Arme der größten deutschen Bank zu flüchten, wurde von den Deutsch-Bankern abgelehnt. Da die Zinsen auf absehbare Zeit nicht steigen werden und eine Bereinigung, sprich Privatisierung, des öffentlich-rechtlichen Sparkassen- und Landesbankenbereichs ebenfalls nicht auf der Tagesordnung steht, steckt die Commerzbank weiter in der Zwickmühle.

Gefährlicher Schrumpfkurs

Getrieben von Großaktionären wie dem Hedgefonds Cerberus, arbeitete Zielke an einer weiteren Verschärfung des bereits laufenden Sparkurses. Die Pläne wollte der 57-Jährige spätestens mit den Halbjahreszahlen am 5. August präsentieren.

Insidern zufolge steht mit dem Abbau von vielen Tausend Stellen die Streichung von jedem vierten Arbeitsplatz im Raum. Auch könnten mit 400 Filialen doppelt so viele Geschäftsstellen geschlossen werden, wie geplant.

Doch ein solcher Schrumpfkurs bedeutet auch der Verzicht auf Einnahmen. Damit besteht die Gefahr, dass die Bank in eine gefährliche Abwärtsspirale schlittert, aus der sie aus eigener Kraft nicht mehr herauskommt. Doch wer könnte ein Interesse daran haben, eine Bank zu stützen, von der niemand genau sagen kann, wofür sie eigentlich steht und womit sie künftig Geld verdienen will?

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