Milliardenverlust für Steuerzahler Verschluckt

von von Lothar Gries

Stand: 31.08.2018, 06:45 Uhr

Heute vor zehn Jahren verkündete der damalige Commerzbank-Chef Martin Blessing den Kauf der benachbarten Dresdner Bank. Die Übernahme erweist sich als Irrtum, die Commerzbank muss vom Staat gerettet werden.

Statt sie zu stärken, hat die Dresdner Bank die Commerzbank massiv geschwächt. Und zwar so dramatisch, dass sie ohne Hilfe des Staates an dem Kauf erstickt wäre. Selbst heute, zehn Jahre nach der Fusion, erweist sich der damals verkündete Anspruch, die führende Bank Deutschlands zu werden, als bittere Illusion.

Schlimmer noch: Der Niedergang der Commerzbank hat sich seitdem weiter beschleunigt. Das Geldhaus schafft es nicht, genügende Erträge zu erwirtschaften, um die erforderlichen Investitionen in eine Modernisierung ihrer Infrastruktur zu finanzieren. Besonders bitter sieht es für die Aktionäre aus.

Wurzel des Übels

Denn nach insgesamt zehn (!) Kapitalerhöhungen seit 2008 (die letzte aus dem April 2015 über 1,4 Milliarden Euro) hat sich die Zahl der Commerzbank-Aktien verzwanzigfacht. Die damit einher gehende Verwässerung sowie die Enttäuschung über ausbleibende Dividenden, anhaltende Verluste oder selbst in guten Jahren all zu magere Gewinne haben den Aktienkurs der Commerzbank um über 90 Prozent abschmelzen lassen. Nun droht sogar der Abstieg aus der ersten Börsenliga, dem Dax.

Martin Blessing

Martin Blessing. | Bildquelle: picture alliance / dpa

Wie konnte es nur so weit kommen? Die Wurzel des Übels liegt in der am 31. August 2008 verkündeten Übernahme der Dresdner Bank. Dabei galt das damals zweitgrößte Geldhaus Deutschlands bereits zu diesem Zeitpunkt als "zurechtgeschminkte Leiche" mit einem völlig verworrenen Geschäftsmodell und extrem hohen Risiken in den Büchern. Zwar war es der Bank 2007 noch gelungen ein positives Ergebnis darzustellen, doch bereits im Folgejahr musste sie einen dramatischen Verlust von 6,2 Milliarden Euro ausweisen.

In jedes Fettnäpfchen getreten

Wirklich überraschend ist der Absturz nicht, war doch Insidern - und dazu hätte auch Martin Blessing gehören müssen - längst bekannt, in welch schlechtem Zustand sich die Dresdner Bank befand. An Warnzeichen herrschte wahrlich kein Mangel. Bereits 2007 verkündete die Dresdner Bank einen Absturz der Erträge um 20 Prozent. Der Gewinn brach sogar um 50 Prozent ein. In der dann mit voller Wucht wütenden Immobilien- und Finanzkrise zeichnete sich ab, dass die Dresdner Bank in so ziemlich jedes "Fettnäpfchen" getreten war, das der Finanzmarkt damals zu bieten hatte. Die Folge waren Abschreibungen in Milliardenhöhe.

Commerzbank: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum 10 Jahre
Kurs
6,58
Differenz relativ
-3,87%

Es ist also schwer vorstellbar, dass keiner der damaligen Führungskräfte der Commerzbank auch nur ahnte, welche Risiken er sich da in die Bilanz einkaufte. Die Verwunderung ist umso größer als Martin Blessing die Dresdner Bank auch von innen kannte. Er hatte dort einst eine Banklehre gemacht und dann zwischen 1997 und 2000 im Geschäftsbereich Private Kunden eine führende Stellung ausgeübt - quasi als Vorbereitung auf seine spätere Aufgabe als Vorstandschef.

Milliardenschwere Abschreibungen

Als besonders fatal erwies sich der Zeitpunkt der Fusion: mitten in der Finanzkrise. Nur zwei Wochen nach der Verkündung der Kaufabsichten ging in New York die Bank Lehman pleite. Angesichts der sich abzeichnenden Milliardenverluste bei der Dresdner Bank, verhandelte die Commerzbank im November dann doch noch mal nach.

Commerzbank-Aufsichtsrat Klaus-Peter Müller

Commerzbank-Aufsichtsrat Klaus-Peter Müller. | Quelle: Unternehmen

Dabei wurde der ursprüngliche Kaufpreis von zehn Milliarden auf unter sechs Milliarden Euro gedrückt. Wochen später, im Dezember 2008, entdeckte die Commerzbank bei der Dresdner plötzlich neue, noch höhere Risiken. Dabei geriet die Commerzbank durch den Ausbruch der Finanzkrise selbst ins Schlingern. Besonders die einst vom damaligen Vorstandschef Klaus-Peter Müller als Giftpille gegen unliebsame Käufer übernommene Immobilientochter Eurohypo musste milliardenschwere Abschreibungen auf ihre Hypothekendarlehen vornehmen. In der Folge drohte der Commerzbank das Geld auszugehen.

Traum geplatzt

Damit die Übernahme dennoch zustande kam, zapfte die Bank den staatlichen Rettungsfonds SoFFin an. Das Institut erhielt 8,2 Milliarden Euro an stillen Einlagen. Wenige Wochen später schoss der SoFFin noch mal 8,2 Milliarden Euro an stillen Einlagen nach und übernahm schließlich für 1,8 Milliarden Euro 25 Prozent plus eine Aktie an dem Institut.

Damit war der Traum des Führungsduos Blessing und Müller, die Commerzbank zu den führenden Banken im Herzen Europas zu machen, geplatzt.

Und heute?

"Unter den Folgen der Fusion leidet die Commerzbank bis heute", sagt Analyst Michael Seufert von der NordLB. "Das gleicht einem Mühlstein um den Hals, von dem man sich einfach nicht befreien kann." Kein Wunder also, dass der deutsche Staat immer noch 15 Prozent an der Bank hält. Doch schon wieder machen am Finanzplatz Frankfurt Fusionsfantasien die Runde: diesmal zwischen Gelb und Blau.