Arbeiter demontieren den Schriftzug an einer Commerzbankfiliale.
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Commerzbank warnt vor Ertragsdelle Auch das noch

Stand: 27.09.2019, 08:41 Uhr

Die Commerzbank leidet nicht nur unter der Zinspolitik der EZB. Auch der harsche Wettbewerb und die sich abkühlende Konjunktur machen dem Geldhaus zu schaffen, warnte der Vorstand am Abend.

Wegen des verschärften Marktumfelds, besonders im wichtigen Firmenkundengeschäft, erwartet die Bank für das laufende Jahr keine steigenden Einnahmen mehr. Dies geht aus einer am Abend veröffentlichten Mitteilung hervor. Bisher hatte die Bank eine Steigerung der bereinigten Erträge angepeilt.

Bei den Anlegern kommt die Aussage schlecht an. Der Kurs der Commerzbank-Aktie rutscht am Morgen auf Tradegate um 1,9 Prozent zum Xetra-Schluss ab.

Wie andere Häuser steht die Commerzbank zunehmend unter Druck. Die Konjunktur hat sich nach Jahren des Aufschwungs merklich abgekühlt. Viele Firmenkunden fahren deshalb ihre Investitionen runter, brauchen also weniger Kredite von den Banken.

Bewährtes Geschäftsmodell funktioniert nicht mehr

Gleichzeitig hat die Europäische Zentralbank die von der Bankenwelt herbeigesehnte Wende zu höheren Zinsen auf unbestimmte Zeit verschoben, der Strafzins für geparkte Gelder kostet die Branche Milliarden.

Das in der Vergangenheit bewährte Geschäftsmodell der heimischen Banken, kurzfristige Kundeneinlagen längerfristig zu einem bestimmten Zinssatz zu verleihen, lohnt sich also kaum noch. Zudem herrscht in Deutschland ein erbitterter Wettbewerb zwischen privaten Banken, Sparkassen und Volksbanken um Privatkunden sowie mittelständische Firmen. Damit stehen die beiden Hauptgeschäftsfelder der Commerzbank unter Druck.

AR gibt grünes Licht für Sparprogramm

Commerzbank: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
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Die Commerzbank reagiert darauf mit dem Abbau Tausender Stellen und schließt jede fünfte Filiale. Der Aufsichtsrat des Frankfurter Instituts gab nach zweitägigen Beratungen am Donnerstagabend grünes Licht für den Sparkurs des Vorstands.

Danach sollen 4.300 Stellen gestrichen werden, jede fünfte der insgesamt 1.000 Filialen wird geschlossen und die Online-Tochter Comdirect wird in den Konzern integriert. Um diesen Umbau finanziell stemmen zu können, soll die polnische Tochter mBank verkauft werden.

Martin Zielke, Vorstandsvorsitzender der Commerzbank

Martin Zielke. | Bildquelle: Unternehmen

Die Commerzbank reagiert mit dem Umbau auf den im Frühjahr gescheiterten Versuch einer Fusion mit der Deutschen Bank. Mit der neuen Strategie "Commerzbank 5.0" stelle sich das Institut auf das schwierige Marktumfeld ein. "Wir verringern unsere Kostenbasis deutlich. Gleichzeitig investieren wir kräftig in den Vertrieb und eine schnellere Digitalisierung", sagte Konzernchef Martin Zielke am Abend.

Kunden müssen sich auf höhere Preise einstellen

Die Kunden müssen sich auf höhere Preise einstellen. Künftig werde die Commerzbank "Leistungen differenzierter bepreisen", erklärte das Institut. Das bedeutet: Kunden, auf deren Konten kaum Bewegung stattfindet, werden für den Stillstand wohl zahlen müssen. Zudem erhofft sich das Geldhaus, das seit Jahren unter schwindenden Erträgen leidet, höhere Einnahmen durch die verstärkte Nutzung von Daten.

Zudem will die Bank beim Kundenwachstum selektiver vorgehen. Statt zwei Millionen Neukunden sollen bis Ende 2023 netto mehr als eine Million Neukunden gewonnen werden. Inaktive Kunden sollen allerdings rausgeschmissen werden. Durch die Komplettübernahme der Online-Bank Comdirect, an der die Commerzbank bislang 82 Prozent hält, will sie das Online- und Smartphone-Banking weiter ausbauen.

Bettina Orlopp wird neue Finanzchefin

Den Minderheitsaktionären bietet sie 11,44 Euro je Comdirect-Aktie, ein Aufschlag von 25 Prozent vor der Ankündigung der Übernahmepläne vor einer Woche. Die polnische Tochter mBank wird dagegen veräußert, um Kapital freizusetzen.

Gleichzeitig wurde bekannt, dass Bettina Orlopp (49), die im Vorstand des MDax-Konzerns derzeit für Personal und Rechtsfragen zuständig ist, Nachfolgerin von Finanzvorstand Stephan Engels wird. Orlopp soll spätestens Ende März 2020 auf Engels folgen. Dann solle sie auch die Ressorts Tax, Investor Relations und Treasury übernehmen.

lg/dpa/rtr