Vorstellung des ersten Jets von COMAC (Commercial Aircraft Corporation of China) in Pudong, Shanghai, China

US-Handelskonflikt mit China Chinesische Steilvorlage für Airbus?

von Thomas Spinnler

Stand: 11.04.2018, 06:50 Uhr

China ist der wichtigste Zukunftsmarkt der Luftfahrtindustrie. Die Aufregung um mögliche Strafzölle für Boeing-Flugzeuge heizt Spekulationen an: Wird Airbus der lachende Dritte sein? Vielleicht sollten die erfolgsverwöhnten Flugzeugbauer über ganz andere Sachen nachdenken.

Große Aufregung in der Flugzeugbranche: Der Handelskonflikt zwischen China und den USA droht zu eskalieren. China hat angekündigt, Flugzeugimporte aus den USA mit Strafzöllen von 25 Prozent zu belegen. Betroffen wären Modelle mit einem Gewicht zwischen 15 und 45 Tonnen. Das bedeutet, dass Modelle des Boeing-Exportschlagers 737 betroffen wären. Aktuelle Daten von Statista zeigen, dass 2017 zwei der fünf größten Boeing-Kunden aus China kamen. Die China Development Bank und die China Leasing Group haben im vergangenen Jahr zusammen 106 Flugzeuge bestellt. Boeing hätte etwas zu verlieren.

Airbus A320 neo

Airbus A320 neo. | Bildquelle: Imago

Konjunkturprogramm für Airbus?

Jubelt jetzt die Airbus-Zentrale? Ist der europäische Konkurrent der Profiteur? „Airbus wird der vollständige Gewinner sein“, lässt sich der Luftfahrtexperte Shukor Yusuf von der Beratungsfirma Endau Analytics zitieren. Stimmt das? Was zunächst wie ein harter Schlag für Boeing aussieht, entpuppt sich auf den zweiten Blick eher als eine Art politischer Warnschuss der chinesischen Regierung. Denn China ist ein Schlüsselmarkt für die Flugzeugbauer.

Die Prognosen der Experten sind klar: Der chinesische Luftverkehrsmarkt wird bald der bedeutendste Markt der Welt sein. Nach Schätzungen des Internationalen Luftfahrtverbands IATA wird China die USA nach Passagierzahlen im Jahr 2022 überholen. Damit ist China nicht nur der größte, sondern auch der am schnellsten wachsende Markt der Welt.

Entwicklung der Passagierzahlen bis 2036

Entwicklung der Passagierzahlen bis 2036. | Bildquelle: IATA, Grafik: boerse.ARD.de

Der Bedarf an Flugzeugen ist gigantisch

Und diese Millionen müssen transportiert werden. Im vergangenen Jahr veröffentlichte Boeing eine Prognose. Insgesamt 7.240 neue Flugzeuge werde China bis zum Jahr 2036 brauchen um die Nachfrage zu decken. Wer soll sie liefern? Es ist wohl eher eine beidseitige Abhängigkeit zwischen Land und Industrie.        

Aktuell teilen sich Boeing und Airbus den chinesischen Markt untereinander auf. Beide Konzerne haben dort rund 1.500 Flugzeuge, beide verkaufen dort etwa ein Viertel ihrer Flugzeuge. Neue Flieger werden gebraucht, die Situation am Luftverkehrsmarkt erfordert Planung, also kann es sich China nicht leisten, Boeing ernsthaft zu bedrängen. Und ob Airbus über Kapazitäten verfügt, hier einzuspringen?

Dann lieber gleich in China produzieren

Hinzu kommt, dass der neue Boeing-Mittelstreckenjet 737 Max die alten Modelle ablösen wird. Und wegen des höheren Gewichts fällt er nicht unter die Zollregelung. Auch was die Produktion vor Ort betrifft, wird Boeing aktiver: In Zhousan entsteht ein Zentrum für die Endmontage des neuen Jets. Airbus hat schon vorgelegt. Seit 2008 baut der Konzern im chinesischen Tianjin die Mittelstreckenjets der A320-Reihe.

Boeing 737 MAX

Boeing 737 MAX. | Bildquelle: picture alliance / dpa

Die Börse ist bei solchen Fragen ein guter Indikator. Die Nachricht über Strafzölle belastete die Boeing-Aktie kurz, der Rückschlag ist wettgemacht. Die Airbus-Papiere legten zwar etwas zu, aber die Gewinne blieben begrenzt. Der Markt beurteilt die Lage gelassen.  

Dafür gibt es Gründe: Niemand weiß, wie sich der Zollstreit entwickelt und ob aus Spekulationen und Drohungen Fakten werden. So sieht das auch Morgan-Stanley-Analyst und Luftfahrtexperte Rajeev Lalwani. Er meint, die Spannungen würden sich in beiderseitigem Interesse abkühlen. Deshalb erwartet er keine negativen Konsequenzen für Boeing. Darauf deuten auch aktuelle Entwicklungen hin.

Konfuzius sagt…

Trotzdem sollten sich die beiden Flugzeugbauer nicht darauf verlassen, dass ihre Rolle in China unverändert bleibt. Der chinesische Philosoph Konfuzius hat geschrieben, der Mensch habe dreierlei Wege, klug zu handeln: Erstens durch Nachdenken, das sei das Edelste. Zweitens durch Nachahmen, das sei das Leichteste. Und drittens durch Erfahrung, das sei das Bitterste. Eventuell haben die Chinesen durch Nachdenken herausgefunden, dass Nachahmen der richtige Weg ist.

Comac C919

Comac C919. | Bildquelle: picture alliance / MAXPPP

China ist längst dabei, eine eigene Luftfahrtindustrie aufzubauen. Der Luftfahrtkonzern Comac will in drei Jahren mit der Auslieferung des Mittelstreckenfliegers C919 beginnen. Er soll den Typen A320 und B737 Konkurrenz machen und billiger sein. In rund vier Jahren soll die Fluggenehmigung der chinesischen Zivilluftfahrtbehörde vorliegen, dann sind innerchinesische Flüge möglich. 785 Bestellungen sollen schon vorliegen. Wir werden sehen, welchen Weg Airbus und Boeing wählen, um dieser Herausforderung zu begegnen.