Audio

Krachende Niederlage für May Nein zum Brexit-Deal beflügelt das Pfund

Stand: 15.01.2019, 22:19 Uhr

Das Chaos in London geht weiter: Das britische Parlament hat klar den Brexit-Deal Großbritanniens mit der EU abgelehnt. Das Pfund rutschte nach dem Nein-Votum erst ab, zog dann aber an. Vertreter der deutschen Wirtschaft zeigten sich enttäuscht.

Ifo-Präsident Clemens Fuest forderte, dass ein harter Brexit mit seinen riesigen Kosten vermieden werden müsste. "Beide Seiten sollten nun zurückkehren an den Verhandlungstisch und das Abkommen so modifizieren, dass es für beide Seiten akzeptabel ist."

"Hysterie hat gewonnen"

Die deutsche Industrie sieht die künftige Entwicklung in Großbritannien mit Sorge. "Die Hysterie hat gewonnen", kritisierte BDI-Hauptgeschäftsführer Joachim Lang. Die Chance, einen Ausweg aus dem Chaos zu finden, sei vorerst vergeben. "Unternehmen dies- und jenseits des Ärmelkanals hängen weiter in der Luft."

Markus Gürne
Video

Showdown in London

Auch der Präsident des Autoverbands VDA, Bernhard Mattes, bezeichnete die Ablehnung des Brexit-Abkommens in London als "politisch fahrlässig". Es drohten schwerwiegende Konsequenzen für Bürger und Unternehmen in Großbritannien und Europa, sagte Mattes. "Mit der heutigen Entscheidung hat die Mehrheit des britischen Unterhauses seinem Land einen Bärendienst erwiesen."

Am Abend stimmten 432 Abgeordnete gegen die "Scheidungsvereinbarung" zwischen Großbritannien und der EU. Nur 202 Abgeordnete votierten für den Deal mit Brüssel. Die Labour-Partei stellte daraufhin für Mittwoch einen Misstrauensantrag gegen Premierministerin Theresa May. Mitte Dezember hatte May das Misstrauensvotum in ihrem eigenen Lager überstanden.

Pfund auf Achterbahnfahrt

Die Reaktion an den Finanzmärkten war nicht all zu dramatisch. Das britische Pfund gab nach, erholte sich aber rasch wieder. Die Währung fiel um 0,7 Prozent auf 1,2766 Dollar, zog dann aber kräftig an und stieg auf 1,2861 Dollar. Das Pfund notiert zum US-Dollar in etwa wieder auf dem Stand von vor dem Brexit-Votum. "Das zeigt, wie unsicher der Austrittsprozess bleibt und wie wenig mit der gestrigen Entscheidung erreicht worden ist", sagte Analyst Craig Erlam vom Broker Oanda. Der Euro kletterte über die Marke von 1,14 Dollar.

Dow Jones Ind.: Kursverlauf am Börsenplatz Citigroup für den Zeitraum Intraday
Kurs
27.931,26
Differenz relativ
-0,35%

Die Ablehnung des Austrittsabkommens mit der EU durch das britische Parlament ließ auch die Börsen zur Wochenmitte erst einmal kalt. "Die Märkte bleiben ruhig. Es hat den Anschein, als seien Händler und Investoren gut vorbereitet gewesen", sagte Chefstratege Michael McCarthy vom Broker CMC Markets. Der Dow behauptete sich im Plus und schloss 0,7 Prozent fester. Lediglich die Futures der britischen Börse reagierten etwas negativ. Sie bauten die Kursgewinne ab. Der FTSE 100 hatte vor dem Votum 0,7 Prozent im Plus geschlossen. Auch wenn das Ergebnis politische Turbulenzen und einen ungeregelten Brexit nach sich ziehen könnte, erwarteten einige Börsianer, dass die Abgeordneten angesichts des eindeutigen Ausgangs der Abstimmung gezwungen sein könnten, Alternativen zu suchen.

Wird der Ausstieg verschoben?

Holger Schmieding, Chefvolkswirt Berenberg Bank
Audio

ARD-Börse: "Ich war ehrlich gesagt erleichtert"

Experten waren sich über die Folgen eines harten Brexit uneinig. "Wir haben in der jüngeren Vergangenheit gelernt, dass in London Dinge häufig eine unverhoffte Eigendynamik bekommen oder, um es auf den Punkt zu bringen: Wege aus dem Chaos lassen sich nur schwer prognostizieren", sagte Thomas Gitzel, Chef-Volkswirt der VP Bank.

Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing glaubt, dass der eigentlich für Ende März geplante Ausstieg Großbritanniens aus der EU wegen der bei einem harten, also ungeordneten Brexit absehbaren schweren wirtschaftlichen Folgen nicht pünktlich über die Bühne gehen wird. "Ich rechne deshalb damit, dass man den Ausstieg um mindestens drei Monate verschieben wird, falls das Abkommen heute Abend im Unterhaus abgelehnt wird", sagte er beim Neujahrsempfang der Bank.

BaFin bereitet sich auf harten Brexit vor

Die Finanzaufsicht BaFin arbeitet an Notfallplänen für ein Ausscheiden Großbritanniens aus der EU ohne Abkommen. Auf nationaler Ebene werde eine Lösung entwickelt, "die es der BaFin im Falle eines harten Brexits erlauben würde, zeitlich bis Ende 2020 begrenzt Zulassungen zu erteilen, um die Finanzmärkte funktionsfähig zu halten", sagte BaFin-Präsident Felix Hufeld, am Dienstagabend.

Unklar ist, wie die Regierung nun vorgehen will. Theoretisch muss sie nach dem Willen des Parlaments bis zum kommenden Montag (21. Januar) einen Plan B vorlegen. Ob das geschehen wird, ist aber unklar. Sollte sich das Parlament nicht auf das weitere Vorgehen einigen, droht ein Austritt ohne Abkommen mit dramatischen Folgen für fast alle Lebensbereiche.

Das Brexit-Abkommen war am 25. November von den Staats- und Regierungschefs der übrigen 27 EU-Staaten gebilligt worden. Zuvor hatten die Unterhändler 17 Monate lang an dem Deal gearbeitet. Die EU hat deutlich gemacht, dass es keine Nachverhandlungen geben wird.

nb

1/10

Was Wirtschaftsexperten zur Brexit-Abstimmung sagen "Zweites Referendum wahrscheinlicher!"

 Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer

Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer:
"Theresa May hat im britischen Parlament eine historische Niederlage erlitten. Die für heute angesetzte Misstrauensabstimmung dürfte sie zwar überleben. Aber ihr wird es wohl nicht gelingen, der EU in Nachverhandlungen substanzielle Zugeständnisse in der Irland-Frage abzuringen. Um Zeit zu gewinnen, dürften sich Großbritannien und die EU lediglich darauf einigen, den Austrittstermin gemäß Artikel 50 des EU-Vertrags um drei Monate auf Ende Juni zu verschieben. Vermutlich reift in dieser Phase in Großbritannien die Einsicht, die Briten ein zweites Mal über den Brexit abstimmen zu lassen. Das halte ich für wahrscheinlicher als einen ungeordneten Brexit, der zu großen wirtschaftlichen Problemen führen würde."