Wirecard-CEO Markus Braun

Kooperation zugesagt Ex-Wirecard-Chef Braun wieder aus Haft entlassen

Stand: 23.06.2020, 20:10 Uhr

Im Bilanzskandal beim Dax-Konzern Wirecard wurde Ex-Chef Markus Braun am Montagabend festgenommen. Heute Nachmittag kam er wieder auf freiem Fuß - gegen eine Millionenkaution.

Der im Bilanzskandal unter Verdacht stehende Ex-Vorstandschef Markus Braun hat eine Nacht im Gefängnis verbracht. Braun war am Montagabend in München festgenommen worden. Der österreichische Manager war freiwillig aus dem heimischen Wien angereist - mutmaßlich weil er erfahren hatte, dass ihn die Staatsanwaltschaft per Haftbefehl suchte.

Wieder auf freiem Fuß

Am Dienstagnachmittag konnte Braun das Gefängnis wieder verlassen. Gegen Zahlung von fünf Millionen Euro Kaution und wöchentliche Meldepflicht bei der Polizei hat das Amtsgericht München den Haftbefehl außer Vollzug gesetzt. Das teilte die Staatsanwaltschaft München am Dienstag mit.

Die Ermittler werfen Braun vor, die Bilanzsumme und die Umsätze seines Unternehmens durch vorgetäuschte Einnahmen aufgebläht zu haben. "Er hat im ersten Gespräch seine Mitarbeit zugesagt", sagte die Sprecherin der Ermittlungsbehörde, Anne Leiding. Offen ist bislang, ob sich Braun selbst zu den Vorwürfen inhaltlich geäußert hat.

Braun verkauft Großteil seiner Aktien

Wirecard: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum 6 Monate
Kurs
2,21
Differenz relativ
-7,25%

Der frühere Wirecard-Chef, der das Gesicht des Zahlungsabwicklers war, hat einen großen Teil seiner Wirecard-Aktien inzwischen abgestoßen. In einer Serie von Verkäufen hat Braun am Donnerstag und Freitag insgesamt 155 Millionen Euro erlöst. Das gab Wirecard in mehreren Ad-hoc-Mitteilungen am Dienstagabend bekannt. Als Grund wurden sogenannte Margin Calls genannt. Das heißt: Braun war im Grunde gezwungen die Aktien zu verkaufen. Der im Bilanzskandal als Mittäter unter Verdacht stehende Braun war bislang mit einem Anteil von sieben Prozent auch größter Wirecard-Aktionär.

Der Dax-Konzern hat insgesamt knapp 123,6 Millionen Aktien im Umlauf, überschlägig hat Braun nun über fünf Millionen seiner rund 8,7 Millionen Wirecard-Papiere verkauft. Die Wirecard-Papiere haben seit Mittwochabend über zehn Milliarden Euro an Wert verloren, Braun selbst dürften die Kursverluste um über eine halbe Milliarde Euro ärmer gemacht haben.

Was wird aus Jan Marsalek?

Möglicherweise ist Brauns Festnahme nicht die letzte in dem Skandal um mutmaßliche Luftbuchungen in Höhe von 1,9 Milliarden Euro, die den Dax-Konzern an den Rand des Abgrunds geführt haben. Der am Montag von Wirecard gefeuerte Jan Marsalek war bis vergangene Woche für das Tagesgeschäft verantwortlich. Nach Leidings Worten ist möglich, dass Marsalek nun ebenfalls per Haftbefehl gesucht wird: "Das kann ich weder bestätigen noch dementieren", sagte die Oberstaatsanwältin.

Jan Marsalek

Jan Marsalek. | Bildquelle: Wirecard

In dem Bilanzskandal geht es um mutmaßliche Luftbuchungen in Höhe von 1,9 Milliarden Euro, die das High-Tech-Unternehmen aus dem Münchner Vorort Aschheim an den Rand des Abgrunds getrieben haben. Wirecard hatte Anfang der Woche eingeräumt, dass die Milliardensumme, die angeblich auf Treuhandkonten in Südostasien verbucht war, sehr wahrscheinlich nicht existiere.

Flucht- oder Verdunkelungsgefahr?

Im Zentrum des Skandals stehen der ehemalige Wirecard-Finanzchef in Südostasien und ein ehemaliger Treuhänder, der das mutmaßlich zum Großteil gar nicht existierende Geschäft mit Drittfirmen betreute. Die Ermittler gehen nun jedoch davon aus, dass es Mitwisser beziehungsweise Mittäter in der deutschen Unternehmenszentrale gab.

Untersuchungshaft kann verhängt werden, wenn die Justiz von Flucht- oder Verdunkelungsgefahr ausgeht. Die Münchner Staatsanwaltschaft ermittelt bereits seit Wochen gegen Braun und seine Vorstandskollegen, allerdings ursprünglich lediglich wegen des Verdachts, Anleger in zwei Ad-hoc-Mitteilungen falsch informiert zu haben. Braun war nach Bekanntwerden des Skandals zurückgetreten. Seine ehemalige rechte Hand Jan Marsalek wurde vom Aufsichtsrat gefeuert. Marsalek hatte das Tagesgeschäft geleitet.

Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) nannte den Skandal bei Wirecard "in höchstem Maße besorgniserregend". Die externen Kontrollen seien offenbar nicht effektiv genug gewesen. "Kritische Fragen stellen sich auch der Aufsicht über das Unternehmen, insbesondere mit Blick auf die Rechnungslegung und die Bilanzkontrolle." Er stellte schärfere Regeln in Aussicht. "Wir müssen schnell klären, wie wir unsere regulatorischen Vorschriften ändern müssen, um auch komplexe Unternehmensgeflechte flächendeckend, zeitnah und schnell überwachen zu können."

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