Wirecard-Firmensitz in Aschheim

Der unglaubliche Hype um den bayerischen Zahlungsabwickler Börsenliebling Wirecard

Stand: 21.06.2018, 12:05 Uhr

Mit den meisten deutschen Bank-Aktien ließ sich zuletzt kaum Geld verdienen. Es gibt aber eine Ausnahme: den Zahlungsdienstleister Wirecard. Die Fintech-Aktie aus dem TecDax eilt vom einen Rekordhoch zum nächsten. Was macht Wirecard anders?

TecDax: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
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Deutsche Hightech-Werte sind derzeit die Lieblinge an der Börse. Der TecDax hat auf Ein-Jahres-Sicht gut 25 Prozent zugelegt und dem Dax eindeutig die Show gestohlen. Absoluter Top-Star ist Wirecard. Die Aktie ist in den letzten zwölf Monaten um 125 Prozent nach oben geschossen. Seit Jahresbeginn liegt das Plus bei 40 Prozent.

Wirecard: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
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Langfristig ist die Erfolgs-Story noch beeindruckender. Wer die Fintech-Aktie vor fünf Jahren gekauft hat, der hat seinen Einsatz verdreifacht. Mit einer Marktkapitalisierung von aktuell 18,3 Milliarden Euro ist Wirecard gut 40 Prozent mehr wert als die Commerzbank – und das mit zehn Mal weniger Mitarbeitern als bei der Commerzbank.

Profiteur des bargeldlosen Bezahlens

Der Zahlungsdienstleister profitiert vom Trend zum bargeldlosen Bezahlen. Er gewährleistet, dass Händler an der Ladenkasse oder im Online-Shop Zahlungen über Girokarte, Kreditkarte oder PayPal abgerechnet und abgewickelt werden. Zudem ist Wirecard auch zuständig für das Risikomanagement von Online-Händlern und schützt sie vor zahlungsunfähigen Kunden.

Laut Vorstandschef Markus Braun nutzen 200.000 Händler weltweit die Plattform von Wirecard. Außerdem kooperiert der Zahlungsdienstleister mit Apple, Aldi und Lidl sowie chinesischen Tech-Giganten Alibaba, Tencent und Wechat. Wenn Chinesen mit Hilfe von Apps über ihr Smartphone im Einzelhandel bezahlen, bündelt Wirecard die Transaktionen und wickelt die Zahlungen ab.

Kreditkarte auch für Verbraucher

B5-Moderatorin Yvonne Unger
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B5 Börse 12.44 Uhr: Favoriten im TecDax: Isra Vision, Wirecard, Siltronic

Das Unternehmen aus dem Münchner Vorort Aschheim, das 1999 unter dem Namen Infogenie gegründet wurde, hat seit 2006 sogar eine eigene Banklizenz. Seither gibt Wirecard eigene Kreditkarten für Endverbraucher heraus.

Noch werden 80 bis 85 Prozent des weltweiten Zahlungsverkehrs mit Bargeld abgewickelt. Das wird sich nach Einschätzung von Vorstandschef Braun rapide ändern. In den kommenden fünf bis zehn Jahren werde die gesamte Bezahlinfrastruktur im Einzelhandel durch die digitale Technologie abgelöst, sagte Braun. Wirecard wolle in der "ganz großen Liga" mitspielen: "Ziel des Vorstands ist es, kraftvoll organisch die Welt zu erobern."

Rasantes Wachstum

2017 wickelte Wirecard nach eigenen Angaben gut 120 Milliarden Transaktionen ab und kassierte dafür Gebühren. Das Ebitda kletterte um 34 Prozent auf 413 Millionen Euro, der Umsatz stieg um 45 Prozent auf 1,5 Milliarden Euro. In den kommenden beiden Jahren soll sich der Umsatz nahezu verdoppeln, der Gewinn soll noch stärker zulegen. "Alles, was wir bis jetzt erreicht haben, ist nur ein müder Abklatsch dessen, was wir in den nächsten zehn Jahren erreichen können", sagt Braun.

Viele Analysten sehen trotz der starken Kursanstiegs noch Potenzial für die Aktie. Kepler Cheuvreux hat gerade erst das Kursziel um 50 Euro auf 185 Euro erhöht und empfiehlt die Aktie zum Kauf. Hauck & Aufhäuser hält einen Kursanstieg auf bis 180 Euro für möglich. Nur die DZ Bank ist vorsichtig. Analyst Harald Heider hält die ehrgeizigen Wachstumsperspektiven inzwischen im Kurs zum großen Teil eingepreist. Mit einem KGV von 48 ist die Aktie auch schon sehr teuer. Um den hohen Kurs zu rechtfertigen, muss die TecDax-Firma in Zukunft ihren Gewinn noch deutlicher steigern.

Zweifel am Geschäftsmodell

Überschattet wird die atemberaubende Wachstumsstory von Wirecard durch immer wieder verbreitete Gerüchte über Unregelmäßigkeiten in der Bilanz und Verwicklungen in Geldwäsche. Die bis dahin unbekannte Research-Firma Zatarra bezichtigte im Februar 2016 Wirecard in einer 100-seitigen Studie der Geldwäsche, des illegalen Glücksspiels und der Bestechung und gab für die Aktie ein Kursziel von null Euro aus. Zwar wies Wirecard alle Vorwürfe zurück, doch viele Anteilseigner reagierten verunsichert. Der Aktienkurs brach kurzzeitig ein, erholte sich dann aber wieder recht schnell.

In den vergangenen Jahren ist Wirecard mehrfach ins Visier von Leerverkäufern geraten, die auf fallende Aktienkurse wetten. Die Staatsanwaltschaft München ermittelt seit einiger Zeit gegen mutmaßliche Spekulanten wegen des Verdachts der Marktmanipulation.

nb

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Wirecard größer als Commerzbank Börsenwert

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