Handelskrieg USA China
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Kurserholung vorerst nicht in Sicht Börsen im Würgegriff des Handelsstreits

Stand: 02.06.2019, 12:20 Uhr

"Sell in May and go away!"- Wer diese Weisheit beherzigt hat, kann froh sein. Der Mai war der bisher schlechteste Börsenmonat des Jahres und endete mit deutlichen Verlusten. Ob der Start in den Juni besser wird, ist fraglich. Handelskonflikte und Italien bleiben die großen Unruheherde.

Seit Monaten taucht der Zollstreit zwischen USA und China die Anleger in ein Wechselbad der Gefühle. Mal gibt es Hoffnungen auf eine Lösung des Streits, genährt von einem Tweet des US-Präsidenten Donald Trump, dann stellt Trump wieder alles in Frage. So war es auch in der abgelaufenen Woche.  Bei seinem Staatsbesuch in Japan machte Trump wenig Hoffnung auf eine baldige Einigung im Zollkonflikt mit China.

"Ökonomischer Chauvinismus!"

Das US-Handelsministerium kündigte neue Strafzölle auf chinesische Waren an, diesmal auf Matratzen und Bierfässe. Mit harschen Worten und neuen Drohungen reagierte China. "Diese Art, Handelskonflikte bewusst zu schüren, ist nackter Wirtschaftsterrorismus, ökonomischer Chauvinismus, ökonomische Schikane", sagte Chinas stellvertretender Außenminister Zhang Hanhui. Der Handelsstreit werde der Weltwirtschaft sehr schaden, jeder sei ein Verlierer. China lasse sich nicht durch Druck zu Zugeständnissen und einem Handelsabkommen zwingen. "Wenn die USA reden wollen, werden wir die Tür offen halten. Wenn sie einen Kampf wollen, werden wir bis zum Ende kämpfen", sagte Verteidigungsminister Wei Fenghe auf einer Konferenz in Singapur.

Am Freitag überraschte Trump mit der Androhung von Strafzöllen auf mexikanische Waren. Dabei hatte er vor wenigen Monaten gerade erst ein neues Handelsabkommen mit Mexiko beschlossen. Die Anleger zeigten sich entsetzt. "Es besteht das Risiko, dass diese Zölle zusammen mit denen, die gegen China verhängt wurden, die ohnehin schwache Konjunktur in eine ausgewachsene Rezession verwandeln", warnte Anlagestratege Cliff Hodge von Cornerstone Wealth. Eigentlich hatten US-Unternehmen geplant, wegen des seit Monaten anhaltenden Handelsstreits mit China ihre Fertigung ins Nachbarland Mexiko zu verlegen. Diese Strategie sei nun in Gefahr.

händler an der New York Stock Exchange Audio

Negativserie an der Wall Street

Katastrophale Mai-Bilanz

Dow Jones Ind.: Kursverlauf am Börsenplatz Citigroup für den Zeitraum Intraday
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26.446,48
Differenz relativ
+1,30%

Der Mexiko-Drohungen sorgten für einen düsteren Ausklang des Horror-Monats Mai. Der Dow büßte im Mai 6,7 Prozent ein, die Nasdaq sogar fast acht Prozent. Zudem verzeichnete der Dow Kursverluste die sechste Woche in Folge. Das ist die längste Negativ-Serie seit acht Jahren.

Im Sog der schwachen Wall Street purzelte auch der Dax nach unten. Im Wonnemonat Mai erlitt er ein Minus von fast fünf Prozent und fiel auf den tiefsten Stand seit Anfang April. Es war der erste negative Börsenmonat in diesem Jahr. Selbst der charttechnische Unterstützungsbereich von 11.823 bis 11.850 Punkten hielt nicht stand.

Chart fallend Audio

Dax rutscht auf Zweimonats-Tief

Hält sich der Dax über der 200-Tage-Linie?

Dax

Dax: Kursverlauf am Börsenplatz Xetra für den Zeitraum Intraday
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12.334,08
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+2,05%

Nun steht der Dax am Scheideweg. Fällt er unter die 200-Tage-Linie, die derzeit bei 11.620 Punkten liegt, droht eine echte Korrektur. Behauptet er sich über der Durchschnittslinie, die als Indikator für den längerfristigen Trend gilt, könnte er sich bald wieder in Richtung 12.000 Punkte aufrappeln.

Manche Anlagestrategen und Fondsmanager sind skeptisch. Für nachhaltige Kursgewinne gebe es derzeit einfach zu viele schlechte Nachrichten, meint Fondsmanager Thomas Altmann von QC Partners. Neben dem oben genannten chinesisch-amerikanischen Handelsstreit verweist er als Belastung auf die politische Situation in Italien. Zwischen Rom und Brüssel könnte es in der nächsten Woche krachen. Italien hatte vergangene Woche einen Mahnbrief von der EU-Kommission wegen der ausufernden Verschuldung bekommen.

Eskaliert der Haushaltsstreit zwischen Rom und Brüssel

In einer Antwort verteidigte Finanzminister Giovanni Tria den Wirtschaftskurs der Allianz aus rechter Lega und populistischer Fünf-Sterne-Bewegung. Vizepremierminister Matteo Salvini, Chef der rechten Lega, kündigte am Samstag an: "Nächste Woche werde ich in Brüssel sagen: Lasst uns arbeiten, wie es die Italiener von uns wollen - weniger Steuern, mehr Arbeit. Und wenn sie uns Nein sagen, werden wir sehen, wer dickköpfiger ist." Wegen Italiens ausufernder Verschuldung könnte die EU-Kommission ein Strafverfahren gegen Italien in Betracht ziehen.

Zuletzt sind die Renditen zehnjähriger italienischen Staatsanleihen wieder angezogen. Sie näherten sich denen von Griechenland an, die auf unter drei Prozent fielen. Die höhere Rendite für italienische Anleihen treibt die Finanzierungskosten an den Märkten in die Höhe. Das könnte italienische Banken und auch die Wirtschaft in neue Turbulenzen bringen. Die Furcht vor einer neuen Schuldenkrise in Europa, treibt Anleger in sichere Häfen wie Bundesanleihen oder Gold.

Marktbericht neutral Audio

B5 Börse 12.14 Uhr: Italien und Brexit bremsen die Kurse

Draghi meldet sich

Vor diesem Hintergrund werden Anleger die Pressekonferenz Draghis nach der EZB-Ratssitzung am Donnerstag besonders aufmerksam verfolgen. Eine Leitzinsänderung gilt unter Börsianer als ausgeschlossen. Sie rechneten stattdessen mit Details zu den geplanten neuen Billig-Krediten für Geschäftsbanken (TLTRO).

Auch die Folgen der Europawahl dürften die Anleger in Atem halten. Der Rücktritt von SPD-Fraktionschefin Andrea Nahles könnte für Bewegung in der Großen Koalition sorgen. Investoren warten gespannt auf die Entscheidung um die Nachfolge von EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker. Sollte der Chef der Christdemokraten im Europäischen Parlament, Manfred Weber, leer ausgehen, steigen Experten zufolge die Chancen, dass Bundesbank-Chef Jens Weidmann Mario Draghi als Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB) beerbt.

Bulle und Bär als Figuren vor einer Kurstafel an der Frankfurter Börse
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Finanzmärkte entspannt - Abkehr von Europa abgewendet

Daneben treibt der für Freitag geplante Rücktritt der britischen Premierministerin Theresa May Börsianer um. Sie sehen Ex-Außenminister und Brexit-Hardliner Boris Johnson als aussichtsreichsten Nachfolger. "Zum jetzigen Zeitpunkt scheinen die Extremoptionen eines 'No Deal'-Brexit oder 'No Brexit' wahrscheinlicher zu sein als ein ausgehandelter, geregelter Brexit", sagt Anlagestrategin Seema Shah vom Vermögensverwalter Principal Global.

Gespannte Blicke auf Fed

Neue Impulse könnte Mitte der Woche die Fed liefern. Immer mehr Anleger spekulieren auf eine Zinssenkung der US-Notenbank vor dem Jahresende spekulieren. Hinweise auf den Fed-Kurs erhoffen sie sich unter anderem vom sogenannten Beige Book, das am Mittwochabend veröffentlicht wird. Wie gut die Konjunktur in den USA läuft, werden die Arbeitsmarktdaten am Freitag zeigen. Einen Vorgeschmack liefern zwei Tage zuvor die Zahlen der privaten Arbeitsagentur ADP.

Stühlerücken im MDax und SDax

Von den Unternehmen sind in der ersten Juni-Woche kaum Zahlen zu erwarten. Spannend wird es am Mittwoch, wenn die Deutsche Börse die Zusammensetzung der Aktienindizes überprüft und nach Handelsschluss mögliche Änderungen bekanntgeben könnte. Im Dax dürfte alles beim Alten bleiben. Im Mittelwerte-Index MDax müssen Wacker Chemie und Alstria Office um ihren Platz bangen. Sollten beide in den Nebenwerte-Index SDax absteigen, würden wohl der Leasing-Spezialist Grenke und womöglich der Ticket-Vermarkter CTS Eventim ihren Platz mit den beiden tauschen. Auch der IT-Dienstleister Cancom gilt als Aufstiegskandidat in den MDax.

Der Platz des Bahntechnikkonzerns Vossloh im SDax dürfte indes im Juni Geschichte sein. Dafür könnte dann mit dem Immobilienentwickler Instone Real Estate eine weitere Immobiliengesellschaft in den SDax gelangen

nb