London Stock Exchange
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Für 35 Milliarden Euro Börse Hongkong will LSE übernehmen

Stand: 11.09.2019, 12:13 Uhr

Die Börse Hongkong will einen neuen weltweiten Marktführer unter den Börsenbetreibern aufbauen. Überraschend hat sie für diese Pläne der Londoner Stock Exchange (LSE) ein Übernahmeangebot gemacht.

Die Börse in Hongkong greift nach der Londoner Börse LSE, teilte der Betreiber Hong Kong Exchanges and Clearing Limited (HKEX) heute in Hongkong mit. HKEX habe der LSE ein Übernahmeangebot im Gesamtvolumen von 31,6 Milliarden Pfund (umgerechnet rund 35 Milliarden Euro) vorgelegt. Die Offerte besteht aus einem Bar- und einem Aktienanteil.

Der Aktienkurs der Londoner Börse zog nach der Offerte zeitweise um mehr als 15 Prozent an. Eine Fusion würde nicht nur einen weltweit führenden Finanzmarktkonzern entstehen lassen, sondern auch beide Geschäfte stärken, erklärten die Hongkonger. Eine Übernahme würde die Londoner Börse für asiatische Märkte öffnen und die Rolle der britischen Hauptstadt als Finanzzentrum unterstreichen.

Das britische Pfund hat angesichts des bevorstehenden Brexits an Wert verloren, wodurch Firmenübernahmen für Ausländer billiger geworden sind. HKEX teilte ebenfalls mit, schon Gespräche mit den Aufsehern im Heimatmarkt und in Großbritannien zu führen. Die Ankündigung vom Mittwoch sei jedoch noch keine finale, verbindliche Kaufofferte. Ein mögliches bindendes Angebot müsste die Hongkonger Börse bis zum 9. Oktober vorlegen.

Die LSE reagierte verhalten. Das Angebot sei unabgestimmt gekommen und stehe unter vielen Vorbehalten, erklärten die Londoner. Es werde nun in aller Ruhe geprüft.

Refinitiv-Übernahme weiter im Fokus

Die Transaktion steht ohnehin unter der Bedingung seitens HKEX, dass die kürzlich angekündigte Übernahme von Refinitiv durch die LSE nicht zustande kommt. 27 Milliarden Dollar bietet die LSE für den Datendienstleister und will damit unabhängiger vom schwankungsanfälligen Handelsgeschäft werden. Diese Transaktion werde weiter verfolgt, man komme voran, betonte die LSE.

Der Deal zwischen den bisherigen Refinitiv-Eignern Blackstone und Thomson Reuters sowie der LSE wird derzeit von den Kartellbehörden und Finanzaufsehern in den USA, der Europäischen Union und anderen Ländern geprüft. Refinitiv ist die ehemalige Finanzmarktsparte von Thomson Reuters, dem Mutterkonzern der Nachrichtenagentur Reuters. Sie wurde erst 2018 mehrheitlich von Blackstone übernommen. Das Unternehmen bietet unter anderem Börsenkurse und Konjunkturdaten sowie Informationen zu Fusionen und Übernahmen.

Auch Deutsche Börse war interessiert

2017 waren Verhandlungen über einen Zusammenschluss von LSE und Deutscher Börse gescheitert. Die EU-Kommission hatte die rund 25 Milliarden Euro schwere Fusion verboten, da sie den Wettbewerb erheblich eingeschränkt hätte.

Mit der Refinitiv-Übernahme spuckt die LSE der Deutschen Börse bei ihren Expansionsplänen in die Suppe. Auch der deutsche Konzern war an Teilen des Refinitiv-Devisenhandels interessiert, um ihre eigene Plattform 360T zu stärken. Offenbar überwiegt aber inzwischen die Freude über das gesparte Geld. Vergangene Woche erreichte die Aktie der Deutschen Börse ein neues Rekordhoch.

LSE: Von Brexit keine Spur

Hörfunk-Moderatorin Ulla Herrmann
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ARD-Börse: Überraschender Flirt zwischen Hongkonger und Londoner Börse

Und auch bei der Londoner Stock Exchange läuft es prächtig. Der Börsenbetreiber hat trotz der Unsicherheiten um den Brexit im vergangenen Jahr einen Gewinnsprung hingelegt. Das bereinigte operative Ergebnis kletterte nach eigenen Angaben um 15 Prozent auf 931 Millionen Pfund (umgerechnet rund 1,1 Milliarden Euro). Der Umsatz legte um neun Prozent auf 2,1 Milliarden Pfund zu.

Die LSE lenkt auch die Mailänder Börse, die italienische Anleihen-Plattform MTS und die Handelsplattform Turquoise. Außerdem steht sie mit ihrer Tochter LCH an der Spitze des milliardenschweren Geschäfts mit der Abwicklung von Euro-Derivaten.

tb/rtr