Boeing 737 MAX 8
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Eine Milliarde Dollar Folgekosten Boeing kappt wegen 737-Debakel das Jahresziel

Stand: 24.04.2019, 17:00 Uhr

Die Flugverbote für den 737 MAX 8 und drohende Schadensersatzforderungen könnten Boeing teuer zu stehen kommen. Der US-Flugzeugbauer strich wegen der Probleme mit den MAX-Modellen das Jahresziel.

Gespannt hatten Aktionäre, Analysten und Luftfahrt-Experten auf den Quartalsbericht von Boeing gewartet. Sie wollten vor allem eines wissen: Wie hoch wird die Rechnung für das 737-MAX-Debakel ausfallen?

Boeing vertröstet auf später

Doch die Antwort des Boeing-Vorstands dürfte sie kaum zufriedenstellen. Der weltgrößte Flugzeugbauer ließ bei der Veröffentlichung des Quartalsberichts am Mittag offen, wie stark die Probleme mit dem Mittelstreckenjet 737 MAX die Bilanz belasten werden. Die anfänglichen Folgekosten der Abstürze bezifferte der Konzern auf rund eine Milliarde Dollar (900 Millionen Euro). Boeing verabschiedete sich deshalb von seinen Jahreszielen. Es werde erst eine neue Prognose geben, sobald mehr Klarheit in Sachen der nach zwei tödlichen Abstürzen vorläufig weltweit aus dem Verkehr gezogenen 737-MAX-Flugzeuge herrsche, kündigte der Konzern an.

Ursprünglich hatte der Airbus-Rivale angepeilt, in diesem Jahr 895 bis 905 Passagier- und Frachtflugzeuge auszuliefern. Der Umsatz sollte 109,5 bis 111,5 Milliarden Dollar erreichen. Für den Gewinn je Aktie hatte das Management 21,90 bis 22,10 Dollar im Auge.

Produktion der Unglücksflieger-Baureihe gedrosselt

Nach dem Absturz von zwei Maschinen des Typs 737 MAX 8 in Indonesien und Äthiopien mit knapp 350 Toten waren weltweit Flugverbote für die gesamte Baureihe ausgesprochen worden. Daraufhin musste Boeing die Produktion der Mittelstreckenjets drosseln. Nun gibt es sogar erste Stornierungen: So hat die indonesische Airline Garuda den Kauf von 49 Boeing 737 Max 8 widerrufen. Mehrere Fluggesellschaften setzten Bestellungen bis zur Klärung der Flugsicherheit der 737-Max-Serie aus. Wegen der noch nicht abschließend geklärten Unfallursachen und Probleme mit einer Steuerungssoftware ist unklar, ob und wann die Unglücksflieger von den Aufsichtsbehörden wieder zugelassen werden.

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Für Boeings Geschäft ist die 737-MAX-Baureihe von enormer Bedeutung. Laut Analysten der Berenberg Bank steuert die Serie knapp ein Drittel zum Umsatz und einen Großteil des Gewinns bei. Boeing hat zwar zuletzt keine neuen Aufträge für die Maschinen erhalten, sitzt aber nach wie vor auf Tausenden Bestellungen. Noch halten sich die Airlines mit Stornierungen zurück. Denn auf dem Markt für kleinere Passagierflugzeuge gibt es außer dem Konkurrenzmodell A320neo von Airbus, dessen Produktion auf Jahre ausgebucht ist, kaum Alternativen.

Doch selbst wenn eine Stornierungswelle von Fluggesellschaften ausbliebe, wird die Lage für Boeing immer kritischer. Je länger sich die Flugverbote hinziehen, desto stärker gerät der Hersteller gegenüber Kunden in Verzug, was zu Regressforderungen führen kann. Zudem ist es bereits ein logistischer Kraftakt, die vielen Maschinen zu lagern.

Milliardenschwere Schadensersatzforderungen?

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Darüber hinaus könnten massive Schadensersatzforderungen der Angehörigen der Absturzopfer und der Airlines auf Boeing zukommen. Experten sprechen von mehreren Milliarden Dollar. Sollte sich der Verdacht bestätigen, dass eine hausgemachte fehlerhafte Software der entscheidende Faktor bei den Unglücken war, so würde Boeing eine viel weitreichendere Haftung mit deutlich höherem Schadenersatz drohen. Zudem muss Boeing die staatlichen Strafverfolger fürchten. Der Konzern wird verdächtigt, bei der 737-MAX-Zulassung Informationen unterschlagen zu haben, was die Angelegenheit zum Kriminalfall machen könnte.

Schon jetzt haben die Flugverbote für den 737 MAX 8 den Markenwert des US-Flugzeugbauers um zwölf Milliarden Dollar geschmälert, hat die britische Beratungsfirma Brand Finance ausgerechnet. An der Börse hat Boeing seit dem 737-MAX-Debakel gut ein Fünftel an Marktkapitalisierung eingebüßt.

Kaum Schrammen im ersten Quartal

Im ersten Quartal hinterließen die Probleme mit der Unglücksflieger-Baureihe erste Spuren in der Bilanz. Der Gewinn sackte im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 13 Prozent auf 2,1 Milliarden Dollar ab. Auch der Umsatz fiel um zwei Prozent auf 22,9 Milliarden Dollar. Analysten hatten aber eine Milliarde Dollar weniger erwartet. Der Rückgang bei den ausgelieferten 737 MAX wurde teilweise aufgefangen durch ein besseres Geschäft im Militär- und Servicebereich.

Die Boeing-Aktie reagierte positiv auf die Nachrichten. Sie legte im frühen New Yorker Handel um rund zwei Prozent zu.

nb