Gelandete Boeing 777X nach dem Erstflug am 25.01.2020 in Everett, Washington

Nach dem 737-MAX-Desaster Boeing 777X: Zum Erfolg verdammt

von Thomas Spinnler

Stand: 29.01.2020, 06:45 Uhr

Boeing hat die Probleme und Folgekosten aus dem 737-MAX-Desaster längst noch nicht verdaut. Deshalb liegen die Hoffnungen des angeschlagenen Flugzeugbauers auf dem neuen Langstreckenjet 777X. Kann Boeing damit Airbus die Stirn bieten?

Viele Jahre lang haben die Boeing-Ingenieure auf diesen Tag hingearbeitet. Im November 2013 wurde das Projekt Boeing 777X gestartet, am vergangenen Wochenende kam endlich die Premiere: Der Erstflug des neuen Hoffnungsträgers - allerdings unter ganz anderen Vorzeichen als gedacht. Der Druck ist für die Konstrukteure ohnehin enorm, aber als das Projekt begann, hätte man sich nicht vorstellen können, in welcher tiefen Krise sich der Boeing-Konzern heute befindet.

Seit dem Absturz zweier Boeing 737 MAX ist die Glaubwürdigkeit des Konzerns mehr als nur angeschlagen. In kaum einer anderen Branche ist Sicherheit so wichtig wie in der Verkehrsfliegerei. Endlich wieder positive Schlagzeilen, wird sich das Management unter dem neuen Konzernchef David Calhoun gedacht haben, der im Oktober 2019 den Job übernommen hat. Aber die Unsicherheit ist damit keineswegs gebannt, denn auch die Entwicklung des neuen Flugzeugs verläuft nicht sorgenfrei.

Von Clowns entworfen?

Verlorenes Vertrauen zurückgewinnen, lautet deshalb das wichtigste Thema beim US-Flugzeugbauer. Das betrifft natürlich die Kunden, also die Fluglinien, die mit den Fliegern ihre Flotte bestücken sollen. Es betrifft die Passagiere, die sich eventuell mit einem unguten Gefühl in die Kabine setzen. Und es betrifft die eigene Belegschaft, die sich angesichts einiger Schlagzeilen der vergangenen Monate gefragt haben mag, was in ihrem Unternehmen vorgeht. Ein Boeing-Pilot kam gar zu dem Schluss, die 737 MAX sei von Clowns entworfen worden, die von Affen beaufsichtigt würden.

Nach dem Jungfernflug unterstrich Stan Deal, Chef der Verkehrsflugzeugsparte, dass man der Welt zeigen wolle, dass der Konzern Boeing wisse, was er tue - und dass man wisse, wie man sichere Flugzeuge baue. Bis vor einigen Monaten hätte dieser Satz wie eine simple Selbstverständlichkeit geklungen.

"Es war wichtig für Boeing, dass der Erstflug gut über die Bühne geht, zumal dieses Programm auch mit einigen Rückschlägen zu kämpfen hatte", meint Wolfgang Donie, Luftfahrtexperte bei der Nord/LB. Im September 2019 war es bei einem Druckausgleich-Test zu einer herausgerissenen Tür sowie einem ernsten Strukturschaden am Rumpf gekommen. Auch die von General Electric gelieferten GE9X-Triebwerke haben schon für Probleme und Verzögerungen gesorgt. "Boeing kann im Moment jeden Erfolg gebrauchen", fasst Donie die Situation zusammen.   

Fertigung der Boeing 777X

Fertigung der Boeing 777X: Jeder Erfolg wird gebraucht. | Bildquelle: Boeing

Es darf bestellt werden…

Im vergangenen Jahr hatte Airbus den Konkurrenten Boeing als größten Flugzeugbauer abgelöst. Ob sich die Katastrophe um die Boeing 737 MAX auf die Bestellungen des neuen Jets ausgewirkt haben, ist schwer zu sagen. Die Auslieferung soll im Jahr 2021 beginnen. Geplant waren erste Auslieferungen zuvor bereits für das Jahr 2020. Für die Boeing-Kunden sei es laut Donie entscheidend, dass es nicht zu weiteren Verzögerungen komme. Boeing zufolge haben Fluggesellschaften wie British Airways, Cathay Pacific Airways, Emirates, Etihad Airways, Lufthansa, Qatar Airways und Singapore Airlines bislang 340 Jets bestellt.

Die größte Bestellung stammt von Emirates, aktuell ist von 126 Flugzeugen die Rede. Ursprünglich waren 150 geplant. Nicht gefallen habe dürfte dem Boeing-Management, dass Emirates erst im November 2019 bei Airbus eine Vorbestellung von 30 Großraumjets vom Typ A350 um 20 aufgestockt hat.

Die A350-Modellreihe kann zwar weniger Passagiere befördern als die Boeing 777X, sie ist Experten zufolge aber durchaus als Konkurrenzflieger einzuordnen. Die Lufthansa hat bislang 20 Boeing 777X bestellt, zuvor waren 34 Bestellungen in Aussicht gestellt.

Airbus A350-1000

Airbus A350-1000: Ein Konkurrent für Boeings 777X. | Quelle: Unternehmen

"Das Modell wird gebraucht"

Der Jet ist wirklich teuer, der Listenpreis beträgt ganze 442,2 Millionen Dollar, was in etwa dem Preis eines A380 entspricht. Natürlich erhalten Fluggesellschaften einen Abschlag. Gleichwohl müssen sie es sich angesichts der hohen Anschaffungskosten genau überlegen, ob sie die 777X wirklich brauchen und ökonomisch nutzen können.

Allerdings gilt das Flugzeug als besonders sparsam. Rund zehn Prozent weniger Kerosin soll es verbrauchen als Wettbewerber. Angesichts der Tonnen, die Flugzeuge geladen haben, ist das ein wichtiger Faktor.

Nord/LB-Luftfahrtexperte Donie meint, das Flugzeug habe gute Chancen, ein Erfolg zu werden. "Die 777X ist ein Modell, das gebraucht wird. Es wird ein Ersatz für die Boeing 747 werden und für das auslaufende A380-Programm von Airbus." Es gibt aber auch zurückhaltende Stimmen: Er habe das Gefühl, das Flugzeug sei zu groß für die meisten Märkte und die meisten Fluggesellschaften, sagt George Ferguson, Analyst bei Bloomberg Intelligence.

Boeing 777X

Boeing 777X: Das Modell wird gebraucht. | Bildquelle: Unternehmen

Zunächst einmal muss der Flieger von den Aufsichtsbehörden zertifiziert werden. Ein Misserfolg wäre ein Debakel. Leicht wird das nicht: "Die Katastrophe der 737 MAX hat Folgen für alle künftigen Zertifizierungen von Flugzeugmodellen", stellt Donie fest. Mit noch höheren Anforderungen und genaueren Kontrollen im Interesse der Passagiere werden aber alle Flugzeugbauer zu kämpfen haben.