Ryanair-Maschinen in Parkposition am Flughafen Dublin

Luftfahrt in der Krise Billigflieger als Gewinner der Corona-Krise?

von Lothar Gries

Stand: 17.09.2020, 06:45 Uhr

Der weitgehende Zusammenbruch des Flugverkehrs infolge der Corona-Pandemie hat die Luftfahrtbranche in eine Krise ungekannten Ausmaßes gestürzt. Dennoch stehen Billigflieger wie Ryanair besser da als klassische Airlines. Wie kommt das?

Nicht jede Ankündigung wird auch in die Tat umgesetzt. Dieser Allgemeinplatz gilt in Corona-Zeiten vor allem für die Luftfahrtbranche. So musste Ryanair das im Frühsommer stark ausgeweitete Flugangebot mittlerweile wieder herunterfahren, weil neue Reisewarnungen für Spanien und andere Urlaubsziele die ursprünglichen Planungen zunichte machten.

Dennoch erweisen sich Billigflieger, allen voran die irische Ryanair, erstaunlich krisenresistent. So zählte Ryanair im August sieben Millionen Fluggäste. Das waren zwar katastrophale 53 Prozent weniger als im Vorjahresmonat, aber schon eine deutliche Erholung gegenüber Juli, als 4,4 Millionen Passagiere befördert wurden. Das waren sogar 70 Prozent weniger als im Vorjahr.

Neue Aktien ausgegeben

Ryanair nutzte die Erholung und besorgte sich frisches Geld von der Börse. Mit der Ausgabe neuer Aktien sammelte das Unternehmen Anfang September rund 400 Millionen Euro ein. Außerdem plant das Unternehmen mit der Ausgabe neuer Anleihen weiteres Kapital hereinzuholen. Die Rede ist von 500 Millionen Euro. Mit dem Geld will Ryanair sich auf einen womöglich harten Winter-Flugplan vorbereiten und sich gleichzeitig für mögliche Zukäufe rüsten.

Michael O'Leary

Michael O'Leary. | Bildquelle: Imago

Eigentlich ein erstaunlicher Schritt, tönt doch Konzernchef Michael O’Leary immer wieder, dass Ryanair über eine prall gefüllte Kasse von 3,9 Milliarden Euro verfüge und schuldenfreie 333 Boeing-Jets im Gesamtwert von etwa sieben Milliarden Euro sein eigen nenne. Analyst Daniel Roeska vom Analysehaus Bernstein glaubt, dass die Airline mit dem Geld nicht nur ihre Finanzreserven aufstocken wollte, sondern zugleich auch ein Signal ausgesendet hat, dass Aktionäre zuversichtlich genug sind, ihr frisches Geld zuzuschießen.

Eine Demonstration der Stärke also, auch in Richtung der traditionellen Airlines wie Lufthansa oder AirFrance-KLM, die staatlich gestützt werden mussten. Die Iren jedoch, so die Botschaft, können sich aus eigener Kraft finanzieren.

Ryanair ist mehr wert als Lufthansa

Allerdings muss die Airline im kommenden Jahr eine Anleihe über 850 Millionen Euro und Staatshilfe von 600 Millionen britischen Pfund (672 Mio Euro) zurückzahlen. Insgesamt würden Schulden in Höhe von rund 1,9 Milliarden Euro fällig. Zudem erwartet Ryanair, noch vor dem nächsten Sommer bis zu 40 Boeing-Jets vom Typ 737 Max. Deren Auslieferung verzögert sich zwar, storniert hat Ryanair den Auftrag aber auch nicht.

Doch auch ein Blick auf den Aktienkurs zeigt, wer in der Luftfahrtbranche Vertrauen genießt. So wird Ryanair derzeit mit 13,6 Milliarden Euro bewertet und damit deutlich höher als die vom deutschen Staat gerettete Lufthansa, die auf einen Börsenwert von nur gut fünf Milliarden Euro kommt, die Hälfte weniger als zu Jahresbeginn. Auch hat die Aktie von Ryanair seit Januar "nur" 20 Prozent an Wert verloren.

Spreu vom Weizen trennen

Nach Einschätzung von Michael O'Leary dürfte die schwierige Lage der Branche in der Pandemie die Spreu vom Weizen trennen. "Schwache, kleine Airlines werden diese Krise nicht überstehen können," urteilte er jüngst.

Ryanair-Manager hatten bereits vor der Krise immer wieder gesagt, dass es in Europa mittelfristig nur noch vier bis fünf große Airlines geben dürfte. "Covid-19 wird diesen Konsolidierungsprozess beschleunigen", glaubt auch Ryanair-Marketingchef Dara Brady. Neben Ryanair haben aus seiner Sicht Lufthansa, Air France-KLM und die British-Airways-Mutter IAG die besten Aussichten. Aus Bradys Sicht könnten die Billigflieger Easyjet und WizzAir sogar zu Übernahmekandidaten werden.

Auf Kostensenkung geeicht

Der Vorteil eines Billigfliegers wie Ryanair ist, dass er schneller auf sich verändernde Marktlagen wie steigende oder sinkende Nachfragen reagieren kann wie dies bei einem Traditionsunternehmen à la Lufthansa möglich sei, sagt Gerald Wissel vom Beratungsunternehmen Airborne Consulting in Hamburg. Dabei komme den Low-Cost-Gesellschaften besonders zugute, dass sie darauf geeicht seien, ihre Kosten, wo immer es geht, weiter und vor allem schnell zu drücken. So will Ryanair mindestens 3.000 Stellen streichen und zahlreiche Standorte schließen, etwa die Basis am Flughafen Hahn nahe Frankfurt.

Und noch einen Vorteil habe das Low-Cost-Segment, ist Wissel überzeugt. Billigflüge werde es auch nach Corona noch geben. Denn gerade der private Reiseverkehr dürfte sich als erstes wieder normalisieren. Allerdings hätten viele Reisende dann weniger Geld als vor der Pandemie. Davon könnten dann die Billiganbieter mit ihren niedrigen Preisen profitieren.

Preisschlacht angekündigt

Tatsächlich rechnet Ryanair beim Ringen um die Passagiere mit einer Preisschlacht. Die Ticketpreise dürften "unglaublich sinken", sagte Marketingchef Brady der Touristik-Fachzeitschrift "FVW" - und schaffte auch gleich Fakten. So bot die irische Airline jüngst eine Million Tickets für fünf Euro an.

Wie viele dieser Schnäppchen tatsächlich verkauft wurden, sagt Ryanair natürlich nicht. So fällt es schwer zu beurteilen, ob die Billigangebote zu Destinationen wie Palma, Wien oder Mailand auch tatsächlich Käufer finden.

Fest steht allerdings, dass die Airlines auch in den kommenden Monaten keine signifikante Besserung der Lage erwarten können. Ryanair rechnet im laufenden Geschäftsjahr (bis Ende März 2021) mit 50 Millionen Fluggästen. Das entspricht einem Drittel der im Vorjahreszeitraum transportierten Passagiere - und noch mal zehn Millionen weniger als im Juli prognostiziert. Im Mai war der Marktführer Ryanair sogar noch von 80 Millionen Passagieren ausgegangen.