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Hauptversammlung Siemens: Kaeser wirbt für Ministererlaubnis

Stand: 30.01.2019, 15:52 Uhr

Siemens ist zwiespältig in das neue Geschäftsjahr gestartet. Starken Auftragseingängen stand im ersten Geschäftsquartal ein Rückgang im operativen Ergebnis gegenüber. Was Siemens-Alstom betrifft, warb der Siemens-Chef auf dem Aktionärstreffen für eine neue Idee.

Das operative Ergebnis von Siemens ist im ersten Quartal des Geschäftsjahres 2018/19 um sechs Prozent abgebröckelt, auf 2,07 Milliarden Euro, wie der Dax-Konzern am Morgen vor der Hauptversammlung mitteilte. Das lag unter den Erwartungen der befragten Analysten.

Grund dafür waren vor allem unerwartet starke Gewinneinbrüche in der Kraftwerks-Sparte Power & Gas und im Energiemanagement. Der Nettogewinn brach um fast die Hälfte auf 1,12 Milliarden Euro ein, nachdem Siemens vor einem Jahr mit mehr als einer Milliarde vom Verkauf von Osram-Aktien und von der US-Steuerreform profitiert hatte.

Der Umsatz stieg auf vergleichbarer Basis um zwei Prozent auf 20,1 Milliarden Euro. Mut macht Siemens der Auftragseingang. Vor allem dank einer starken Entwicklung in der Zugsparte stiegen die Bestellungen um 12 Prozent auf fast 25,2 Milliarden Euro - deutlich mehr, als Analysten erwartet hatten. Aber auch das lange schwächelnde Kraftwerksgeschäft konnte wieder mehr Aufträge einwerben. Die Jahresprognose bekräftigte Siemens. Trotzdem büßt die Aktie leicht ein.

"Es gibt noch viel zu tun"

Vorstandschef Joe Kaeser erklärte, das zeige "das Vertrauen der Kunden in die Leistungsfähigkeit" des Konzerns. "Es gibt aber noch viel zu tun, um in allen Geschäften führende Margen zu erreichen." Im ersten Quartal lag die bereinigte Marge im Industriegeschäft mit 10,6 (Vorjahr: 11,4) Prozent unter dem Zielwert für das Geschäftsjahr 2018/19 (Ende September). Siemens peilt eine operative Marge von elf bis zwölf Prozent an.

Der Konzern steckt im Umbau und soll schlanker werden. Im Rahmen der Strategie "Vision 2020+" erhalten einzelne Geschäftsbereiche mehr Eigenständigkeit. Drei operative Gesellschaften bleiben im Unternehmen: Die angeschlagene Kraftwerkssparte, das Geschäft mit digitalen Industrie-Prozessen sowie mit Lösungen für eine künftige smarte Infrastruktur. Die Windenergie sowie die Medizintechnik hat Siemens hingegen schon an die Börse gebracht.

Siemens-Alstom soll nun folgen. "Die Vision 2020+ ist, was die organisatorische Umsetzung angeht, voll im Plan", sagte Kaeser auf der Hauptversammlung. Die Fusionspläne wurden von den Anteilseignern weitgehend positiv aufgenommen.

Kaeser kritisiert "rückwärtsgerichtete Technokraten"

Zur geplanten Fusion der Zug-Sparte mit dem französischen Rivalen Alstom fand Kaeser klare Worte. "Es ist für alle Beteiligten gut, wenn sie gelingt. Wir werden sie aber nicht um jeden Preis suchen", sagte der Top-Manager. Siemens und Alstom hatten Ende der vergangenen Woche noch einmal nachgebessert, um die EU-Kommission in letzter Minute umzustimmen.

"Nun ist es an den Wettbewerbsbehörden zu entscheiden", sagte Kaeser. "Und es wird interessant sein zu sehen, ob die Zukunft der Mobilität in Europa durch rückwärtsgerichtete Technokraten oder aber von zukunftsorientierten Europäern bestimmt wird."

Siemens-Chef Joe Kaeser

Siemens-Chef Joe Kaeser. | Bildquelle: Imago

Kaeser warb für die Möglichkeit einer Ministererlaubnis. "Das deutsche Wettbewerbsrecht hat eine sehr kluge Konstellation", sagte der Konzernchef auf der Hauptversammlung in München. "Es verlässt sich zunächst einmal auf die technische Kompetenz von Wettbewerbshütern." Doch es gebe eben auch die Möglichkeit "einer längerfristigen, ganzheitlichen, integrativen Betrachtung von Interessen und Werten: Ministererlasse. Vielleicht könnten wir das einmal auch von Deutschland in die EU exportieren." Die Entscheidung fällt bis zum 18. Februar.

Fragen der Aktionäre

Auf der Hauptversammlung musste die Siemens-Spitze zahlreiche Fragen zur Zukunft des Unternehmens beantworten. Dazu gehörte auch die kriselnde Kraftwerkssparte. Überkapazitäten bei Gasturbinen und der Wandel weg von der fossilen Energieerzeugung machen der Branche schwer zu schaffen.

"Aus Sicht des Kapitalmarkts ist in einem großen Industriekonglomerat wie Siemens leider immer irgendwo Krise", sagte Fondsmanager Christoph Niesel von Union Investment. Von einer solchen ist Siemens weit entfernt - selbst im Falle einer Ablehnung der Fusion mit Alstom durch die EU-Kommission. Mit Blick auf die chinesische Konkurrenz müsste sich indes langfristig nicht nur Siemens dann etwas einfallen lassen.

lg/rtr