Bayer-Chef Werner Baumann

Produktion von Resochin bald auch in Europa Bayer sieht Malaria-Mittel als Hoffnungsträger gegen Corona

Stand: 02.04.2020, 18:34 Uhr

Laut Medienberichten werden derzeit Millionen Dosen des Malariamittels Resochin mit dem Wirkstoff Cloroquin an Kliniken in den USA verteilt. Es soll angeblich gegen Covid-19 helfen. In Europa indes ist Resochin kaum zu haben. Nun will Bayer Werke umrüsten, um den Wirkstoff zu produzieren.

Bisher wurde das Anti-Malaria-Mittel nur in Pakistan gefertigt. Angesichts der wachsenden Nachfrage und des zunehmenden politischen Drucks soll Resochin jetzt auch in Europa hergestellt werden. Bayer-Chef Werner Baumann kündigte am Donnerstag im Interview mit dem "Handelsblatt" an, dass Produktionsanlagen auch in Europa für die Fertigung des Medikaments Resochin mit dem Wirkstoff Chloroquin angepasst werden sollen. Welche das sein sollten und bis wann die Umrüstung dauere, sagte er nicht.

"Hinweise, dass es die Viruslast senkt"

Das bereits in den 1930ern entwickelte Medikament zur Malariaprophylaxe ist schon seit einigen Wochen im Gespräch, nachdem Tests an Zellkulturen eine Hemmung der Vermehrung des neuartigen Coronavirus gezeigt hatten, der die Lungenkrankheit Covid-19 auslösen kann. Bayer sehe das Medikament mit dem Wirkstoff Chloroquin als Hoffnungsträger, sagte Vorstandschef Baumann. "Es gibt Hinweise darauf, dass Resochin im Labor und in ersten klinischen Untersuchungen die Viruslast senkt", sagte er dem "Handelsblatt". Es seien aber weitere klinische Studien notwendig, um das Verhältnis von Nutzen und Risiko zu klären. Diese würden nun unter anderem von der Weltgesundheitsorganisation WHO gestartet.

Baumann plädierte dafür, im Einzelfall medizinisch abzuwägen: "Warten wir nun große Testreihen ab, um wirklich sicher zu sein? Oder verschenken wir damit Zeit, in der wir möglicherweise Menschenleben retten können?" Baumann kündigte an, das Mittel solle Regierungen weltweit in der Krise gespendet werden.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn setzt zur Bekämpfung schwerer Corona-Erkrankungen auf Resochin. "Es gibt erste Hinweise, dass bestimmte Medikamente zu helfen scheinen", sagte der CDU-Politiker der "Bild". Allerdings seien weitergehende Studien nötig, da jedes Pharmazeutikum Nebenwirkungen habe.

Trump schwärmt von Chloroquin

Chloroquin war im März auch außerhalb von Fachkreisen verstärkt ins Gespräch gekommen, nachdem US-Präsident Donald Trump für den Einsatz des Malaria-Medikaments bei der Behandlung von Covid-19-Erkrankten geworben hatte. Experten sind angesichts möglicher Nebenwirkungen aber vorsichtig und warnen vor einer Selbstmedikation. So ist etwa in Frankreich die Behandlung von Covid-19-Erkrankten nur bei schweren Verläufen und nach Abstimmungen mit Ärzten erlaubt.

Glyphosat-Vergleich verzögert sich

Indes bremst die Corona-Krise den seit Wochen ersehnten Vergleich mit US-Klägern beim umstrittenen Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat. Bayer-Chef Werner Baumann geht von einer Verzögerung bei den Vergleichsverhandlungen wegen der Glyphosat-Klagewelle in den USA aus. "Es geht hier momentan vor allem um fehlende Möglichkeiten, persönlich zu Gesprächen zusammenzutreffen. Dies alles verlangsamt die Verhandlungen natürlich", sagte Baumann gegenüber dem "Handelsblatt" und bekräftigte damit frühere Aussagen des Mediators Ken Feinberg. "Bei dem, was sich derzeit in der Welt abspielt, wäre es sehr verständlich, wenn die Verhandlungen im Rahmen der Mediation länger dauern, als manche das erwarten." Baumann betonte aber, dass Bayer sich keinen "Zeitplan diktieren" lasse. Eine Lösung müsse für das Unternehmen wirtschaftlich vertretbar und hinreichend abschließend sein.

Der US-Staranwalt Feinberg versucht seit Monaten, eine außergerichtliche Einigung zwischen Bayer und den US-Klägern zu erreichen. Die Zahl der Kläger wegen der angeblich krebserregenden Wirkung der glyphosathaltigen Unkrautvernichter des US-Saatgutriesen Monsanto, den Bayer übernommen hat, hatte sich zuletzt auf etwa 48.600 erhöht. Nachdem mehrere geplante Gerichtsverfahren verschoben worden waren, hatten zu Jahresbeginn Spekulationen zugenommen, dass es nicht mehr lange bis zu einem Vergleich dauern könnte. Ein Vergleich könnte Bayer nach Einschätzung von Analysten zwischen acht und zwölf Milliarden Dollar kosten.

nb