Zentrale der Bayer AG in Leverkusen

Neue Anleihen platziert Hat Bayer das Glyphosat-Desaster jetzt überstanden?

Stand: 02.07.2020, 11:59 Uhr

Um den zehn Milliarden Euro teuren Vergleich mit den Glyphosat-Klägern zu stemmen, hat sich Bayer nun Geld am Anleihemarkt besorgt. Der Aktienkurs notiert allerdings wieder da, wo er vor dem Deal lag. War es doch kein Befreiungsschlag?

In der Konzernzentrale in Leverkusen herrscht Erleichterung. Endlich braucht sich Bayer-Chef Werner Baumann nicht mehr ständig mit Prozessen und Schadensersatzklagen im Zusammenhang mit dem Unkrautvernichter Glyphosat von Monsanto zu befassen. Seit einer Woche kann er sich wieder voll auf Zukunftsthemen mit Gesundheit und Ernährung konzentrieren. Und sich auf das DFB-Pokalfinale freuen, in dem die Werkself Bayer Leverkusen dem Rekordmeister FC Bayern die Feier verderben will.

Fast elf Milliarden Dollar teurer Vergleich

Am 24. Juni hat der Pharma- und Agrarchemiekonzern reinen Tisch gemacht. Bis zu 10,9 Milliarden Dollar zahlen die Leverkusener für die Beilegung des Streits um angebliche Krebsrisiken des glyphosathaltiger Unkrautvernichtungsmittels Roundup von Monsanto. Mit dem Kompromiss sollen etwa 75 Prozent der insgesamt etwa 125.000 eingereichten und drohenden Klagen abgeschlossen werden.

In einer ersten Reaktion sprachen Analysten und Fondsmanager von einem Durchbruch. "Nach den Vergleichen verschwindet nun dieses Damoklesschwert über dem Bayer-Konzern", meinte Markus Mayer von der Baader Bank. "Das mag nicht das Ende der Saga sein, aber im Prinzip scheint das Schlimmste vorbei zu sein", schrieben die Analysten der Bank HSBC.

"Rechtsrisiken reduziert"

Mit dem Vergleich könne Bayer zwar nicht die Risiken aus der Welt schaffen, aber deutlich minimieren, freute sich Fondsmanager Markus Manns von Union Investment. Und auch der gewohnt kritische Ingo Speich, Leiter Corporate Governance & Nachhaltigkeit bei Deka Investment, sprach von einem "teuren Befreiungsschlag für Bayer, der die Rechtsrisiken massiv reduziert hat und damit die Unsicherheiten am Kapitalmarkt beseitigt". Aber: Der Reputationsschaden für den Konzern lasse sich dadurch nicht aus der Welt schaffen, fügte Speich hinzu.

Bayer könne sich jetzt wieder auf die fundamentale Lage konzentrieren, urteilte das Analysehaus Bernstein - und erhöhte das Kursziel auf 90 Euro. Doch die Anleger blieben skeptisch. Die Aktie hat sich seit dem am 24. Juni verkündeten Deal kaum von der Stelle bewegt. Sie notiert knapp über 67 Euro. Ende 2019 lag sie noch sechs Euro höher.

Wissenschaftler klären, ob Roundup Krebs verursacht

Trauen die Anleger dem Vergleich nicht? Ist Bayer doch noch nicht aus dem Schneider? Tatsächlich gibt es noch einige Unwägbarkeiten. So ist die eigentliche Streitfrage weiter ungeklärt, ob das Roundup-Mittel Krebs verursacht oder nicht. Das soll nun ein Wissenschaftlergremium beurteilen, das mit fünf unabhängigen (!) Experten besetzt wird. Bayer geht davon aus, dass die Entscheidung rund vier Jahre dauern dürfte. Solange sollen die künftigen Kläger keine Ansprüche geltend machen und Schadenersatz fordern dürfen.

Wenn das Gremium 2024 zu dem Schluss kommt, dass Glyphosat nicht krebserregend ist, ist es den Mitgliedern der Gruppe nicht erlaubt, in künftigen Verfahren gegenteilige Ansprüche geltend zu machen. Sollte das Gremium allerdings urteilen, dass das Herbizid krebserregend ist, droht Bayer eine weitere Klageflut. Dann hätte der Konzern wohl ein noch größeres Problem als bisher.

Was wird aus den verbleibenden Klagen

Wie schnell Bayer die noch verbleibenden 30.000 Klagen beilegen kann, ist unsicher. Auch die drei Prozesse, die Bayer bislang vor Gericht verloren hat, sind noch offen. Sie sind nicht Teil des Vergleichs. Wie sie ausgehen, weiß momentan keiner.

Um die Milliardenkosten für die Vergleiche zu stemmen - maximal jeweils fünf Milliarden Dollar 2020 und 2021 und den Rest später - hat Bayer Geld am Anleihemarkt eingesammelt. Wie der Dax-Konzern am Mittwochabend in Leverkusen mitteilte, wurden Anleihen im Gesamtwert von sechs Milliarden Euro und Laufzeiten von vier bis zwölf Jahren platziert. Die Verzinsung liegt bei 0,375 bis 1,375 Prozent pro Jahr. Zudem soll allein der Verkauf des Tiermedizin 7,6 Milliarden Dollar einbringen - den Großteil davon in bar, einen kleineren Teil in Aktien des Käufers Elanco.

nb