Monsanto- und Bayer-Logos

Das Glyphosat-Risiko Bayer: Mühlstein Monsanto?

von Thomas Spinnler

Stand: 05.09.2018, 11:08 Uhr

Die Monsanto-Übernahme hatte sich Bayer-Chef Werner Baumann wohl anders vorgestellt. Nicht nur das Unkrautvernichtungsmittel Roundup steht im Feuer, mit Dicamba macht ein weiteres Monsanto-Produkt Sorgen. Richtig freuen dürfte sich nur die Anwaltsbranche.

Was ist nur bei Bayer los? Mitten in die Freude über die Monsanto-Übernahme platzte die Nachricht aus den USA, dass ein Geschworenengericht in der ersten Instanz die neue US-Tochter wegen verschleierter Gefahren des Unkrautvernichters Glyphosat zu einer Schadensersatzzahlung von 289 Millionen Dollar verurteilte.

Es folgte ein Beben am Aktienmarkt. In kürzester Zeit wurden Milliarden an Börsenwert vernichtet, der Aktienkurs hatte sich seit dem Rekordhoch 2015 zeitweise fast halbiert. Ob die 63 Milliarden Dollar in den Kauf von Monsanto wirklich eine kluge Investition waren? Denn die milliardenschwere Übernahme könnte weitere Milliarden verschlingen, die für endlose Prozesse plus Schadenersatz-Zahlungen in den USA aufgewendet werden müssen.

Mittlerweile sollen bereits rund 8.000 Klagen gegen Monsanto in den USA anhängig sein. Wie hoch der Schaden sein könnte, lässt sich derzeit nicht seriös einschätzen. Zahlen in Höhe von fünf Milliarden Dollar schweben im Raum. Auch Beträge, die weit darunter liegen, werden genannt.

Geldkoffer mit Dollarscheinen Monsanto- und Bayer-Logos im Innendeckel

Monsanto-Übernahme: Mal sehen, wie teuer das Geschäft wirklich wird. | Bildquelle: Unternehmen, colourbox.de, Montage: boerse.ARD.de

Wie beurteilt Bayer die Lage?

Wie groß schätzt das Bayer-Management die Risiken ein? „Mit weiteren Klagen ist zu rechnen“, heißt es dazu im aktuellen Quartalsbericht. Bayer werde sich „in all diesen Verfahren entschieden zur Wehr setzen“. Der Dax-Konzern verweist auf mehr als 800 wissenschaftliche Studien, die bestätigt hätten, dass Glyphosat nicht krebserregend sei. Der Konzern sei deshalb überzeugt, gute Argumente zu seiner Verteidigung zu haben. Bislang hatte das Management unterstrichen, dass Geld für eventuelle Schadensersatz-Zahlungen zunächst nicht beiseite gelegt werden solle.

Und wie die Erfahrung zeigt, bleibt in den USA von den zunächst fantastisch hohen Schadenersatzsummen nach Rechtsmitteln im Ergebnis deutlich weniger übrig. Ohnehin sind die Glyphosat-Risiken letztlich so umstritten, dass es gut möglich ist, dass die Gerichte in ähnlich gelagerten Fällen auch für die Bayer-Tochter Monsanto entscheiden. Zudem besteht immer die Option eines günstigen Vergleichs. „Ich erwarte keine überzogenen Milliardenzahlungen, auch nicht kurzfristig“, kommentiert Olaf Tölke, Pharmaexperte bei der Ratingagentur Scope.

Werner Baumann (l), Vorsitzender des Vorstands der Bayer AG, und Hugh Grant, Chairman und Chief Executive Officer von Monsanto

Bayer und Monsanto. | Bildquelle: picture alliance / dpa

Gute Nachrichten aus Brasilien

Und mit perfektem Timing erhält Bayer Unterstützung aus Brasilien: Ein Gericht dort hat soeben zugunsten des Glyphosat-Einsatzes gestimmt. Es hob eine einstweilige Verfügung zum Verbot von Produkten, die Glyphosat enthalten, auf, nachdem die Regierung Berufung gegen die Entscheidung eingelegt hatte. Anfang August hatte ein brasilianischer Bundesrichter entschieden, die Registrierung neuer Produkte mit Glyphosat zu stoppen und bestehende Zulassungen ab September aufzuheben.

Brasilien ist der zweitwichtigste Markt für den von Bayer übernommenen US-Saatgutriesen. Auch für den Bayer-Konzern ist das Geschäft dort von großer Bedeutung, denn Brasilien ist der Hauptwachstumstreiber für sein Agrargeschäft Crop Science.

Dicamba: Sinnvoll nur im Doppelpack   

Das eventuell krebserregende Unkrautvernichtungsmittel Roundup ist aber nicht das einzige Problem für Bayer. Die Monsanto-Produktpalette bietet ein weiteres Mittel, das immer mehr in den Blickpunkt gerät: Dicamba. Wenn man das Geschäftsmodell dieses Unkrautvernichters betrachtet, versteht man übrigens gut, warum Monsantos Image einigermaßen katastrophal ist. Dicamba wird gegen Glyphosat-resistente Unkräuter eingesetzt. Allerdings müssen Landwirte bei Monsanto auch gleich die passende genmanipulierte Pflanzensaat dazukaufen, die wiederum gegen Dicamba resistent ist. Das Mittel wird auch von BASF hergestellt.

Glyphosat-haltiges Monsanto-Unkrautvernichtungsmittel Roundup

Monsanto-Unkrautvernichtungsmittel: Wenn Roundup am Ende ist, hilft Dicamba weiter. | Bildquelle: picture alliance / dpa

Die nächste Baustelle

Die beiden größten unabhängigen Saatgut-Händler des Landes, Beck's Hybrids und Stine Seed, wollen jetzt bei den US-Behörden erreichen, dass Dicamba von Landwirten zunächst nicht mehr eingesetzt werden darf, berichtet Reuters. Der Grund: Das Unkrautvernichtungsmittel soll über die Felder wehen und die Ernten anderer Bauern vernichten, deren Saatgut nicht resistent ist.  

Erntemaschine auf einem Getreidefeld in Texas, USA

Moderne Landwirtschaft auf einem Getreidefeld in Texas. | Bildquelle: picture alliance / dpa

„Nach aktuellem Kenntnisstand von Bayer sind im Zusammenhang mit Dicamba in den USA insgesamt 37 Klagen mit 181 Klägern anhängig“, teilte der Konzern jüngst mit. Die Klagen richteten sich aber nicht ausschließlich gegen Monsanto, sondern auch gegen andere Unternehmen.  

Die knifflige Situation, in der sich Bayer befindet, erinnert Beobachter an den Lipobay-Skandal aus dem Jahr 2001. Der Blutfettsenker stand damals im Verdacht, für den Tod zahlreicher Patienten mitverantwortlich zu sein und musste vom Markt genommen werden. Der Konzern wurde mit einer Klagewelle in den USA konfrontiert und zahlte im Rahmen eines Vergleichs 1,2 Milliarden Dollar – ohne Schuldeingeständnis, wie Bayer stets unterstrich.