Bayer-Chef Werner Baumann
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Nach Misstrauensvotum der Aktionäre Bayer: Letzte Chance für Baumann

Stand: 29.04.2019, 10:45 Uhr

Werner Baumann ist der erste amtierende Vorstandschef eines Dax-Konzerns, dem die Anteilseigner das Vertrauen entzogen haben. Bekommt der Vorstand trotzdem eine zweite Chance?

Geht es nach führenden Politikern der Grünen, sollte Werner Baumann seinen Sessel räumen. "Wenn Bayer sich retten will, dann muss der Konzern sich ändern", sagte Fraktionschef Anton Hofreiter den Zeitungen der "Funke Mediengruppe". Er bezweifle aber, dass der aktuelle Vorstand dazu in der Lage sei. "Es wäre das Beste, wenn der Vorstand den Weg für einen Neuanfang frei machen würde."

Monsanto habe sich im Saatgutsektor über alle Regeln hinweggesetzt und sich für soziale und ökologische Folgen seines Wirtschaftens nie interessiert. Sven Giegold, Europa-Spitzenkandidat der Grünen, warnte in der "Rheinischen Post": Wenn die Konzernspitze "stur weitermacht wie bisher, droht das Unternehmen zu einem zweiten RWE in Nordrhein-Westfalen zu werden".

Historische Tragweite

Tatsächlich hat die vom Bayer-Vorstand am Freitag auf der Hauptversammlung erlittene Schlappe eine historische Dimension, ist doch Baumann der erste amtierende Vorstandschef eines Dax-Konzerns, dem die Anteilseigner das Vertrauen entzogen haben.

Zuvor konnten Vorstand und Aufsichtsrat stets mit sozialistischen Zustimmungswerten von 97 Prozent und mehr rechnen. Doch angesichts der gigantischen Wertvernichtung seit der Übernahme von dem schon seit Jahren höchst umstrittenen Agrarchemiekonzern Monsanto üben sich die Aktionäre in Widerstand.

"Eine Schande"

An der Börse ist der Leverkusener Traditionskonzern, einst wertvollstes Unternehmen im deutschen Aktienbarometer Dax, mit 56 Milliarden Euro mittlerweile nur noch so viel wert, wie das Unternehmen als Kaufpreis für Monsanto auf den Tisch gelegt hat. Zahlreiche Großaktionäre haben daher bereits im Vorfeld angekündigt, den Vorstand und teilweise auch den Aufsichtsrat nicht entlasten zu wollen.

Zu Recht wie Marc Tüngler von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) betont: "Nie zuvor hat ein Dax -Konzern Reputation und Wert so schnell eingebüßt - das ist eine Schande."

Zweite Chance?

Bekommt Werner Baumann nun trotzdem eine zweite Chance oder muss er den Konzern mit Schimpf und Schande verlassen? Rechtlich ist das Misstrauensvotum der Aktionäre zwar nicht bindend, doch zeigen Beispiele aus der Vergangenheit, dass schon weit weniger schlechte Abstimmungsergebnisse zu personellen Konsequenzen geführt haben.

Die Vorstände der Deutschen Bank Anshu Jain (l.) und Jürgen Fitschen

Deutsche-Bank-Vorstände Bank Anshu Jain (l.) und Jürgen Fitschen. | Bildquelle: picture alliance / dpa

Die Deutsche-Bank-Chefs Jürgen Fitschen und Anshu Jain bekamen 2015 bei der Entlastungsfrage nur zu rund 61 Prozent Zustimmung des anwesenden Grundkapitals. Nur wenige Wochen später traten beide zurück. Einen historisch niedrigen Wert erhielt 2018 der ehemalige Chef der Deutschen Börse, Carsten Kengeter, mit 24 Prozent - allerdings war er bereits zuvor wegen umstrittener Aktiengeschäfte zurückgetreten.

DWS lehnt Rücktritt ab

Einen Rücktritt von Baumann zum gegenwärtigen Zeitpunkt hält die Fondsgesellschaft DWS "zum aktuellen Zeitpunkt nicht für sinnvoll", teilte der größte deutsche Einzelinvestor des Leverkusener Konzerns am Montag mit. Die DWS erwartet aber von Bayer eine klare Strategie, wie man mit Reputations- und Nachhaltigkeitsrisiken umgehen will.

"Die DWS hat sich bei der Entlastung enthalten, da wir mit der Aktienkursentwicklung alles andere als zufrieden sind und aus unserer Sicht die Rechtsrisiken von Bayer unterschätzt worden sind", sagte Nicolas Huber, Leiter Corporate Governance bei der DWS, mit Blick auf die Monsanto-Übernahme. "In einem Jahr haben wir Aktionäre dann hoffentlich mehr Klarheit."

Letzte Chance

Die Fondsgesellschaften Union Investment und Deka hatten gegen die Entlastung des Bayer-Vorstands gestimmt, wollen diesem aber ebenfalls eine zweite Chance geben. Denn ein Austausch des Managements zum derzeitigen Zeitpunkt - dem Unternehmen steht eine in ihren Ausmaßen gigantische Klagewelle in den USA bevor - könnte Bayer vollends in Chaos stürzen. Sollte der Aktienkurs jedoch weiter einknicken, dürfte Baumann der nächsten Hauptversammlung in einem Jahr wohl kaum mehr als Vorstandschef beiwohnen.

lg