Bayer-Chef Werner Baumann

"Monsanto-Kauf war und ist eine gute Idee" Bayer-Chef hält Kursverluste für stark übertrieben

Stand: 24.03.2019, 15:49 Uhr

Seit der Monsanto-Übernahme im vergangenen Sommer hat der Bayer-Konzern gut 40 Prozent an Börsenwert eingebüßt. Trotz der jüngsten Schlappe vor Gericht sei der Monsanto-Deal weiter richtig, betont der Bayer-Chef.

Mit Risiken und Nebenwirkungen kennt sich Werner Baumann als Chef des Pharma- und Agrarchemie-Konzerns aus. Das Leben sei immer lebensgefährlich, sagt er gerne mit flapsigem Unterton. Doch die Risiken und Nebenwirkungen beim Monsanto-Deal hat Baumann und seine Führungsriege offenbar unterschätzt.

In der vergangenen Woche musste Bayer erneut einen herben Rückschlag in einem wegweisenden Prozess hinnehmen. Eine Jury des Bundesbezirksgerichts in San Francisco befand, dass das Produkt ein wesentlicher Faktor für die Lymphdrüsenkrebs-Erkrankung des 70-jährigen Klägers gewesen sei. Damit geht der Prozess mit derselben Jury in eine zweite Phase, in der die Haftungsfragen geklärt werden sollen. Dabei geht es auch darum, ob Monsanto über Risiken hinwegtäuschte und wie hoch der mögliche Schadenersatz ausfallen könnte.

Anwalt: "Bayer lügt die Öffentlichkeit an!"

"Der Konzern lügt die Öffentlichkeit immer weiter an", wirft Anwalt Pedram Esfandiary von Baum Hedlund Aristei & Goldman, einer der führenden Kanzleien für Produkthaftungsklagen, dem Bayer-Konzern in der "Welt am Sonntag" vor. "Am Ende werden sich die Fakten durchsetzen." Es könne doch niemand nach all den Erkenntnissen der vergangenen Monate noch ernsthaft behaupten, Roundup sei ein sicheres Produkt. "Entweder Bayer will die Dinge nicht sehen, wie sie wirklich sind, oder sie haben sich entschlossen, Monsantos Lügen einfach weiterzuerzählen."

Bayer verweist auf wissenschaftliche Studien, die belegen sollen, dass glyphosatbasierte Herbizide keinen Krebs verursachen. Seit Wochen tingeln die Manager durch Europa und versuchen die Presse mit ihren Argumenten zu überzeugen.

Milliarden an Börsenwert verpufft

Doch die Anleger glauben Bayer offenbar nicht. Sie befürchten schwer kalkulierbare Milliardenrisiken durch mögliche Schadenersatz- und Vergleichszahlungen. Der Aktienkurs von Bayer ist auf 60 Euro abgesackt. Alleine in der vergangenen Woche gab es ein Minus von 12,5 Prozent. Damit wurden weitere Milliarden Euro an Börsenwert vernichtet. 2015 hatten die Bayer-Aktien noch mit gut 140 Euro ihren Höchstkurs erreicht.

Die Abschläge an der Börse infolge der Gerichtsschlappen hält Bayer-Chef Baumann für stark übertrieben: "Wenn es darum geht, Unsicherheiten zu bewerten, neigt die Börse zu Übertreibungen", sagte er der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" (FAS).  Die gute Verfassung des Unternehmens, die hervorragenden Wachstumsperspektiven, die Ertragskraft - all das sehe er "nur sehr unvollständig im derzeitigen Börsenwert gespiegelt", meint Baumann.

Baumann kann Ärger der Aktionäre verstehen

Die Wut der Bayer-Aktionäre könne er verstehen. "Sie leiden massiv unter den Glyphosat-Klagen." Er selbst sei vom Kurssturz aber auch betroffen, da er erheblich in die Aktien investiert habe.

Baumann verteidigte erneut den milliardenschweren Kauf des umstrittenen US-Saatgutkonzerns Monsanto gegen wachsende Kritik. "Der Monsanto-Kauf war und ist eine gute Idee", sagte er im Interview mit der FAS.

"Habe volle Rückendeckung des Aufsichtsrats"

Gedanken an einen Rücktritt wies der Manager von sich. "Der Vorstand hat die volle Rückendeckung des Aufsichtsrats", erklärte er der Zeitung.

Ob das beim nächsten Rückschlag vor Gericht immer noch so sein wird, ist fraglich. Mit jeder weiteren Schlappe wächst die Gefahr, dass aktivistische Fonds Unternehmensanteile von Bayer kaufen und den Konzern zerschlagen, schreibt "Der Spiegel".

Strenger: "Größter Wertvernichter der Dax-Geschichte"

Auf der Hauptversammlung Ende April wird sich der Bayer-Manager harscher Kritik stellen müssen. So bezeichnete Christian Strenger, Gründungsmitglied der Regierungskommission Deutscher Corporate Governance Kodex, den Monsanto-Kauf jüngst in einem dem "Manager Magazin" vorliegenden Brief als "den größten und schnellsten Wertvernichter der Dax-Geschichte". Strenger fordert demnach, Baumann und seinen Vorstandskollegen die Entlastung zu verweigern.

Bis Ende Januar wurden Monsanto in den USA glyphosatbezogene Klagen von etwa 11.200 Klägern zugestellt. Im August hatte ein Gericht einem Kläger 78 Millionen Dollar Schadensersatz zugesprochen und Monsanto zu weiteren 250 Millionen Dollar Strafe verdonnert. In der zweiten Instanz wurde die Strafe auf 39 Millionen Dollar reduziert.

Keine Rückstellung für Schadensersatz-Zahlungen

Eine Hochrechnung dieser Summe auf die über 11.000 Klagen zu machen, gehe völlig an die Realität vorbei, meinte Baumann. Bayer gibt sich selbstbewusst und ist überzeugt, dass die Urteile in den nächsten Instanzen aufgehoben werden. Notfalls wollen die Leverkusener jahrelang Klage für Klage anfechten. Für mögliche Schadensersatzzahlungen hat Bayer bisher keinen Cent zurückgestellt.

nb