Emmerich Müller, Bankhaus Metzler

"Würde das Vertrauen in Euro erhöhen!" Banken fordern Ende der Negativzinsen

Stand: 09.02.2020, 15:40 Uhr

Die ultralockere Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) stößt auch in der deutschen Finanzbranche zunehmend auf Widerstand. Die Forderungen, die Negativzinsen abzuschaffen, werden lauter. Am Wochenende rief der Metzler-Chef zum Umdenken auf.

Mit dem Wechsel an der EZB-Spitze von Mario Draghi zu Christine Lagarde sind die Hoffnungen auf einen Kurswechsel der europäischen Währungshüter gestiegen. Zumal Lagarde bei mehreren Auftritten vor der Frankfurter Finanz-Community und der Presse versprochen hat, die Geldpolitik auf den Prüfstand zu stellen und den Sorgen der Bürger mehr Gehör zu schenken.

Metzler-Chef hofft auf Einstieg in den Ausstieg

Christine Lagarde

Christine Lagarde. | Bildquelle: picture alliance/Xinhua

Nach Ansicht des Frankfurter Bankiers Emmerich Müller, Partner der traditionsreichen Metzler Bank, sollte die EZB ihre Strategieüberprüfung zum Einstieg in den Ausstieg aus der ultralockeren Geldpolitik nutzen. "Ich hoffe, dass wir in absehbarer Zeit zumindest die nominalen Negativzinsen hinter uns lassen. Sobald es die Umstände erlauben, sollte die EZB den Einlagensatz anpassen", sagte Müller der dpa. "Dass diese Negativzinsen auf Dauer eine erhebliche Auswirkung auf die Stabilität des Finanzsystems haben, ist auch der EZB geläufig."

Müller ist überzeugt: "Eine Zinspolitik, die besser kommuniziert wird, könnte zu einer breiteren Zustimmung in der Öffentlichkeit - auch zum Euro - führen." Gerade in Deutschland gab und gibt es viel Kritik am Kurs der Notenbank.

Banken und Sparern macht das Zinstief zu schaffen. Für Sparer sind Zinsen auf Sparbuch und Tagesgeldkonten quasi abgeschafft. Wer viel Geld bei der Bank bunkert, dem drohen sogar Negativzinsen.

Banken und Anleger leiden

Banken müssen derzeit 0,5 Prozent Zinsen zahlen, wenn sie Geld bei der EZB parken. Auch wenn es inzwischen höhere Freibeträge gibt, ist das eine Milliardenbelastung für die Finanzbranche im Euroraum. Den Banken brechen im Zinstief die Erträge weg. Unter dem Druck der niedrigen Zinsen kündigte am Donnerstag die Deutschland-Tochter der niederländischen Bank ING an, das kostenlose Girokonto für einen Teil ihrer Kunden abzuschaffen. Auf wessen Girokonto nicht regelmäßigen mindestens 700 pro Monat eingehen, der müsse ab Mai monatlich 4,90 Euro zahlen, sagte Vorstandschef Nick Jue.

Angestoßen von der seit November amtierenden EZB-Präsidentin Christine Lagarde hat die Notenbank eine umfassende Überprüfung der geldpolitischen Strategie beschlossen - die erste seit 2003. Dabei geht es unter anderem um den geldpolitischen Werkzeugkasten, die Messung der Inflation und die Kommunikation der Notenbank.

Börsen-Chef sieht verdeckte "Geldsteuer"

Theodor Weimer

Theodor Weimer. | Bildquelle: picture alliance / Arne Dedert/dpa

Anfang der Woche hatte bereits Deutsche-Börse-Chef Theodor Weimer mit dramatischen Worten vor der den negativen Folgen der ultralockeren Geldpolitik gewarnt. Unter den niedrigen Zinsen litten die Unternehmen mit ihren Pensionsfonds, es drohe deshalb die Altersvorsorge kaputtzugehen. Die niedrigen Zinsen wirkten wie eine heimliche Steuer auf Geld, sagte Weimer beim Neujahrsempfang der Börse. Anleger würden gezwungen, ins Risiko zu gehen. "Das Vertrauen in Geld wird riskiert."

Die neue EZB-Präsidentin Lagarde dürfte genau hingehört haben. Sie war als Gast beim Neujahrsempfang eingeladen. Die Rede zur Geldpolitik überließ sie aber Bundesbank-Chef Jens Weidmann. Dieser begrüßte, dass die EZB erstmals seit 2003 ihre Strategie umfassend auf den Prüfstand stelle.

Ehrhardt: EZB könnte auf Null gehen!

Dr. Jens Ehrhardt

Dr. Jens Ehrhardt. | Bildquelle: Imago

Manche Börsenprofis rechnen tatsächlich mit einer kleinen "Zinswende". "Es gibt die Theorie, dass die EZB die Zinsen leicht erhöht", sagte kürzlich Fondsmanager und Vermögensverwalter Jens Ehrhardt von DJE Kapital. Die europäischen Währungshüter könnten die Zinsen vom Minus- auf das Null-Niveau drehen. Seiner Einschätzung nach könnte es einen Deal zwischen Bundeskanzlerin Angela Merkel und EZB-Chefin Lagarde geben. Deutschland könnte mehr politische Stimuli in Aussicht stellen, im Gegenzug würde die EZB die Zinsen leicht anheben.

Auch Experten wie Bantleon-Vorstand Jörg Schubert glaubt, dass die EZB mit ihren lockeren Geldpolitik langsam an ihre Grenzen stößt. Bis Mitte des Jahres hätte die Zentralbank ihre Kauflimits bei Anleihen erreicht, erklärte er. Darüber hinaus wären die Notenbanken von Schweden und auch Japan von ihrer lockeren Geldpolitik etwas abgerückt.

Was EZB-Präsidentin Lagarde genau vorhat, ist noch unklar. Sie wird wohl erst einmal die Wirkung der jüngsten Anleihekäufe und die Entwicklung der europäischen Konjunktur abwarten, bis sie eingreift. Die frühere Politikerin weiß, dass die lockere Geldpolitik kein Dauerzustand sein kann. Am liebsten wäre ihr gar kein QE, wenn es möglich wäre, sagt sie. Aber bis es zu einem Einstieg in den Ausstieg aus der ultralockeren Geldpolitik kommt, wird es wohl noch Monate, vielleicht auch Jahre dauern.

nb