Schaeffler Bio-Hybrid

Die Jobmaschine stottert Autozulieferer in der Strukturkrise

von Notker Blechner

Stand: 02.09.2019, 07:00 Uhr

Schaeffler führt heute Kurzarbeit ein, Bosch plant Stellenstreichungen und Conti erwägt gar Werksschließungen - die Autoflaute bringt vor allem die Zulieferer ins Schleudern. Bricht der deutschen Wirtschaft das Rückgrat weg?

Experten sprechen vom "Domino-Effekt". Wenn der Autoabsatz sinkt und die Hersteller vom Verbrenner auf die Batterie umstellen, leiden vor allem die Zulieferer. Denn BMW, Daimler, VW & Co reichen den Kostendruck einfach an ihre Lieferanten weiter.

So mehrten sich in jüngster Zeit die Hiobsbotschaften aus der einst verwöhnten Branche. Im ersten Halbjahr brachen die Gewinne der Zulieferer ein. Conti kassierte seine Jahresprognose, Schaeffler verkündete eine Gewinnwarnung, Leoni meldete rote Zahlen, und ZF Friedrichshafen korrigierte seine Umsatzziele.

Bosch: "Der Rückenwind ist weg!"

Und selbst der Branchenprimus Bosch warnte jüngst vor schlechteren Zeiten. "Der Rückenwind ist weg", klagte jüngst Bosch-Chef Volkmar Denner in der "Süddeutschen Zeitung". "Wir gehen davon aus, dass die Automobilproduktion in den kommenden Jahren stagnieren wird – anders als in der Vergangenheit, als es fast immer aufwärts ging", prophezeite er.

Es herrscht Katerstimmung in der Branche. "Wir haben einige Super-Jahre erlebt", sagt Autoexperte Peter Fuß von der Beratungsgesellschaft EY (früher Ernst & Young). "Diese Feierlaune ist jetzt vorbei."

Umsatz und Profitabilität schrumpfen

Bereits in diesem Jahr drohe der Branche die Vollbremsung, glauben die Berater von Roland Berger und der Investmentbank Lazard. In einer Studie haben sie die Bilanzen von 600 Autozulieferern weltweit analysiert. Ihr Fazit: Erlöse und Gewinne werden 2019 erheblich schrumpfen. In diesem Jahr dürfte der Umsatz der Zulieferer um fünf Prozent sinken. Noch stärker dürfte die Profitabilität zurückgehen. Die operative Umsatzrendite (Ebit-Marge) werde voraussichtlich nur noch bei rund sechs Prozent liegen, der niedrigste Wert seit 2012.

Als Ursache nennen die Experten vor allem die konjunkturelle Abkühlung und den schwachen Pkw-Absatz in China. Die Autoverkäufe im Reich der Mitte brachen seit Jahresbeginn unerwartet heftig ein. Weil auch in den USA der Autoboom vorbei ist und in Europa die Nachfrage sinkt, konnte die China-Delle nicht kompensiert werden. In den ersten sechs Monaten wurden weltweit fünf Prozent weniger Fahrzeuge produziert als im Vorjahreszeitraum. Besserung ist vorerst kaum in Sicht.

"Im Sturm der Mobilitätswende"

Hinzu kommen die strukturellen Veränderungen in der Branche hin zur Elektromobilität und zum autonomen Fahren. Der Sektor befinde sich "im Sturm der Mobilitätswende", schreiben die Experten von EY und Lazard. "Die Autoindustrie steht vor dem größten Wandel ihrer Geschichte", sagt Stefan Wolf, Chef des Dettinger Zulieferers ElringKlinger. Künftig wird es immer weniger Verbrenner und immer mehr Elektroautos geben. Das verändert dramatisch die Produktion in der Auto- und Zuliefererindustrie. Einige Produkte, die in Autos mit Benzin- und Dieselmotoren verbaut sind, fallen künftig weg.

Für E-Autos sind weniger Einzelteile und weniger Arbeitsprozesse erforderlich. "Wenn wir bei einem Dieseleinspritzsystem zehn Mitarbeiter beschäftigen, sind es bei einem Benzinsystem drei und bei einem Elektrofahrzeug nur noch einer", hat Bosch-Chef Denner ausgerechnet. Der Weg vom Verbrenner hin zu Elektroautos wird also massiv Jobs kosten.

Tausende Jobs in Gefahr

Nach Schätzungen des Fraunhofer-Instituts für Arbeitswirtschaft und Organisation werden bis 2030 rund 75.000 Stellen in der deutschen Autoantriebsindustrie wegfallen, wenn dann ein Viertel aller Fahrzeuge mit Batterieantrieb vom Band kommen. Einige Regionen dürfte es besonders hart treffen. Wenn nichts passiert, drohen industrielle Wüsten, warnte jüngst IG-Metall-Chef Jörg Hofmann.

Noch deutlicher wird Bernd Osterloh, Gesamtbetriebratsvorsitzender von VW, Die Klimaschutzpolitik der Bundesregierung gefährde den Industriestandort Deutschland, kritisierte er in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung". Verbrennungsmotoren würden zu schnell abgeschafft, während die Politik den Aufbau einer Ladeinfrastruktur für Elektroautos vernachlässige. "Die Großen wie Bosch, Conti oder Schaeffler haben Probleme, und bei den kleinen Zulieferern sieht es teilweise dramatisch aus", schimpfte Osterloh. Wenn das so weitergehe, "werden wir in Deutschland bald Landstriche haben, in denen Unternehmen schließen und Arbeitsplätze verloren gehen", warnte er.

Erste Pleiten

Bei kleinen und mittleren Zulieferern gibt es schon erste Pleiten. Im Juni meldete der Zulieferer Weber Automotive Insolvenz an. Das Unternehmen am Bodensee liefert Motorblöcke für Mercedes-Modelle, Getriebegehäuse für ZF Friedrichshafen und Zylinderköpfe für BMW. Ende Juli ging auch der Zulieferer Eisenmann in die Insolvenz.

Mit Kurzarbeit, Jobabbau, Standortverlagerungen oder gar Werkschließungen versuchen sich die meisten Zulieferer gegen die Flaute zu stemmen. Mann+ Hummel will weltweit 1.200 Jobs streichen, Schuler baut 500 Stellen in Deutschland ab, Schaeffler führt ab heute die Kurzarbeit im Werk Erlangen-Frauenbach ein und verkürzt ab Dezember die Arbeitszeit. Und Conti denkt über die Schließung des Werks in Oppenweiler nach.

Auf der IAA, die nächste Woche in Frankfurt startet, dürfte denn auch die Stimmung unter den Zulieferern angespannt sein. Ankündigungen von weiteren Hiobsbotschaften und Stellenstreichungen sind nicht auszuschließen.