Saudi Aramco

Ölgigant lässt viele Fragen offen Aramco-Börsengang: Risiken und Nebenwirkungen

Stand: 11.12.2019, 08:06 Uhr

Der größte Börsengang aller Zeiten hat heute das wertvollste Unternehmen der Welt hervorgebracht. Der saudische Ölmulti Aramco stellt Apple und Microsoft damit in den Schatten. Die Aktie und das Unternehmen bleiben aber eine heikle Wette, für Investoren und sogar für Saudi-Arabien selbst.

25,6 Milliarden Dollar wird das staatliche Unternehmen heute bei seinem Börsengang einspielen, der größte Erlös aus einem Börsengang, der je zustande kam. Dabei hat Aramco nur einen winzigen Teil seiner Aktien an der Börse in Riad platziert: 1,5 Prozent. Insgesamt kommt das Unternehmen zum Börsenstart auf einen Börsenwert von rund 1,7 Billionen Dollar, deutlich mehr als die bislang wertvollsten Unternehmen der Welt, Apple und Microsoft, die jeweils bei knapp 1,2 Billionen Dollar angesiedelt sind. Die Aramco-Aktie startete heute mit 35,2 Riyal in den Handel, klar über dem Ausgabepreis von 32 Riyal.

Deutlich weniger Einnahmen als geplant

Aber ist Aramco wirklich so viel wert? Experten zweifeln aus vielen Gründen daran. Und die Tatsache, dass der Börsengang nun deutlich weniger finanziellen Wert geschaffen hat, zeigt diese Zweifel bereits auf. Der saudische Kronprinz Kronprinz Mohammed bin Salman hatte sich ursprünglich einen Börsenwert von zwei Billionen Dollar vorgestellt. Und er wollte eigentlich fünf Prozent an Saudi Aramco an die Börse bringen, um damit rund 100 Milliarden Dollar zu erlösen.

Saudi Aramco, Ölfeld

Saudi Aramco. | Bildquelle: Unternehmen

Der Kronprinz will mit dem nun deutlich kleineren Erlös den Umbau des Golfstaates weg vom Öl finanzieren. Dieser Plan wird nun ein wenig durch die geringere Nachfrage nach den Aktien, vor allem von großen Investoren durchkreuzt. Zwar war die Aktie massiv überzeichnet, das lag aber vor allem am deutlich geringer als geplanten Angebot an Papieren. Und nicht zuletzt hatten einheimische Investoren, bis hin zu vielen Privatanlegern, die Aramco-Aktie aus patriotischen Gründen gezeichnet. Der nun eingefahrene Erlös entspricht nur etwa einem Viertel des Jahresgewinns der vergangenen Jahre bei Aramco. Einige Beobachter halten den Börsengang damit vor allem für ein politisches Signal des Kronprinzen, der damit seine Entschlossenheit demonstrieren wolle.

Investmentbanken kaltgestellt

Die Zurückhaltung der internationalen Investoren hat mehrere Gründe: Der Kronprinz hatte eine Reihe von internationalen Bankhäusern aus dem Konsortium für den Börsengang gedrängt, er setzte statt dessen auf einheimische Institute wie die National Commercial Bank NBC und Samba Capital. Dadurch gingen den großen Investmenthäusern aus den USA und Europa wie Goldman Sachs oder Credit Suisse Gebühren von geschätzt 90 Millionen Dollar durch die Lappen. Die Verstimmung in der Investmentwelt dürfte Aramco noch lange verfolgen.

Umgekehrt fremdeln internationale Banken und Fondsgesellschaften schon seit langem mit einem Investment in Aramco-Anteile. Zum einen spielen dabei Imageprobleme eine Rolle. Saudi-Arabien hat besonders nach der Ermordung des Journalisten Jamal Khashoggi im Oktober 2018 ein ramponiertes Image bei internationalen Anlegern.

Öl (WTI): Kursverlauf am Börsenplatz Deutsche Bank für den Zeitraum Intraday
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Öl (Brent): Kursverlauf am Börsenplatz Deutsche Bank für den Zeitraum Intraday
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Ölbranche mit massivem Imageproblem

Dazu kommt das denkbar schlechte Timing, auch dies in mehrfacher Hinsicht. Die Diskussionen um den Klimawandel, die Reduzierung von Treibhausgasen und den Abschied von fossilen Brennstoffen lassen den Riesen-Börsengang unzeitgemäß erscheinen. Und das IPO findet nach einem Sommer heftiger Klimadebatten und zeitgleich mit dem UN-Klimagipfel in Madrid statt. Dort wird gerade über Maßnahmen zur Einhaltung des 1,5 Grad-Ziels bei der Klimaerwärmung gerungen.

Über die Börsenbewertung eines Unternehmens, dessen Geschäftsmodell fast ausschließlich auf der Ausbeutung fossiler Energien beruht, lässt sich grundsätzlich streiten. Aber auch unter Einbeziehung der Finanzkennziffern von Aramco scheint die Aktie nicht wirklich "günstig" zu sein. Im Branchenvergleich hat der Titel derzeit ein höheres Kurs-Gewinn-Verhältnis als die meisten Mitbewerber im Ölsektor. Dieses KGV basiert auf einem Ölpreis von rund 60 Dollar bei der Nordseesorte Brent.

KGVs im Ölsektor

KGVs im Ölsektor. | Bildquelle: Bloomberg, Saudi Aramco, Grafik: boerse.ARD.de

Öl im Überangebot

Dass die Ölpreise in den kommenden Monaten nennenswert steigen und mehr Gewinne in die Kasse von Aramco spülen werden, bezweifeln Experten. Zwar hat das Ölkartell Opec in der vergangenen Woche die Ölförderung um weitere 500.000 Barrel pro Tag gekürzt, um das Angebot weiter zu verknappen. Doch die derzeit geförderten Mengen liegen trotzdem deutlich über der Öl-Nachfrage auf dem Weltmarkt. In den kommenden Monaten und Jahren könnte der Preisdruck also anhalten - mit entsprechenden Auswirkungen auf die Gewinne von Aramco und die Aramco-Aktie.

Die Aktie ist bislang nur an der Heimatbörse in Riad am Börsenplatz Tadawul notiert. Ein Listing an einem der großen Börsenplätze, etwa an der New York Stock Exchange, könnte in den kommenden Jahren erfolgen. Am Börsenstandort Riad aber wird die Aramco-Aktie allein durch ihren schieren Börsenwert über Wohl und Wehe der Tadawul All-Share-Index (TASI) entscheiden. Das Risiko mit der Aramco-Aktie wird dann im Ernstfall vielleicht sogar zum Risiko für die saudischen Herrscher.

AB