Whole Foods Market

Die Revolution des Lebensmittelhandels Amazon und der Supermarkt der Zukunft

von von Angela Göpfert

Stand: 15.08.2018, 07:00 Uhr

Heute vor einem Jahr übernahm Amazon die Biolebensmittelkette Whole Foods. Es war der Startschuss für einen Supermarkt-Krieg der Superlative. Wer wissen möchte, wie der Lebensmittelhandel der Zukunft aussieht, der werfe einen Blick in die USA.

Am 15. August 2017 erklärte Jeff Bezos Walmart, Kroger & Co. den Krieg. Für 14 Milliarden Dollar kaufte er die Biolebensmittel-Supermarktkette Whole Foods. Es war ein Weckruf für die schläfrige Branche, mehr noch: ein Schock. 

So brach etwa der Aktienkurs von Kroger, mit 2.800 Läden die größte Lebensmittel-Supermarktkette in den USA, damals um mehr als 25 Prozent ein. Auch bei Walmart und Target drückten Anleger panisch auf die Verkaufstaste.  

Lieferungen bis in den Kofferraum

Ein Jahr später ist der Supermarkt-Krieg in den USA im vollen Gange. Im Frühling spielte Bezos zwei wichtige Karten aus: erstens besondere Preisangebote für Prime-Kunden in Whole-Foods-Märkten, zweitens die Auslieferung von via "Prime Now" bestellten Lebensmitteln durch Whole Foods.  

Whole Foods Market in New York mit Sonderpreisen für Amazon Prime Mitglieder

Amazon - zwischen Obst und Serien . | Bildquelle: Imago

Im August legte Bezos im Kampf um bequeme Lebensmittelkunden dann nochmals nach. Über die "Prime Now"-App können Kunden Lebensmittel bestellen und sich dann vor einem Whole-Foods-Laden direkt in den Kofferraum laden lassen - und das innerhalb von 30 Minuten. Zunächst wird das Angebot in Sacramento und Virginia Beach getestet. Weitere Städte sollen folgen.  

Kurze Lieferzeiten - das ist der Hebel, mit dem Bezos schon die tradierte Einzelhandelswelt in die Knie gezwungen hat. Für die unmittelbare oder zumindest zeitnahe Befriedigung ihrer Bedürfnisse sind viele Kunden nämlich bereit, einen ordentlichen Preisaufschlag zu zahlen. Wohl keiner hat das so gut verstanden wie Bezos.  

Simple Mathematik - think big

Doch laut CNBC kaufen nur 20 Prozent der US-Prime-Kunden bei Whole Foods ein. Es ist simple Mathematik: Schafft es Amazon, den Anteil seiner Prime-Mitglieder, die bei Whole Foods shoppen, von 20 auf 50 oder gar 75 Prozent nach oben zu schrauben, ist der Weg an die Spitze des Lebensmittelhandels in den USA gar nicht mehr so weit.  

Denn wer Bezos' Werdegang kennt, weiß: Mit weniger dürfte sich der reichste Mensch der modernen Geschichte kaum zufriedengeben. Nicht umsonst lautet sein Motto: "Think big". 

Keine Kassen, keine Schlangen

Walmart Pickup-Tower

An diesem "Pickup Tower" können Walmart-Kunden ihre online bestellten Waren rasch mitnehmen. | Bildquelle: Walmart

Allerdings wird der Weg auf den Obst- und Chips-Gipfel kein leichter sein. Denn die Konkurrenz hat sich vom ersten Schock mittlerweile gut erholt und holt jetzt zum Gegenschlag aus. Walmart hat in vielen Geschäften so genannte "Pickup Towers" installiert, an denen Kunden ihre Online-Bestellungen abholen können.  

Insiderberichte deuten zudem darauf hin, dass Walmart Gespräche mit Microsoft führt. Es geht um die Einführung einer Amazon-Go-ähnlichen Technologie in Walmart-Läden.

Amazon Go

Amazon Go Shop

Im Januar 2018 startete der erste "Amazon Go"-Supermarkt in Seattle. Käufer können die Waren direkt in ihre Einkaufstaschen legen - und am Ende das Geschäft einfach verlassen. Der Betrag wird dann automatisch vom Amazon-Konto des Nutzers abgebucht. Ein langes Anstehen an der Kasse entfällt.  

 Lieferfahrzeuge ohne Fahrer

Auch das Kroger-Management ist nicht in Panik verfallen, sondern hat klug reagiert. So wurde der Abholservice für Onlinebestellungen ausgebaut und ein Heimlieferservice eingeführt, der ab einem Bestellwert von 35 Dollar kostenlos ist.  

Als strategisch wertvoll dürfte sich auf lange Sicht auch der Einstieg beim erfolgreichen britischen Online-Supermarkt Ocado erweisen, sichert sich Kroger so doch den exklusiven Zugang zu den Technologieplattformen der Briten in den USA.

Am spektakulärsten ist aber wohl die jüngste Ankündigung eines Pilotprojekts mit dem US-Startup Nuro. Das will Lebensmittel mit einem fahrerlosen Fahrzeug ausliefern. Der Nuro R1 ist fast so groß wie ein SUV; entwickelt wurde er von zwei ehemaligen Mitarbeitern aus Googles Projekt zum autonomen Fahren.  

Nuro R1

Lebensmittel-Lieferungen ohne Fahrer - der Nuro R1. | Bildquelle: Unternehmen

An Übernahmen führt kein Weg vorbei

Doch um Amazon wirklich etwas entgegensetzen zu können, wird auch das nicht reichen. Dazu müsste die Konkurrenz Amazon schon mit den eigenen Waffen schlagen: "Think big". Heißt in diesem Fall: Wachstum durch Übernahmen.  

Laut Branchenexperten wären folgende Übernahmen sinnvoll: Walmart kauft Costco oder Salesforce, Kroger könnte sich Target einverleiben. Und das am besten, bevor Amazon Target kauft.  

Die Manager von Walmart, Kroger & Co. müssen in großen Dimensionen denken - nur so können sie den Supermarkt-Krieg gegen Amazon gewinnen. 

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